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Gauner, Diebe, Moralapostel

„(Die) Räuber“ nehmen gefangen und entlohnen mit einem grandiosen Stück

Gauner, Diebe und Moralapostel – wer will da Richter sein? Das Urteil des Publikums nach der ausverkauften Premiere des Freudenstädter Sommertheaters am Dienstagabend in und um das Schlosshotel „Waldlust“: „(Die) Räuber“ sind grandios!

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Annette Maria Rieger
In der „Waldlust“ gerät das Publikum während der kommenden drei Wochen unter „(Die) ... In der „Waldlust“ gerät das Publikum während der kommenden drei Wochen unter „(Die) Räuber“ – und wird spannend wie vielschichtig unterhalten. Bilder: Kuball

Freudenstadt. An die 300 Theatergäste hatten sich gerade erst entspannt im „Waldlust“-Park niedergelassen, einen „Abenteuer“-Cocktail genossen und vielleicht auch ein Forellen-Baguette – da waren sie schon mitten unter ihnen. Schurken, Gichtkranke, Scharlatane. Eine Kutsche fährt vor, wird von Räubern geentert, Polizeibüttel treten auf, befragen das Publikum.

Der schöne Fritz (Uwe Kotschner). Der schöne Fritz (Uwe Kotschner).

Ehe man sich versieht, ist man selbst Teil der Geschichte. Und wird abgeführt. Richtung „Waldlust“. Dort erteilen die Darsteller im Chor vom Balkon herab erste Lektionen in Sachen Gaunergeschichten aus dem Schwarzen Wald, breiten die Umstände aus, durch die der Besenfelder Mathias Friedrich Ludwig Klumpp anno 1820 zum gefürchteten Räuber wurde – obgleich er als „Schöner Fritz“ nicht ganz in den legendären Ruf eines Hannickels, eines Konstanzer Hans oder Schinderhannes gelangte. Der Dreißigjährige Krieg, die Französische Revolution, die Missernte 1817 nach dem Ausbruch des Mount Tamoras in Indonesien, so referieren die Schauspieler, setzten die Vorzeichen seines unglückseligen, mitunter aber auch freien Lebens.

Mit dem Eintritt ins Schlosshotel „Waldlust“ zeigt sich Freudenstädtern und Gästen, welch verwunschene Schönheit es hier zu entdecken gibt. Als Standbilder verharren die Darsteller in stimmungsvollen Posen. Aber auch sonst gibt es viel zu entdecken: Der verblichene Charme einstiger Pracht hält sich wacker und besticht für dieses Baudenkmal stilvoller Großartigkeit, wobei einem dessen Vergänglichkeit durch modrigen Geruch förmlich in die Nase steigt.

Durch die Hintertür geht es wieder ins Freie, auf einen romantischen Waldweg, an dessen Rand sich jämmerliche Gestalten zeigen, frierend und ausgehungert. Es ist zum Erbarmen. Richtig Fahrt nimmt die Geschichte auf der Bühne am Waldrand auf. Da stürmen Reiter heran, sammelt sich die Räuberbande des Schönen Fritz (Uwe Kotschner in einer Paraderolle) und seiner noch schöneren Therese (hinreißend gespielt von Lena Bartholomä), da kommen die Bürger im Wirtshaus zusammen, zeigt sich Gut und Böse in unheilvoller Gemengelage und mischt auch noch ein Menschenfreund und Räuberforscher aus Tübingen mit (ein hervorragender Rainer Lernhardt).

Ein glänzendes Debüt gelingt der jungen Miriam Hacker als Bürgerstochter Klara, die für die Armen und Benachteiligten eintritt und deren Schwärmerei für Fritz diesem letztlich zum Verhängnis wird. Es menschelt sehr in diesem Stück von Peter Höfermeyer. Der Grundton ist deftig, das Zusammenspiel der eingeschworenen Schauspielergruppe (Karen Arnold, Jürgen Zebrak, Tiziana Chiodarolli, Derk Wittnebel, Andre Werner, Cvetka Umhofer, Hans und Lami Lambacher, den Theater-Neulingen Rick Finster, Verena Weller und Annette Hacker) sehr harmonisch, die Präsenz und Spielfreude aller enorm und die musikalische Umrahmung unter der Leitung von Susan Jones gekonnt. Freiheitswille, Liebe und Eifersucht, Habgier und blanke Verzweiflung kommen in pointierten Dialogen und gekonntem Spiel sehr lebensnah zur Darstellung. Unter der Regie von Paul Siemt gestalten die sehr professionellen Laiendarsteller eine zweistündige, vielschichtige Heimatkunde und auch ein Lehrstück gemäß dem Büchner-Zitat: „Jeder Mensch ist ein Abgrund, dass es einen schwindelt, wenn man hinabsieht.“ Denn „(Die) Räuber“ erzählen mit der Geschichte des glücklosen Räubers aus Besenfeld auch einen Krimi, der in gutbürgerlichen Kreisen spielt.

Am Ende tagt das Blutgericht, wird gestritten über die Frage: Wann ist ein Verbrechen gesühnt, wann wird die Sühne zur puren Rache der Gesellschaft – und inwieweit hat die Gesellschaft selbst zu diesen Verbrechen beigetragen? Das Happy-End bleibt aus, der Schluss ist verbürgt: Der schöne Fritz starb 1827 im Alter von 37 Jahren nach drei Jahren im Kerker an Auszehrung.

Gespielt wird bis zum 21. August immer dienstags bis samstags, 20 Uhr. Mehr auch im Internet unter www.sommertheater.de; Vorverkauf an der Theaterkasse im Kurhaus und der Tourist-Info am Marktplatz.

Info: Siehe auch die Bilderseite

05.08.2010 - 08:30 Uhr

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