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Heilberufe im Abseits?

Vielschichtige Kritik an der Gesundheitspolitik beim Bürger- und Patientenstammtisch

Ärzte und Heilpraktiker aus dem Landkreis halten die Budgetierung in der gesetzlichen Krankenversicherung für nicht mehr tragbar. Auch rechtliche Rahmenbedingungen machen den Medizinern zu schaffen. Beim Bürger- und Patientenstammtisch machten einige Vertreter medizinischer Heilberufe ihrem Unmut Luft und informierten.

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Petra Haubold
Scharf kritisierten die Vertreter der Heilberufe die Auswirkungen der Gesundheitspolitik auf ihr ... Scharf kritisierten die Vertreter der Heilberufe die Auswirkungen der Gesundheitspolitik auf ihr eigenes Berufsbild am Dienstagabend beim gut besuchten Bürger- und Patientenstammtisch im Gasthaus Dobel: (von links) Therapeutin Gabriele Iven aus Baiersbronn, Physiotherapeut Klaus Dieter Erbe, Hebamme Dorothea Fritz aus Dießen und Thomas Herrmann von der Adler-Apotheke am Marktplatz. Moderator Herman Sonnenberg sitzt ganz rechts. Bild: pez

Freudenstadt. Einige Vertreter verschiedener Heilberufe berichteten über Auswirkungen der „Gesundheitspolitik“ auf ihr Berufsbild. Den Auftakt machte Gabriele Iven vom gleichnamigen Therapiezentrum in Baiersbronn. Dort werden Kinder mit Entwicklungsstörungen behandelt. Die zunehmende Bürokratisierung und das starre Budget seien in ihrer Einrichtung ein großes Problem, sagte die Physiotherapeutin. Denn heute müsse ganz genau überlegt werden, was verordnet werden dürfe. Oftmals müssten Rezepte zurückgenommen werden, weil im Gesundheitswesen gespart würde. Doch bei Kindern spare man da an der falschen Stelle, so Iven. Gerade frühes Erkennen helfe den Kindern, um bis zur Schulreife in ein normales Leben zu finden.

Physiotherapeut Klaus-Dieter Erbe ärgerte sich über die Prüfpflicht für Therapeuten bei Rezepten, die es seit April gibt. Diese habe ihn schon viel Geld gekostet, denn schon bei kleinsten Formfehlern behalte manche Krankenkasse das Rezept ein und weigere sich, zu zahlen. Aus zahnmedizinischer Sicht beleuchtete Dentist Klaus-Dieter Kopp aus Pfalzgrafenweiler die Budget-Problematik. In vielen Praxen seien die Budgets für Zahnbehandlungen aufgebraucht. Doch wegen der Bonus-Erfüllungen für Zahnersatzbehandlung und laufender Behandlungen seien viele Praxen derzeit voll. Da könne man „nur den Patientenfluss steuern oder zum Jahresende einen budgetmotivierten Urlaub nehmen“, wenn man nicht nachzahlen wolle. Kopp appellierte an die Politiker, diese seit 1999 starre Budgethandhabung besser zu regeln. Ärgerlich sei für Zahnärzte, dass diese erst im dritten Quartal erführen, wie hoch das Budget ist, machte Kopp deutlich.

Das Arzneimittelneuordnungsgesetz (Amnok) machte sich Apotheker Thomas Herrmann zum Thema. Der Bundestag wolle mit dem Arzneimittelsparpaket das Preismonopol der Pharmaindustrie bei neuen Medikamenten brechen. Während die Hersteller bislang die Preise frei festlegen können, soll es nun Preisverhandlungen mit den Krankenkassen geben: „200 Millionen Euro sollen da bei den Apotheken gespart werden, das ist bedenklich und führt uns zur Selbstausbeutung.“ Er und seine Familien müssten künftig mehr arbeiten, Personal einsparen und „mit weitaus weniger zufrieden sein“, so Herrmann.

Das Arzneimittelbudget reiche bei weitem nicht für chronisch kranke Patienten aus, wussten auch Walter Seegelken und Nora Wagner. Ihr mache es im Übrigen zu schaffen, dass sie Patienten immer wieder sagen müsse, warum sie manche Dinge einfach nicht kriegen könnten, so Wagner, die seit 29 Jahren in Freudenstadt als Ergotherapeutin arbeitet. „Die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren stetig verschlechtert, ein Drittel meiner Tätigkeit ist quasi umsonst“, erklärte Seegelken. Über die derzeit brisante Situation der Hebammen berichtete Dorothea Fritz aus Dießen. Freiberufliche Hebammen könnten sich die Geburtshilfe kaum noch leisten, seitdem die Kosten der Haftpflichtversicherung dramatisch gestiegen seien. Von einem Brutto-Stundensatz von 25 Euro könne man nicht mehr existieren, viele eigenständige Hebammen würden nun ihren Beruf aufgeben.

„Wir werden schlichtweg vergessen“, sagte sie. Denn nach ihrer Ansicht muss die Hebammentätigkeit aus der Reichsversicherungsordnung, die im nächsten Jahr einhundert Jahre alt wird, neu überarbeitet werden. Den gezielten Fragen der Teilnehmer stellten sich die Referenten schließlich gerne.

09.12.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 09.12.2010 - 14:12 Uhr

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