Alt-Ministerpräsident Erwin Teufel sprach beim Katholischen Verbandstag
Alt-Ministerpräsident Erwin Teufel sprach vor mehr als 500 Gläubigen auf dem Verbandstag der Katholiken beim „Neckarblühen“. Er rief die aktiven Laien dazu auf, sich in ihrer Kirche einzumischen und den Talenten der Frauen mehr Wert beizumessen.
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Martina Lachenmaier
Das Festzelt des „Neckarblühens“ verwandelte sich gestern beim Verbandstag der katholischen Verbände in eine Kirche. Dekan Markus Ziegler hielt den Gottesdienst. Seiner Predigt lauschten mehr als 500 Katholiken, darunter auch Dekanatsrat Lothar Schurer, Dekanatsreferent Achim Wicker, Alt-Ministerpräsident Erwin Teufel, Oberbürgermeister Peter Rosenberger, ako-Vorsitzender Harald Hellstern und CDU-Stadtrat Andreas Bronner (erste Reihe von links).Bild: Kuball
Horb. „Liebe Mitchristinnen und Mitchristen“, diese Grußformel richtete Erwin Teufel an die Zuhörerschaft beim gestrigen katholischen Verbandstag. Das legt nahe: Ich bin einer von euch, ein Katholik, einer dem die katholischen Verbände am Herzen liegen, noch mehr aber die dort engagierten Laien – weil sie, laut Teufel, unverzichtbar für die Kirche sind. „Die Kirche braucht die aktiven Laien, weil sie nur über Sie an die Menschen herankommt“, sagte er. Es sei der Verdienst der Laien, dass die Kirche glaubwürdig bleibt. Rom sollte stärker auf die katholischen Laienverbände hören, weil sie näher am Puls der Menschen seien und die Zeichen der Zeit früher erkennen. Das Subsidiaritätsprinzip, das die Eigenverantwortung vor staatliches Handeln stellt, könne auch innerkirchlich als „Denken von unten nach oben“ angewendet werden.
Teufel erweiterte die in Kirchenkreisen verbreitete kurze Grußformel „Liebe Mitchristen“ um die weibliche Form „liebe Mitchristinnen“. Vordergründig mag dies eine Höflichkeitsfloskel sein, doch im Verlauf seiner Rede kritisierte Teufel den Ausschluss von Frauen in kirchlichen Ämtern und die mangelnde Wertschätzung, die die Amtskirche katholischen Frauen entgegenbringt. „Frauen tragen die Kirche, aber das Sagen haben die Männer“, sagte er. „Wir können nicht auf Frauen verzichten und damit auf die Hälfte unserer Talente. Das wäre auch unchristlich.“
Der Festredner sparte nicht mit Kritik an der katholischen Amtskirche. Er trat als aktiver Laie ans Rednerpult. Ganz so, wie er selbst sich einen aktiven Laien vorstellt: Jemand, der als gläubiger Katholik seine Stimme erhebt, seine Meinung äußert und Kritik übt, auch wenn dies manchem Kirchenmann nicht gefallen mag.
Teufel sprach zum Thema: „Handeln in christlicher Verantwortung“. Handeln ist für Teufel der letzte Schritt eines dreiteiligen Prozesses. Er habe den Eindruck, dass heute in vielen Bereichen der Wirtschaft, Politik und Kirche das Handeln vor dem Sehen komme. Laut einer Umfrage rangierten die christlichen Kirchen unter 30 Institutionen weit hinter der Caritas und der Diakonie. Diese Institutionen seien in erster Linie durch die Verkündigung ihrer Taten und nicht durch die Verkündigung des Wortes aufgefallen. Das Handeln müsse von Verantwortung geleitet sein, sagte Teufel und gab dafür Beispiele. Jungen Menschen müsse man Mut zur Familiengründung machen. Er kritisierte, dass heute Kinderreichtum mit Armut einhergehe. Er kritisierte, dass die Erziehungsleistung von Eltern nicht ins Bruttosozialprodukt eingerechnet werde, wo doch die Erziehungsarbeit der Eltern nicht hoch genug einzuschätzen sei. Er bedauerte, dass heute nur das einen Wert habe, was in Geldwerten gemessen wird. „Bücher sind für Kinder viel wichtiger als Sparbücher.“
Verantwortungsvolles Handeln bedeute auch, anstatt die „Generation Praktikum auszubeuten“, den jungen Menschen Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Es sei die wichtigste Aufgabe, jungen Menschen eine Zukunftschance zu geben. Geschehe dies vor allem auch im Ausland nicht, sei auf längere Sicht die Flüchtlingswelle aus Afrika nach Lampedusa nur „ein Säuseln“. Wen man wisse, dass 1,3 Milliarden Menschen nicht mehr als 1 Euro pro Tag haben, dann seien wesentlich stärkere Flüchtlingsströme abzusehen. Verantwortungsvolles Handeln gehe somit weit über das eigene Umfeld hinaus. Die Armut im eigenen Land dürfe nicht übersehen werden. Eine neue Armut greife um sich. Heute gebe es viele Arme, weil ihnen niemand zuhört. Die Anteil von Singlehaushalten in Großstädten sei mit nahezu 50 Prozent bedenklich.
In der Wirtschaft bedeute verantwortungsvolles Handeln, den Wettbewerb mit sozialer Gerechtigkeit zu verbinden. „Der Mensch muss das Maß der Wirtschaft sein. Sie hat eine dienende Funktion und darf nicht Selbstzweck sein.“ In allen Lebensbereichen gelte, wer Vertrauen verloren hat, hat alles verloren. Verantwortungsvolles Handeln bedeute somit „nichts zu tun, was einen nachts nicht schlafen lässt.“
Aus diesem Verantwortungsbewusstsein leite sich die Pflicht für aktive Laien ab, sich einzumischen. Sorge bereitet dem Redner der nachlassende Sonntagskirchgang. „Der Glaube hört auf, lebensbestimmend zu sein. Viele führen ein Leben, als ob es Gott nicht gebe.“
Besorgniserregend sei auch der Priestermangel. Aktive Laien hätten die Zeichen der Zeit erkannt: Pfarrernotstand, immer größere Seelsorgeeinheiten, kein Religionsunterricht durch Priester, kaum noch Priester an den Seminaren. Wenn es das Wichtigste sei, das Wort zu verkünden und die Eucharistie zu feiern, dann müssten auch Priester zur Verfügung gestellt werden. Wenn es nicht genügend Priester gebe, sollten erprobte Männer zu Priestern und erprobte Frauen zu Diakoninnen geweiht werden. Dann wären nicht alle, aber viele Probleme gelöst, so Teufel, der betonte, dass er damit nicht zwangsläufig die Abschaffung des Zölibats fordere. Die Kirche habe viel zu viele Frauen verloren und das, obwohl es in den ersten 400 neutestamentarischen Jahren Diakoninnen gegeben habe.
Teufel riet allen, die zögern oder Angst haben, sich dem Heiligen Geist anzuvertrauen. Er werde sich durchsetzen als große Handlungskraft: „Aber er ersetzt unser verantwortliches Handeln nicht!“
Info Siehe auch den untenstehenden Artikel und die Lokalseiten 3 und 4