Betriebsräte berichten von ihrem Kampf um die Jobs, von zunehmenden Auftrags-Eingängen und ersten Überstunden
Betriebsräte haben während der Krise darauf hingewirkt, dass Firmen „die Fachkräfte halten, die jetzt händeringend gesucht werden“. Das sagte Reiner Neumeister, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Freudenstadt, am Mittwoch zum Auftakt des „Offenen Dialogs“ mit Oberbürgermeister Peter Rosenberger (siehe auch der Bericht oben und das AUSSERDEM).
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Andreas Ellinger
Horb. Die Horber Firma Leuco fertigt Werkzeuge aus Diamant und Hartmetall für die Holz verarbeitende Industrie. Oft handelt es sich um Produkte in kleiner Stückzahl, die auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmt sind. Das erfordert spezialisierte Mitarbeiter – viele von ihnen hat Leuco selbst ausgebildet. Umso größer ist der Verlust, wenn sie entlassen werden müssen, weil Aufträge wegbrechen.
35 Kündigungen sollten im Mai 2009 ausgesprochen werden – daran erinnerte Karl Schäfer, der Betriebsrats-Vorsitzende von Leuco in Horb, als führende Arbeitnehmervertreter aus fünf Horber Unternehmen, Oberbürgermeister Peter Rosenberger, Wirtschaftsförderer Axel Blochwitz, OB-Referent Christian Volk, IG-Metall-Bevollmächtigter Reiner Neumeister und Gewerkschaftssekretär Robert Schuh beisammensaßen – bei Leuco im Industriegebiet. Karl Schäfer berichtete, dass Betriebsrat und IG Metall die Kündigungen verhindert und stattdessen einen Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung auf den Weg gebracht hätten, der eine 30-Stunden-Woche vorsah und entsprechende Lohn-Kürzungen. „Das war der richtige Weg.“ Die Leute würden jetzt gebraucht.
Schon seit September 2009 sei eine wirtschaftliche Belebung feststellbar, sagte Leuco-Geschäftsführer Jörg Reiner Dimke in seiner Begrüßung – wobei er anmerkte: „Wir laufen noch auf dünnem Eis.“ Die chinesische Wirtschaft brumme zwar wieder. Die dortigen Geschäfte könnten aber nicht das ausgleichen, was in Russland und Südeuropa noch an Aufträgen fehle.
Der Leuco-Standort Memmingen hat die Krise nicht überlebt. Den Horber Betriebsräten sei vorgeworfen worden, dass ihr Werk zu den Profiteuren gehöre, berichtete Meinrad Fischer aus dem Gesamtbetriebsrat. Ein Teil der Memminger Produktion sei nach Horb verlegt worden – trotzdem sei die Kritik unberechtigt. „Wir haben für den Gesamterhalt gekämpft, konnten uns aber nicht durchsetzen.“
Karl Schäfer hofft, dass die jetzigen 350 „Leucolaner“ in Horb gehalten werden können. Es gebe allerdings eine „Stellschraube“ im Interessenausgleich zwischen Betriebsrat und Firmen-Führung… – wenn an ihr gedreht werde, könne eine Hand voll Leute entlassen werden. Vergangene Woche ist aber erst einmal der „Beschäftigungs-Tarifvertrag“ ausgesetzt und die 35-Stunden-Woche wieder eingeführt worden (wir berichteten).
„Extrem auf Facharbeiter angewiesen“ ist auch die Maschinen-Fabrik Lauffer, wie Betriebsrats-Vorsitzender Eberhard Gsell betonte. Es mache folglich keinen Sinn, Leute zu entlassen und drei Monate später wieder welche einzustellen. Folglich kämpft der Betriebsrat um das Personal. Lauffer sei schon vor der Krise „nicht auf Rosen gebettet gewesen“, jetzt habe die Firma mit den Nachwirkungen der Krise zu tun, sagte Eberhard Gsell.
Der Betriebsrat von Ceratizit konnte durchsetzen, dass das Urlaubsgeld entgegen anders lautender Pläne doch ausgezahlt worden ist, wie Vorsitzender Horst Kessler erzählte. Sein Team hat anstrengende Monate hinter sich – und das nicht nur wegen roter Zahlen und Kurzarbeit. Im Januar hatte die Unternehmens-Führung bekanntgegeben, dass der Holz-Bereich nach Luxemburg verlagert und 170 Arbeitsplätze in Horb und Empfingen abgebaut werden sollen. Daraufhin galt es Alternativvorschläge zu erarbeiten, um Existenzen zu sichern. „Ohne die IG Metall wäre da gar nichts gegangen“, sagte Kessler. Das Ergebnis: Es werden 69 statt 170 Jobs abgebaut, mit Altersteilzeit-Regelungen könnte die Zahl noch auf 61 sinken. Interessenausgleich und Sozialplan sind unterzeichnet – in Horb bleibt nur die Materialaufbereitung erhalten. Der Betriebsrats-Vorsitzende hofft allerdings, dass weitere Arbeitsplätze gesichert werden können, wenn weiteres Wachstum zu verzeichnen ist.
„Wir wachsen langsam“, vermeldete Klaus Höhnke. Er ist Betriebsrats-Vorsitzender von Georgii Kobold. Allerdings behinderten „Altlasten“ die Firma, beim Wachstum mitzukommen. „Wir hoffen, dass wir hier weiter existieren“, sagte Höhnke. Zuletzt habe ihm der Geschäftsführer gesagt, Georgii sei bilanzmäßig „an der Null dran“ – also kurz davor, aus den roten Zahlen herauszukommen. Der Rückstand bei der Lohn-Zahlung konnte auf zwei Monate verringert werden. Sogar drei Auszubildende seien mit Jahres-Verträgen übernommen worden, sagte Höhnke, „obwohl wir personell eigentlich gar nicht aufstocken können“.
Der stellvertretende Betriebsrats-Chef von Brueninghaus, Thomas Schenk, berichtete von ersten Überstunden – nach einer Wirtschaftskrise, die das Unternehmen in einem Ausmaß wie noch nie getroffen habe. Die Belegschaft sei inzwischen wieder gefordert – wegen Aufträgen und einer Umstrukturierung der Produktion, in der auch der Betriebsrat Chancen sehe. Dass der Standort im „Heiligenfeld“ aufgegeben und Teile der Produktion in die Türkei verlagert werden, betrachten die Arbeitnehmervertreter hingegen mit Sorge – die entsprechenden Arbeitsplätze wären Schenk in Horb lieber gewesen. Aber der Konzern Bosch-Rexroth, zu dem Brueninghaus gehört, wolle teilweise an günstigeren Standorten produzieren.
Der Freudenstädter IG-Metall-Chef Neumeister hielt fest, dass es gut gewesen sei, dass die Betriebsräte geplante Kündigungen nicht durchgewunken haben. In manchen Firmen hätten die Arbeitnehmer nicht nur Co-Management-,, sondern sogar Management-Aufgaben übernommen – als es beispielsweise darum gegangen sei, die Wirtschaftskrise mit Fortbildungen, Kurzarbeit und flexiblen Arbeitszeiten zu überbrücken.