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Daumenkino des Herrn Sayer

Des Dichters Nahaufnahmen fügen sich im neuen Sammelband zu einer Totalen

Texte aus 25 Jahren und sechs verschiedenen Büchern: Im Sammelband „Zusammenkunft“ hat Walle Sayer sie zu einem Erzählgeflecht vereint.

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Michael Zerhusen
Walle Sayers Sammlung: „Zusammenkunft – Ein Erzählgeflecht“, 224 Seiten, erschienen im ... Walle Sayers Sammlung: „Zusammenkunft – Ein Erzählgeflecht“, 224 Seiten, erschienen im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer

Horb. Das Haar ein wenig verstrubelt, ovale Augengläser, Drei-Tage-Bart. Und dann diese freundliche Helle im Gesicht, die dem Kloster-Gast entgegen strahlt und jedem aschfahlen Bio-Wurstsalat noch ein Glanzlicht aufsetzt. Ja, so ist er: Einer, dem wir alles abnehmen. Ein Dichter, dem wir ergeben lauschen. Ein Prophet, der im eigenen Lande viel gilt. Eine Instanz im heimischen Kulturbetrieb.

Walle Sayer ist ein Intellektueller, wie wir ihn mögen. Empfindsam, empathisch, unaufgeregt. Kein besserwisserischer Akademiker mit Hochschulweihen und womöglich einem Doktorhut auf dem Kopf, der da nicht hingehört. Keine gelehrte Fachkraft, kein Mitglied eines Sachverständigenrats.

Nein, „seine Bedeutung liegt gerade darin, dass er mit seinen Überlegungen am Rande steht“, erklärt Arno Widmann im Kulturmagazin „Perlentaucher“, als es im Oktober 2005 um eine Liste der „100 wichtigsten Intellektuellen“ geht. Widmann meint den iranischen Philosophen Abdolkarim Soroush, aber er hätte das genauso gut über Walle Sayer schreiben können. Denn die Relevanz von Intellektuellen misst sich nicht nach deren Prominenz. Für kaum weniger bedeutsam hält Linguistik-Professor Noam Chomsky, „einen Taxifahrer, der zufällig über die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klüger und weniger oberflächlich als sie“.

Nun, oberflächlich zu sein, ist jedenfalls nicht sein Ding. Walle Sayer dreht jeden Stein um im schwäbischen Vorgarten. Er schaut prüfend in alle Ecken der ländlich-sittlichen Existenz. Er legt das Talmi unseres süddeutschen Alltags auf die Goldwaage und entlarvt dabei, was wir bereitwillig für bare Münze nehmen, als falsche Fuffzger.

Sayer chauffiert niemand, aber er kellnert: einst im Nordstetter „Maier“, heute im Horber Kloster. Er hat sich als Banklehrling, Kindergärtner, Asylanten- und Altenbetreuer durchs Leben geschlagen. Und er präsentiert jetzt sein zehntes Buch, ein halbes Jahr nach seinem 50. Geburtstag.

Auch wenn wir in der Retrospektive nicht viel Neues finden (im Sinne nirgends publizierter Texte), lässt uns das „Erzählgeflecht“ (so der Untertitel) doch erkennen, warum Sayer ein Intellektueller per definitionem ist, also einer, der beobachtet, notiert, (ver)dichtet – und sich einmischt, indem er anderen Menschen die Augen öffnet.

Die „Zusammenkunft“ – gerade beim Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer veröffentlicht – reicht von der Kindheit („Damals noch versanken wir in den Fußstapfen der Väter“) und dem „ewigen Warten aufs Großwerden“ über pubertäres Aufbegehren („Keine Eselsbrücke gab es zwischen dem, was ich fühlte, und dem, was sich sagen ließ“) bis hin zu den „Sturzflügen der Jugendjahre, von Ehebetten weich aufgefangen“.

Und weit übers Biografische hinaus geht es um Kernfragen menschlichen Daseins („Wovon lebst du? Nie will jemand wissen, wofür“), um damit verbundene Not („Ein Erinnerungskorsett trägt sie, das ihr die Luft abschnürt“) und um die Hoffnung („Durch jeden Zwiespalt fiel ein Lichtschimmer herein“). Mal sind es Steine, die der Dichter sprechen lässt, mal ist es das Altern, das ihn quält („dass man die Jahre strecken muss mit Seufzerlängen“), mal sucht er die Liebe zu ergründen in der „Flügelspannweite zweier Blicke“.

Zehn Sayer-Bücher insgesamt. Das bedeutet: 25 Jahre Achtsamkeit und Präzision. Beim Beobachten, beim Schreiben. Jeder Text ist eine Art Nahaufnahme, ganz dicht dran, ganz genau, ohne Unschärfe. Für den Sammelband hat Sayer nun den Super 8-Projektor vom Dachboden geholt und die alten Streifen eingelegt (später müssen es wohl Videotapes gewesen sein, dann DVDs): Aus sechs Bänden, zwischen 1986 und 2009 erschienen, hat er Beiträge ausgewählt, auf ihre Aussagekraft geprüft und bisweilen ein wenig nachgebessert. Er wollte wissen, „was man als 50-Jähriger noch gelten lässt“.

Das ist einiges, und den Leser freut’s. Auf mehr als 200 Seiten versammelt, ergeben die literarischen Close-ups eine Totale: Wer waren, wer sind wir, hier zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald? Wer aufmerksam liest, für den wird die „Zusammenkunft“ zu einer Art Daumenkino: Die Bilder geraten in Bewegung.

Info Walle Sayer liest aus seinem neuen Buch „Zusammenkunft“: am 11. März um 20 Uhr im Kulturzentrum Kloster in Horb; am 29. März um 19.30 Uhr im Hegelhaus, Eberhardstraße 53, in Stuttgart-Mitte; am 2. April um 19.30 Uhr, im Hofcafé der Alten Brauerei in Bierlingen; am 19. Mai um 19.30 Uhr in der Arkadenbuchhandlung in Freudenstadt

05.03.2011 - 08:30 Uhr

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