[X]
 per eMail empfehlen


   

Eine Geburt um Gottes Lohn

Hohe Haftpflichtprämien zwingen freiberufliche Hebammen zum Aufgeben der Geburtshilfe

Freiberufliche Hebammen verdienen schlecht. Seit Juli ist zudem die Prämie für die Geburtshilfe-Haftpflichtversicherung um 60 Prozent von 2370 auf 3689 Euro gestiegen. Das zwingt Hebammen dazu, die Geburtshilfe aufzugeben. Mit der SÜDWEST PRESSE haben sechs Hebammen über dieses Problem und die Folgen für schwangere Frauen gesprochen.

Anzeige


Martina Lachenmaier
Beim SÜDWEST PRESSE-Redaktionsgespräch haben die Hebammen Dorothea Fritz, die Vorsitzende des ... Beim SÜDWEST PRESSE-Redaktionsgespräch haben die Hebammen Dorothea Fritz, die Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg Ulrike Geppert-Orthofer, die Vorsitzende der Kreis-Hebammen Heike Klumpp, Gun Bartels, Dorothea Schlechtingen und Mirjana Gaiser (von links) über alte und neue Erschwernisse für ihren Berufsstand berichtet. Bild: Kuball

Horb. „Die schlechte Bezahlung von Hebammen ist eigentlich nichts Neues“, sagt die Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg, Ulrike Geppert-Orthofer. „Eine freiberufliche Hebamme verdient etwa acht Euro vor Steuern. Da blieben fünf bis sechs Euro übrig. Und von diesem Geld soll jetzt auch noch die höhere Versicherungsprämie gezahlt werden.“ Die Hebammen finden das unzumutbar. Sie fordern, dass die Politik diesen Missstand beseitigt, und haben dafür am 9. Dezember auch gestreikt. Ändert sich nichts, sei die flächendeckende Versorgung der Schwangeren nicht mehr gewährleistet.

Schon 2001 habe eine bundesministerielle Erhebung ergeben, dass Hebammen 18,6 Prozent zu wenig Einkommen erzielen. Damals versprach die Politik, diesen Einkommensrückstand in drei Teilschritten auszugleichen. Dazu kam es aber nicht, so Geppert-Orthofer.

2006 hat der Bund die Hebammen in die eigenverantwortliche Vergütungsverhandlung mit den Krankenkassen entlassen. Gleichzeitig wurde die Vergütung an das Beitragsstabilitätsgesetz gebunden. Demnach sollen die Ausgaben der Kassen nicht stärker steigen, als die beitragspflichtigen Einkommen der Mitglieder. Somit ist eine Gehaltsanpassung von 20 Prozent, so hoch schätzt Geppert-Orthofer inzwischen den Einkommensrückstand, bei der geltenden Rechtslage ausgeschlossen.

Seit Juli 2010 müssen Hebammen für ihre Haftpflichtversicherung 3689 Euro bezahlen. Um allein diese Prämie zu erwirtschaften, muss eine Hebamme zum Beispiel neun Hausgeburten betreuen. Bei jährlich 15 bis 20 Hausgeburten einer Hebamme liegt es auf der Hand, dass die Prämienerhöhung eine wirtschaftliche Führung einer Hebammenpraxis gefährdet und mit der Geburtshilfe nichts verdient ist.

„Es ist ein Dilemma, wenn Hebammen ihren Beruf aufgeben müssen, weil sie nicht mehr davon leben können“, sagt Dorothea Schlechtingen, die in Pfalzgrafenweiler Hebamme ist. Auch angestellte Hebammen, wie beispielsweise Mirjana Gaiser aus Mitteltal, müssen von ihrem Gehalt höhere Prämien zahlen, weil Kliniken zu niedrige Deckungssummen versichern.

Die Dießener Hebamme Dorothea Fritz sagt: „Ich kann das nur kompensieren, indem ich mehr arbeite. Für mich bedeutet das eine 60-Stunden-Woche.“ Andere Hebammen haben wegen der Prämienerhöhung die Geburtshilfe aufgegeben und sich auf die Vorsorge oder die Wochenbettbetreuung verlagert. Die Dornstetter Hebamme Heike Klumpp hat schon 2008 die Geburtshilfe aufgegeben. Mitausschlaggebend sei damals der Anstieg der Haftpflichtprämie von 1700 auf 2500 Euro gewesen. „Als ich jetzt von der neuen Prämienhöhe erfahren habe, hat’s mich fast umgeworfen“, sagt sie. Gun Bartels, Hebamme in Besenfeld, bedauert es, dass Hebammen aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus nur noch eine „Softvariante“ ihres Berufs betreiben und die ureigenste Aufgabe, die Geburtshilfe, aussparen.

Dorothea Schlechtingen bietet noch Geburtshilfe an. Doch auch sie überlegt, ob sich das noch lohnt, wenn die Versicherungsprämie steigt. Sie nutzt aktuell ein flexibles Versicherungsmodell des Hebammenverbands. Wenn einige Geburten abzusehen sind, schließt sie für ein Vierteljahr eine Versicherung ab. „Aber das ist ein Drahtseilakt“. Das ständige An- und Abmelden bei der Versicherung bietet den Schwangeren keine Verlässlichkeit. „Ich habe schon Hausgeburten absagen müssen, weil sich in dieser Zeit eine Versicherung nicht gelohnt hätte.“ Wie sei weitermacht, weiß sie noch nicht: „Ich bin hin und her gerissen.“

Wie sich die Prämienerhöhung auswirkt, sei noch ungewiss, sagt Ulrike Geppert-Orthofer. Zu befürchten sei, dass die flächendeckende Betreuung durch Hebammen leidet. Zwischen 1992 und 2009 sei wegen einer Verzehnfachung der Versicherungsprämie der Anteil der Hebammen, die Geburtshilfe anbieten, bundesweit auf 23 Prozent gesunken. Das bedeute Einschränkungen für schwangere Frauen, die keine Klinikgeburt wollen und Wert auf eine intensive Betreuung wünschen. „Wir Hebammen bieten eine andere Qualität von Vorsorge“, sagt Geppert-Orthofer. „Während Sie bei einem Gynäkologen eine Stunde auf ein Fünfminuten-Gespräch warten, bekommen Sie bei uns nach fünf Minuten fast ein Einstundengespräch.“ Ein weiterer Aspekt: „Wenn der Trend der früheren Entlassung aus der Geburtsklinik anhält, brauchen wir umso dringender eine zuverlässige Nachsorge zu Hause.“

Belegt sei auch, dass durch eine intensive Hebammenbetreuung vor der Geburt die Kaiserschnittrate geringer sei. Das hätten auch die Krankenkassen erkannt. Freiberufliche Hebammen senken auch den Druck für die Kolleginnen in den Kliniken. Sie nehmen ihnen Arbeit ab, indem sie die Schwangeren vor der Geburt bis zur Fahrt ins Krankenhaus „anbetreuen“. „Klinikhebammen, die während ihres Dienstes oft bis zu vier Schwangere betreuen müssen, wissen dies zu schätzen“, sagte Dorothea Fritz.

Die Vorsitzende der Landes-Hebammen befürchtet, dass die Kostenspirale weiter nach oben geht. Die Schadenssummen könnten noch weiter steigen. Inzwischen haben die Krankenkassen Regeressabteilungen beschäftigt, die versuchen, die Folgekosten eines Geburtsschadens auf die Versicherer abzuwälzen. Geppert-Orthofer berichtet von amerikanischen Hebammen, die kaum noch Versicherer finden, die das Risiko eines Geburtsschadens übernehmen.

„Wir Hebammen wehren uns nicht gegen eine Haftpflichtversicherung, aber sie muss im Verhältnis zu unserem Verdienst stehen“, sagt Dorothea Fritz. Sie fordert zum Beispiel, die Entschädigung eines geburtshilflichen Schadens aus der Versicherung auszugliedern und stattdessen einen Fonds einzurichten.

Große Hoffnung setzen die Hebammen jetzt in die Politik. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler hat zugesagt, die wirtschaftliche Situation der Hebammen neu zu erheben. „Dann haben wir wenigstens eine Argumentationsgrundlage und exakte Zahlen für die folgenden Verhandlungen“. Und eine Chance, das Beitragsstabilitätsgesetz zu umschiffen.

28.12.2010 - 08:30 Uhr

Anzeige

Nachrichten aus ...
T�bingen Rottenburg Starzach Empfingen Sulz G�u Horb Freudenstadt Kreis Freudenstadt
Anzeige


Neckar-Chronik Servicetelefon

Ihre Kontaktadressen rund ums Abo

Roswitha Eiseler     (07 45 1) 90 09 23     anzeigen@neckar-chronik.de

Sabine Schuck        (07 45 1) 90 09 22     anzeigen@neckar-chronik.de

 

Anzeige