Kulinarische, botanische und musikalische Zukunftsarbeit beim Synagogen-Fest
Ernst und heiter zugleich ging es am Sonntag beim Fest des Synagogen-Vereins in Rexingen zu. Die Musikerin Revital Herzog trat auf.
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Hannah Deutschle
Revital Herzog beim Rexinger Synagogen-Fest. Bild: han
Rexingen. Die Symbolik von Efeu ist vielfältig. Zunächst steht die Vorstellung vom ewigen Leben, des Weiterlebens der Seele nach dem Tod, im Vordergrund, da die Pflanze wenig Nährboden braucht, um zu wachsen, und sich Steinmauern und glatten Fassaden ebenso wie anderer Bäume und Pflanzen bemächtigt. Zugleich kann Efeu den Boden flächendeckend überwuchern oder dem bewachsenen Baum die Sonnenversorgung versagen, ihn förmlich ersticken, und auch Mauerwerk mit seinen Wurzeln angreifen. Auf der anderen Seite muss sich der Efeu zum Ausbreiten an den Träger anschmiegen, was Freundschaft und Treue versinnbildlicht.
Verblüffend ist die Bedeutung dieser Interpretationsansätze zum Anlass des Synagogen-Festes in Rexingen. Auf den Tischen im Saal des Erdgeschosses, auf denen gemeinsam der Mittagsschmaus genossen wurde, rankten sich frische Efeuzweige von Platz zu Platz. Alle Interessierten, Kinder, Mitglieder verschiedener Synagogenvereine im Umkreis, Spieler des Rexinger Musikvereins und Repräsentanten der Stadt und des Landes waren durch das Gewächs symbolisch und auch ideell verbunden.
Der Vereinsvorsitzende Michael Theurer dankte allen Beteiligten und Gästen sowie dem Musikverein und betonte die bereichernde Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde. Die Aufgabe des Vereins sei es, die jüdische Geschichte der Stadt im Gedächtnis lebendig zu halten, statt die Verbrechen gegen das jüdische Leben in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch, so Theurer, soll die Bevölkerung lernen, miteinander über die Last zu sprechen, die ein jeder Deutscher angesichts seiner Geschichte trage.
Bürgermeister Jan Zeitler betonte den Erfolg des 1997 gegründeten Synagogenvereins, der 160 Mitglieder zählt. Das Anschmiegen konnte buchstäblich genommen werden, denn Zeitler drückte seine Freude über die Jugendbegegnung zwischen Deutschland und Israel aus, dessen hervorragende Betreuung er Heinz Högerle und Barbara Staudacher dankend zuschrieb. Zeitler machte die Bedeutung des jüdischen Erbes in Horb deutlich, indem er erwähnte, dass hier seinerzeit das größte Rabbinat Württembergs beheimatet war.
Während im Erdgeschoss festlich-ausgelassene, kommunikative Stimmung aufkam, konnte man im Obergeschoss nur sprachlos zurückbleiben. Dort ist noch zwei Wochen lang die ergreifende Ausstellung über die medizinischen Versuche und Morde an 20 Kindern jüdischer Herkunft zu sehen. Dem Wunsch, die Augen zu schließen und die Geschichte Deutschlands ungeschehen zu machen, kann man sich in dieser Atmosphäre nicht verwehren. So fanden neben Lobesworte an diesem Tag auch Tränen des Entsetzens ihren Ausdruck.
Der Höhepunkt des Synagogen-Festes war zweifellos der Auftritt der in Reutlingen sesshaften Musikerin und Geschichtenerzählerin Revital Herzog. Stimmungsvoll war Heinz Högerles Einleitung, der die Diskussion um den Konzertraum nicht unerwähnt lies. Umgeben von beklemmenden Dokumentationen über die Menschenversuche des NS-Regimes war das Konzert der Israelitin mit jugoslawischen und persischen Wurzeln keine Selbstverständlichkeit. Paulus zitierend erklärte Högerle jedoch die Entscheidung dafür: Der Mensch dürfe sich nicht vom Bösen überwältigen lassen.
Ihr Vater hatte seine gesamte Familie im Holocaust verloren, doch Revital Herzog gelang es voller Humor, die erfundenen Geschichten ihrer Großeltern, die ihre Kindheit geprägt hatten, dem Rexinger Pu blikum nahezubringen. Von ihrem Vater erfuhren die Zuhörer, dass er zwar Jude war, jedoch Schinken liebte und es mit der koscheren Nahrung nicht so genau nahm. Auf sein Flehen hin versprach seine Frau, die seine Ernährung missbilligend betrachtete, ihm Kaninchen zuzubereiten, was ebenfalls nicht zum erlaubten Fleisch zählt. Beim Servieren trat sie dann herbei und verkündete ihrem Gatten: „Für Dich die Flügel des Kaninchens!“ Durchwirkt von ihrem Akkordeonspiel, das einen serbischen Tanz, arabische Bauchtanz-Melodien und Klezmer vereinte, wurde das Erzählkonzert von Revital Herzog zu einem emotionalen, humorvollen Einsatz gegen das Vergessen – eine deutsch-israelische Gruppentherapie.