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Vom Regenwald in den Rammert

Indianer aus Brasilien erkundeten den deutschen Wald

Buchen, Eichen, Wald-Erdbeeren: Die Rottenburger Forsthochschule zeigte zwei Gästen aus dem brasilianischen Regenwald, wie in Deutschland Forstwirtschaft betrieben wird.

michael hahn
Wo die Sprache versagt, helfen die Hände: Patena Wajapi (rechts) und Waiwai Wajapi untersuchen 250 ... Wo die Sprache versagt, helfen die Hände: Patena Wajapi (rechts) und Waiwai Wajapi untersuchen 250 Jahre alte Eichenstämme. Links erklärt Prof. Sebastian Hein, dass man Eichenrinde früher zum Leder-Gerben benutzte, und dass sich das harte, wasserbeständige Holz zum Bootsbau eignet. Dazwischen lauschen Gerd Rathgeb von der Hilfsorganisation Poema, die Dolmetscherin Rosimerie Montezelli, SWR4-Journalistin Regina Kirschner und Johann Graf (ebenfalls von Poema). Bild: Mozer

Rottenburg. „50 Jahre.“ So alt schätzten die beiden Indianer Patena und Waiwai den Buchenbestand bei der Dünnbachhütte im Rammert, als der Rottenburger Waldbau-Professor Sebastian Hein sie auf die Probe stellen wollte. Das war nur die Hälfte der richtigen Antwort „100 Jahre“ – und war trotzdem nicht falsch. Denn in der Heimat der beiden Gäste, dem brasilianischen Regenwald, gibt es keinen Winter, und die Pflanzen gedeihen ganzjährig. „Das ist bei uns anders“, sagte Hein. „Bei uns wachsen die Bäume nur die Hälfte das Jahres.“

Zweieinhalb Stunden lang führte Hein gestern seine brasilianischen Gäste durch den Rammert. Genauer: Er fuhr sie. Die paar Kilometer, die Patena und Waiwai (den „Familiennamen“ Wajapi verwenden sie selbst nicht) mit den Rottenburger Forstexperten zurück legten, hätten sie in ihrer Heimat selbstverständlich zu Fuß absolviert. Dort gibt es schlicht keine befahrbaren Wege. Auch sonst wurden gestern viele Unterschiede zwischen den beiden Kulturen begreifbar, aber auch Gemeinsamkeiten.

Das 700-köpfige Volk der Wajapi lebt im Nordosten Brasiliens in einem 120 mal 70 Kilometer großen Reservat. Der erste Kontakt zur Welt der „Weißen“ ist noch keine 40 Jahre her. Die bunte Kleidung der Eindringlinge hielt er zuerst für eine merkwürdige Hautfarbe, erinnert sich der heute über 70-Jährige Waiwai – weil alle Menschen, die er bis dahin kannte, nur mit Rock oder Lendenschurz bekleidet waren. Er erwarb sich damals unsterblichen Ruhm, als er ein kleines Flugzeug der weißen Goldsucher in Brand steckte.

Heute fliegt er selbst mit sehr viel größeren Maschinen. Er war bereits einmal in New York (auf Einladung der Unesco) und nun eben für zwei Wochen in Süddeutschland, auf Einladung der Hilfsorganisation Poema (die Abkürzung steht für PObreza E Meio ambiente na Amazônia und heißt „Armut und Umwelt in Amazonien“). Einer ihrer Sprecher, Johann Graf, war früher der Personalratsvorsitzende im Tübinger Uniklinikum. Er brachte die Gäste gestern zur Rottenburger Forsthochschule.

Im Rammert selbst ging es mit allen Sinnen zur Sache: Die beiden Wajapis schauten nicht nur herum, sie fühlten und rochen auch Holzsorten und andere Pflanzen. Als der Hochschul-Mitarbeiter Göran Spangenberg den Rindenschaden an einer abgestorbenen Birke erklären wollte, kannte Waiwai die Antwort bereits: Da hatte ein Rehbock sein Geweih daran gerieben.

Professor Hein pflückte eine blühende Erdbeer-Pflanze. Die gibt es am Amazonas nicht, doch wie Erdbeeren schmecken, wussten die beiden Wajapis schon vom Kuchen, den sie am Sonntag gegessen hatten. Hein zeigte auch, wie man früher hierzulande Binsenhalme zu Stricken verarbeitete – und beim Weitergehen flocht Patena den angefangenen Zopf gedankenverloren weiter.

„Ohne Wald kann niemand leben“, stellte Patena mit Gewissheit fest. Professor Hein dagegen sieht seine Aufgabe darin, der deutschen Gesellschaft die Bedeutung des Waldes zu erklären: als Wirtschaftsfaktor, als Bremse beim Klimawandel, als Erholungsraum. Hein: „Bei uns will die Bevölkerung die Natur erleben und ein Abenteuer haben.“ Dazu gehört auch das Wildschwein-Schaugehege am Rammerthang.

Für die beiden Wajapis war das offensichtlich der Höhepunkt der Waldführung. Schon von weitem erkannten sie die Rotte, die da durch den Wald trabte. „Abenteuer“ bei der Jagd kennen sie durchaus, erzählte Waiwai (in doppelter Übersetzung, erst aus der indigenen Tupi-Sprache ins Portugiesische, dann ins Deutsche). Er habe schon mehrmals auf Bäume flüchten müssen, nachdem er seine Gewehrmunition oder seine Pfeile verschossen hatte.

Trotz der dünnen Besiedlung gebe es im Reservat immer weniger Jagdwild. Da wäre doch so ein Schutzgehege eine Möglichkeit, spekulierte Patena, und befragte Hein nach Zaun, Fütterung und ähnlichem. Am liebsten wären die beiden Wajapis gleich selbst auf die Pirsch gezogen. „Dann machen wir heute Abend ein Grillfest.“ Doch niemand hatte eine Jagdwaffe dabei, und die Delegation musste weiter zum nächsten Termin.

Heute Benefiz mit Kondschak, morgen Info mit Medico

Am heutigen Dienstag um 20 Uhr sind Waiwai und Patena sowie Simone Ribeiro von der brasilianischen Nichtregierungsorganisation IEPE („Partnerschaft“) zu Gast im Tübinger Landestheater LTT für eine Benefiz-Veranstaltung. Sie treten gemeinsam mit Heiner Kondschak, Dietlinde Elsässer und anderen Tübinger Künstler/innen auf.

Am morgigen Mittwoch informieren die Brasilianer/innen bei einer Veranstaltung der Tübinger Ortsgruppe von medico international über die Gesundheitsversorgung in ihrem Reservat und über die Hilfsprojekte von Poema (ebenfalls um 20 Uhr im Lichtensteinhaus auf dem Österberg, Schwabstraße 6.)

Weitere Informationen im Internet unter www.poema-deutschland.de

15.06.2010 - 08:40 Uhr | geändert: 15.06.2010 - 13:36 Uhr
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