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Ein Freund und Helfer tritt ab

Herbert Beutter, der Leiter des Horber Polizei-Reviers, geht nach 38 Dienstjahren in den Ruhestand

„Die Polizei – Dein Freund und Helfer.“ Was die Bürger als Werbe-Slogan kennen, gehört für den Horber Revierleiter Herbert Beutter zum beruflichen Selbstverständnis. Am 27. Januar wird der Erste Polizei-Hauptkommissar in den Ruhestand verabschiedet – nach 38 Dienstjahren.

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Andreas Ellinger

Horb. Hinter seinem Schreibtisch hängen Schaukästen mit Wiking-Autole: Herbert Beutter sammelt Einsatzfahrzeuge – Krankenwagen, Feuerwehr-Autos und natürlich Polizeiwagen. Als er 1977 als Leiter des Bezirks- und Postendienstes nach Horb kam, waren die Kollegen im Waldachtal noch mit einem VW Käfer unterwegs. Die alten Autos in Grün-Weiß sind längst Geschichte. Und das nicht nur, weil das Blech heute in Blau und Silber bevorzugt wird. Leasing-Verträge garantieren seit Jahren einen modernen Fuhrpark. Die Kehrseite der Medaille: Die Raten und die Sprit-Kosten lassen im Revier-Budget teilweise kaum Spielraum für Investitionen, wie Herbert Beutter berichtet. Wenn er von „Investitionen“ spricht, meint er beispielsweise eine neue Digitalkamera.

Herbert Beutter geht nach 38 Dienstjahren in den Ruhestand.Bild: ael Herbert Beutter geht nach 38 Dienstjahren in den Ruhestand.Bild: ael

Neben der Budgetierung gehören schriftliche Zielvereinbarungen zur Unternehmenskultur, wie sie bei der Polizei eingezogen ist. Indizes wie die „Straftaten pro Einwohnerzahl“ sind zum Leistungsmaßstab erhoben worden. „Das ist heute nicht mehr die Polizei, wie ich sie früher kennengelernt habe“, sagt Herbert Beutter. Er hat den Eindruck, dass der Polizist als Dienstleister am Bürger, wie ihn der frühere Leitspruch vom „Freund und Helfer“ verlangte, „ein bisschen in Vergessenheit“ geraten ist. Dabei sei es keineswegs so, dass es früher keine Zielvereinbarungen gegeben habe, betont Beutter – seinerzeit seien sie eher im Gespräch als schriftlich formuliert worden. „Als Polizist des alten Schlags musste man umdenken.“ Der demnächst 60-jährige ist beruflich als „Schutzmann“ sozialisiert worden: Ein Begriff, der heute kaum mehr verwendet wird.

Der Strukturwandel im Sicherheitsapparat hat das Horber Polizeirevier zwei Posten gekostet. Waldachtal und Empfingen sind geschlossen worden – Dornstetten und Pfalzgrafenweiler geblieben. Rund 55 Leute zählen heute zum Revier, dessen stellvertretender Leiter Herbert Beutter neun Jahre lang war, ehe er 2005 die Führung übernommen hat. Und in seinem Fall war der Chef auch Gewerkschafter. Bis April 2010 war er stellvertretender Kreis-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und zeitweise ihr Vorsitzender: kommissarisch. Schon 2002 ist er mit dem goldenen GdP-Stern ausgezeichnet worden.

In der gewerkschaftlichen Arbeit ging es beispielsweise um Schichtdienst-Zeiten und um Erschwernis-Zulagen für die Nachtschicht. Einen großen Teil habe die Beratung der Kollegen ausgemacht. Die Gewerkschaft fungierte als eine Art erweiterter Personalrat. Konflikte zwischen Gewerkschafts- und Führungsfunktion scheinen vorprogrammiert…

Bei Herbert Beutter haben sich die Aufgaben jedoch eher ergänzt. Auch als Vorgesetzter war es ihm ein Anliegen, auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen. In der täglichen Polizei-Arbeit gibt es belastende Erlebnisse, die es erfordern, dass die Beamten nachbetreut werden. Bei manchem reichen ein paar vertrauliche Gespräche, für andere muss professionelle Hilfe organisiert werden. „Gott sei Dank gibt es das heute“, sagt Beutter, der das aus seiner eigenen Ausbildung anders kennt: In seiner Zeit bei der Tübinger Kriminalpolizei gab es einen Todesfall, zu dem er mit einem erfahrenen Kollegen gerufen wurde. Vor dem Haus angekommen, habe der „alte Haudegen“ zu ihm gesagt: „Jonger, dô gôhsch Du nei.“ Und drinnen lag eine Leiche, die schon rund eine Woche tot war… „Das sind Einsätze, die einen mitnehmen.“ Herbert Beutter erzählt von Begegnungen mit verwahrlosten Menschen, die teilweise sogar dem Roten Kreuz übergeben werden mussten. Besonders heftig sei es, wenn Kinder betroffen sind, berichtet er. „So etwas muss man erst mal verdauen. Keiner ist so abgebrüht, dass er das einfach wegsteckt.“ Und je länger jemand an einem Ort arbeite, desto häufiger werde er mit Fällen konfrontiert, bei denen er einen Bezug zu den beteiligten Menschen habe, was zusätzlich belastend wirke.

Die Liste der Einsätze, die Herbert Beutter aus seiner Horber Zeit im Gedächtnis geblieben sind, ist lang. Er erzählt von den Bränden des „Steiglehof“ und der Firma Lauffer sowie vom Hochwasser 1990: „Neckar und Flößerwasen waren eins…“ Orkan „Lothar“ fegte Ende der 90er-Jahre über Horb und Umgebung hinweg. Zudem gab es Einsätze wie einen Verkehrsunfall auf der Bundesstraße 32, bei dem ein Selbstmörder in ein Brückengeländer gerast und dabei geköpft worden war.

Obwohl ursprünglich die Ermittlungsarbeit seine Welt war, entwickelte sich der Straßenverkehr zunehmend zu einem Schwerpunkt-Gebiet von Herbert Beutter. Er gehörte den Verkehrsschau-Kommissionen an, die Gefahrenstellen analysieren sowie über Schilder und Zebrastreifen entscheiden. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir das mal Spaß macht“, verrät er.

Andere Arbeits-Schwerpunkte des Horber Reviers und damit auch von Herbert Beutter waren vorübergehender Natur. In den 80er-Jahren waren die Beamten zeitweise täglich bei den bis zu 600 Asylbewerbern in der Hohenberger Kaserne, wo Alkohol und Haschisch Probleme verursachten. In den 90ern hielten Einbrüche die Polizisten in Atem. Eine Reaktion darauf war die Aktion „Wachsamer Nachbar“. Die Skinhead-Kneipe „Comico“ forderte das Revier Ende der 90er-Jahre bis an die personelle Belastungsgrenze: An den Samstagen kamen teilweise 300 oder gar 400 Neonazis aus Süddeutschland und dem benachbarten Ausland in die Stadt. Im laufenden Jahrzehnt war das Fehlverhalten von Jugendlichen im Bahnhofs-Bereich ein Thema, bei dem sich die Polizei über ihre Einsätze hinaus engagierte: „Es gab eine Zeit, da stand das auf der Kippe. Es drohten Zustände wie am Stadtbahnhof in Freudenstadt.“ In Gesprächen mit dem Städtischen Jugendreferat und den Jugendlichen selbst sowie mit „Blauen Briefen“ des Oberbürgermeisters an die Eltern konnte die Situation beruhigt werden – so die polizeiliche Sicht. Dass Kommunalpolitiker die Lage manchmal dramatischer sehen, weil ihnen Bürger ihre persönlichen Empfindungen schildern, sei natürlich klar, sagt Herbert Beutter, der als Stadtrat der Freien Demokraten/ Freie Wähler beide Perspektiven kennt. Und als Politiker hat er selbst teilweise eine andere Position bezogen als Polizei-Kollegen. Als in Horb beispielsweise Neonazis aufmarschieren wollten, sprach er sich nicht für die Taktik des Ignorierens aus: „Die Bürger dürfen auf keinen Fall wegschauen!“

Die politische Lage beeinflusste die berufliche Arbeit von Herbert Beutter von Beginn an. Als der Balinger nach dem Abitur 1972 zur Bereitschaftspolizei nach Bruchsal ging, war er häufig mit den Studentenprotesten in Heidelberg konfrontiert. Danach, in seiner Tübinger Zeit, war das ähnlich. Nach der regulären Nachschicht musste er mit seinen Kollegen oft nachmittags zur Demo. „Wir waren manchmal rund um die Uhr im Dienst.“

Langweilig wird es Herbert Beutter aber auch dann nicht, wenn er am 27. Januar nach 38 Dienstjahren offiziell in den Ruhestand verabschiedet wird. Schließlich arbeitet er weiterhin im Gemeinderat und im Führungsstab der Kolpingsfamilie mit. Außerdem plant er ein Engagement beim Grünprojekt „Neckarblühen“ – sobald er als einer der letzten Beamten seine grüne Uniform abgelegt hat. Seine jüngeren Kollegen sind bekanntlich seit kurzem blau gekleidet.

12.01.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 12.01.2011 - 20:28 Uhr

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