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Die Landkarte ist wieder weiß

Suche nach Atommüll-Endlager beginnt von vorne

Zurück auf Null beim Thema Endlager: Bundesweit soll nach dem am besten geeigneten Standort für hochradioaktiven Atommüll gefahndet werden. Das Kapitel Gorleben ist damit aber nicht geschlossen.

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MARTIN HOFMANN GEORG ISMAR, DPA
Artikelbild: Suche nach Atommüll-Endlager beginnt von vorne David McAllister (links) und Winfried Kretschmann (Mitte) waren die einzigen Ministerpräsidenten beim Treffen gestern mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen (rechts). Die anderen Länderchefs ließen sich vertreten. Foto: dpa

Plötzlich ist alles wieder offen. Für die deutsche Atomgeschichte ist es eine kleine Revolution, die Bundesumweltminister Norbert Röttgen gestern verkündet hat. "Wir sind uns einig, dass diese Verantwortung nicht ins Ausland abgeschoben wird", betonte der CDU-Politiker mit Blick auf hochradioaktiven Müll aus deutschen Atommeilern. Und: "Es gibt eine weiße Landkarte, kein Tabu." Das bedeutet: Bundesweit soll nach einem geeigneten Endlager gesucht werden.

35 Jahre lang galt der Salzstock im niedersächsischen Gorleben gerade bei Union und FDP als alternativlos. Nun erklärten sich Vertreter der 16 Bundesländer in Röttgens Haus dazu bereit, zurück auf Los zu gehen. Selbst Bayern, das jahrelang mantraartig wiederholt hatte, bei ihnen gebe es keine geeigneten Standorte, rückt nun vom Credo ab, dass Gorleben schon irgendwie passen werde. "Die Geologie ist das entscheidende, nicht die Geografie", betont der neue Landesumweltminister Marcel Huber (CSU).

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU), der mit dem für Sommer 2012 geplanten Endlagersuchgesetz rechtzeitig vor der Landtagswahl 2013 das Gorleben-Dilemma etwas entschärfen könnte, betont: "Wir müssen in jedem Fall ergebnisoffen und ohne Vorfestlegungen in diesen Prozess hineingehen." Doch eines macht Röttgen klar: Gorleben wird trotzdem weiter erkundet. Das löst bei SPD, Grünen, Linken und Atomgegnern starken Protest aus. Drohende Wassereintritte sowie Gasvorkommen machen Gorleben aus ihrer Sicht zu einer schlechten Wahl.

Aus Baden-Württemberg kommt der Vorschlag, bundesweit bis zu vier weitere Standorte zu prüfen und 2020/2021 zwischen den zwei besten Optionen das Endlager auszuwählen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann machte unmittelbar vor dem Treffen bei Röttgen per Rundfunkinterview aber noch mit einem ganz anderen Vorstoß von sich reden: "Wenn es ein nationaler Konsens ist, den wir da treffen, dann könnten wir auch nur national darüber abstimmen", sagte der Grüne und meinte damit eine bundesweite Volksabstimmung, wohlwissend, dass "im Grundgesetz solche Abstimmungen bisher überhaupt nicht vorgesehen sind".

Doch zurück zum neuen Suchlauf für ein Endlager. Denn diesen angestoßen zu haben, reklamiert Franz Untersteller, Umweltminister in Kretschmanns Kabinett für sich. In seinem Ministerium kennt man auch die nächsten Schritte. "Jetzt wird eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe gebildet", sagt ein Sprecher. Sie legt klare Kriterien für die Standortsuche fest - bis hin zur Beteiligung der Bürger. 2012 sollen dann Bundestag und Bundesrat ein Endlagersuchgesetz verabschieden. Der Suchlauf soll streng nach wissenschaftlichen Überlegungen erfolgen, nicht nach politischen. Vor allem daran hat sich der Widerstand gegen Gorleben festgebissen.

Eine der heikleren Entscheidungen dürfte sein, ob späteren Generationen die Möglichkeit eröffnet werden soll, den eingelagerten Atommüll aus dem Tiefenlager zurückzuholen oder nicht. Das Umweltministerium in Stuttgart favorisiert Letzteres, ist aber bereit, sich einem anderslautenden Mehrheitsbeschluss zu beugen. Der sichere Abschluss vor Zugriff auf das Strahlenmaterial sei wichtiger als die vage Chance auf ein mögliches physikalisches oder chemisches Verfahren, das Teilen des Mülls die Langlebigkeit und Gefährlichkeit nimmt.

Beispiel für eine in jedem Schritt transparente Standortsuche könnte die Schweiz sein. Dort sind sämtliche Erkenntnisse und Verfahrensschritte öffentlich nachvollziehbar. Der Geschäftsführer der Endlagergesellschaft, Markus Fritschi, fasst sein Vorgehen in einem Satz zusammen: "Alles, was wir unter den Teppich kehren, fängt an zu stinken."

Absolute Transparenz sagt auch das für die Abwicklung der Suche in Deutschland zuständige Bundesamt für Strahlenschutz zu. Es hat eine Prognose veröffentlicht, welche Menge an hochradioaktivem Abfall endgelagert werden muss. Nach dem Beschluss der Bundesregierung zum Atomausstieg fallen bis 2022, wenn mit dem Kernkraftwerk Neckarwestheim II der letzte Meiler vom Netz geht, rund 11 100 Tonnen Schwermetall an. Es stammt aus den bis dahin "abgebrannten" Brennelementen. Daraus ergibt sich ein Endlagervolumen von 21 800 Kubikmetern. Hinzu kommt Abfall aus Versuchs- und Forschungsreaktoren sowie radioaktives Material aus der Wiederaufbereitung der Brennelemente im französischen La Hague und im britischen Sellafield von 6670 Tonnen. Insgesamt muss Platz für etwas mehr als 29 000 Kubikmeter wärmeentwickelnden Strahlenmüll in einem unterirdischen Lager vorhanden sein.

Atomkraftgegner wie Raimund Kamm von der Bürgerinitiative "Forum gegen ein Zwischenlager" an Deutschlands größter Atomanlage in Gundremmingen (Donau) begrüßt die gestrige Entscheidung. "Die Bürger wissen, dass wir ein Endlager brauchen. Jetzt kann der dafür bestgeeignete Ort gesucht werden." Gorleben von vornherein als Standort auszuschließen, hielte er für falsch. "Dann beginnt der Hickhack von vorn."

12.11.2011 - 08:30 Uhr

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