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Morgens Amphetamine und abends Beruhigungsmittel

Chancen der Doping-Prävention bei jungen Leistungssportlern

Wie kann Doping im Leistungssport gestoppt werden? Am ehesten mit einer Sensibilisierung von Jugendlichen. Prof. Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Dopingprävention, zeigt Strategien auf.

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KLAUS VESTEWIG

Herr Prof. Treutlein, in Thüringen schlägt der nächste Fall in der Grauzone von Doping Wellen. Um die Dopingmentalität im Hochleistungssport zu verringern, ist es vor allem wichtig, Jugendliche anzusprechen. Wie kann man da etwas verändern?

Artikelbild: Chancen der Doping-Prävention bei jungen Leistungssportlern Gab 1998 bei einer Dopingkontrolle 63 verschiedene Mittel für die vergangenen Stunden an: Diskuswerferin Ilke Wyludda. Ein Vorbild für die Jugend? Foto: dpa

GERHARD TREUTLEIN: Bisher beschränkt es sich in den Verbänden meist darauf, jungen Leuten die Dopingregeln und den Ablauf bei Kontrollen zu erklären. Wenn wir wirklich weiterkommen wollen, müssen wir bei Jugendlichen das Problembewusstsein wecken. Sie müssen argumentieren lernen, damit sie im Wettkampf mit ihren Dopingfreunden bestehen können.

Artikelbild: Chancen der Doping-Prävention bei jungen Leistungssportlern

Wann sind Jugendliche in ihrer Leistungssport-Laufbahn gefährdet?

TREUTLEIN: Wir wissen, dass es im Laufe der Karriere Versuchungs-Situationen gibt, zum Beispiel bei einer größeren Verletzung. Da kann die Versuchung zu Medikamentenmissbrauch groß sein. Man kann die Jugendlichen aber ohne erhobenen moralischen Zeigefinger darauf vorbereiten. Piloten werden ja auch in Simulationen auf schwierige Situationen vorbereitet. Wir können Denkanstöße geben und den Jugendlichen sagen: Du bist selber verantwortlich. Wenn Du Dich für Doping entscheidest, musst Du die Folgen selber tragen.

Konkret: Wie sollen die Informationen denn weitergegeben werden?

TREUTLEIN: Wir geben Materialien weiter. Und wir haben 50 bis 70 junge Leute als Juniorbotschafter gegen Doping gewonnen. Bei denen ist die Sensibilität für das Problem groß, die transportieren das weiter. In Peergroups sind die Wortführer wichtig, die anderen gehen oft in die gleiche Richtung.

Hat nicht auch die Familie des Sportlers eine wichtige Bedeutung?

TREUTLEIN: Eltern, Trainer und Übungsleiter haben eine große Vorbildrolle. Kinder lernen früh im Elternhaus, wie mit Medikamenten umgegangen wird. Da haben die Eltern viel Verantwortung. Man kann Kinder zwischen 10 und 14 Jahren mental stärken. Sie können selber herausarbeiten, wo ihre Stärken liegen. Ab 14 oder 15 kann es eine spezifische Reflexion über Missbrauch geben. Wir wissen aus Interviews: Wenn das Umfeld überzeugend gegen Doping steht, dann orientieren sich die Jugendlichen daran. Wenn das Umfeld nicht deutlich ist, geraten sie eher in Medimentenmissbrauch und Doping. Das Umfeld hat eine enorm große Rolle.

Müsste nicht in der Ausbildung von Übungsleitern die Dopingprävention stärker thematisiert werden?

TREUTLEIN: Wir haben dazu für die Übungsleiterausbildung vier Module entwickelt. Der Bund Deutscher Radfahrer bietet seinen A-, B- und C-Trainern sogar 22 Module Doping-Prävention. Die anderen Sportarten haben es nicht übernommen.

Welche jungen Sportler sind am meisten gefährdet?

TREUTLEIN: In einer Untersuchung wurde in Frankreich folgendes herausgefunden: Wer mehr als acht bis zehn Stunden in der Woche trainiert, bei dem wächst die Suchtgefährdung gegenüber weichen und harten Drogen exponentiell an. Vielleicht weil keine Zeit mehr zum Spielen und Entspannen da ist. Wir wissen von einem jungen Schwimmer, dass er in der Woche 25 Stunden trainiert. Dazu kommen 30 bis 35 Stunden in der Schule. Das würde man keinem Erwachsenen im Berufsleben zumuten. Wo bleibt da die Entspannung und der Kontakt mit Gleichaltrigen?

Kann man junge Leute durch die Todesfälle durch Doping abschrecken?

TREUTLEIN: Beispiele wie Tom Simpson oder Birgit Dressel schrecken junge Leute nicht ab. Einige werden sogar ermuntert, das Risiko einzugehen. Der wichtigste Begriff ist die Medikamentalisierung unserer Gesellschaft. Da werden doch schon Zweijährigen Pillen gegeben. Und später wird gesagt: Wenn Du in der Klassenarbeit leistungsfähig sein willst, dann musst Du was nehmen. Da gibt es morgens Amphetamine und abends Beruhigungsmittel zum Schlafen. Die Folge sind eine Menge gesundheitliche Probleme. Bei manchen Mannschaften in Spielsportarten werden vor jedem Training und Spiel vier Voltaren eingeschmissen. 1998 hat die Diskuswerferin Ilke Wyludda bei einer Dopingkontrolle für die vergangenen Stunden 63 verschiedene Mittel angegeben. Und solche Leute sind dann Vorbild für die Jugend.

Welche Rolle spielt der Wettstreit der Verbände um die weniger werdenden Kinder und Jugendlichen?

TREUTLEIN: Das Potenzial ist geringer, die Leistungserwartung ist aber gleich geblieben. Das bedeutet gewachsene Trainingsumfänge und frühere Spezialisierung. In den 60er-Jahren gab es noch eine breite Grundausbildung. Jetzt werden schon ab 10 Jahren Schülermeisterschaften veranstaltet. Es gibt weniger Talente, deswegen versuchen die Verbände, diese über eine frühe Spezialisierung an sich zu binden.

Nationale Interessen und dopingfreier Sport schließen sich in vielen Ländern aus. Wie ist die Lösung?

TREUTLEIN: Nationale Interessen wischen oft alle Bedenken in Bezug auf die Zukunft junger Sportler beiseite. Wenn wir uns für die Leistungserwartung aussprechen, passt die Erwartung von sauberem Sport nicht. Da gilt es, die Hoffnung auf Medaillen herunterzuschrauben.

Würden Sie unter diesen Vorzeichen jungen Leuten überhaupt noch zu einer Leistungssport-Karriere raten?

TREUTLEIN: Der Leistungssport hat erhebliche Potenziale für die Entwicklung der Persönlichkeit, aber er muss richtig gesteuert werden. Für eine Medaille darf nie die Gesundheit eines Kindes geopfert werden. Dagegen wird weltweit zu oft verstoßen. Ich bin nach wie vor für Leistungssport, aber nicht, wie er in großen Teilen praktiziert wird.

04.02.2012 - 08:30 Uhr

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