14.10.2013 Drucken Empfehlen
 per eMail empfehlen


   

Eine Stadt wird zur Festung

Neonazi-Größen treten in Göppingen auf - Gegendemonstranten empört über Polizeieinsatz

Wieder eine Aufmarsch von Neonazis in Göppingen: Während die 141 Rechtsextremisten durch die Stadt marschieren, gibt es heftige Auseinandersetzungen zwischen Gegendemonstranten und der Polizei.

Anzeige


DIRK HÜLSER

Es wird wohl eine unschöne Tradition: Wie vor einem Jahr hatten für Samstag sogenannte "Autonome Nationalisten" zum Nazi-Aufmarsch in Göppingen aufgerufen - und wollen diese öffentlichen Auftritte bis mindestens 2020 fast jedes Jahr fortsetzen. Wie schon im Vorjahr glich die Stadt einer Festung. Für die Bürger gab es praktisch kein Durchkommen mehr, weder zu Fuß noch mit dem Auto. Der zentrale Omnibusbahnhof war dicht, der Wochenmarkt musste früher beendet werden. Rund 2200 Polizeibeamte waren im Einsatz, um den Marsch der Nazis zu schützen und linke und andere Gegner davon abzuhalten, auf die Rechten zu treffen.

Artikelbild: Neonazi-Größen treten in Göppingen auf - Gegendemonstranten empört über Polizeieinsatz Heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei: Eine blutende Gegendemonstrantin wird in Göppingen von Helfern weggebracht. Foto: dpa

Bei den Rechtsextremisten hatten sich etliche Herren eingefunden, die keine Unbekannten sind. Dass NPD-Landeschef Alexander Neidlein da war, wunderte kaum. Aber auch Maik E. reiste an, der Bruder des Angeklagten im NSU-Prozess André E. Auch Karl-Heinz Statzberger weilte in Göppingen. Er gilt als Unterstützer des NSU und ist wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung schon zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Roland Wuttke trat auf. Er soll mit dem Oslo-Attentäter Anders Breivik in Kontakt gewesen sein. Junge Fans der Szene-Größen posierten mit ihnen für Handyfotos, während hinter den Absperrungen aus großer Entfernung der Lärm der Gegendemonstranten zu hören ist.

Vielleicht waren 1500 Menschen gekommen, um gegen den Aufmarsch zu protestieren. Niemand hat sie gezählt. Zwei Bündnisse haben dazu aufgerufen, die städtische Protestveranstaltung hat auch aus Sicherheitsgründen bereits am Freitagabend stattgefunden. Dennoch sprach Oberbürgermeister Guido Till am Samstag auf der zentralen Kundgebung. Gestern meinte er aber, der Protest habe ihn "nicht überzeugt". Und er spracht mit Blick auf die Naziaufmärsche von einem "unerträglichen Zustand".

Voll des Lobs ist der Rathauschef für die Polizei: Die habe "kompetent und souverän gehandelt". Das sehen Demonstranten anders. So berichtet der Ulmer Religionslehrer Christof Maihöfer, dass er am Vormittag - also viele Stunden vor Beginn des Naziaufmarschs - mit einer Gruppe von Freunden durch einen Torbogen lief. Das Ende des kleinen Tunnels sei plötzlich von der Polizei abgeriegelt worden und Beamte hätten "unverhältnismäßig brutal" auf einen Demonstranten eingeschlagen. Andere Menschen hätten versucht, den Beamten davon abzuhalten. In diesem Moment habe er, der etwas abseits stand, völlig unvorbereitet Pfefferspray in die Augen bekommen. "Ich konnte nichts mehr sehen, ich habe geschrien", berichtet der 53-Jährige. Er habe sich festgehalten, ein Polizist wollte ihn wegziehen. Er habe ihm gesagt, er solle ihn loslassen, er sehe nichts mehr. Daraufhin traf ihn ein Schlagstock mit voller Wucht aufs Schlüsselbein, der nächste Schlag am unteren Rippenbogen. "Ich fand das feige, ich konnte mich nicht wehren, es war ein Albtraum." Maihöfer, der in Ulm auch in der jüdischen Gemeinde aktiv ist, vergleicht das Vorgehen in Göppingen mit zwei Aktionen gegen Rechtsextremisten in Ulm: Dort sei die Polizei gelassen und deeskalierend aufgetreten. "Das war ein großer Unterschied."

Erika Billinger stand zur gleichen Zeit vor dem Durchlass, der von beiden Seiten abgeriegelt war. Plötzlich sei eine Wolke Pfefferspray aus dem kleinen Tunnel gekommen. Die Passanten seien weggerannt. Die 50-Jährige war kurz zuvor selber in dem kleinen Polizeikessel gestanden und hatte es mit Mühe und Not nach draußen geschafft. "Da war kein Konflikt da." Der Polizeieinsatz sei nicht verhältnismäßig gewesen, meinst sie.

Die Sanitäter berichteten am Abend von 69 verletzten Demonstranten, neben Augenverletzungen gab es diverse Knochenbrüche sowie Kopf- und Unterleibsverletzungen durch Schlagstöcke. Von sieben verletzten Beamten berichtet die Polizei - zwei Knalltraumata durch einen Böller, eine Kopfverletzung durch einen heruntergerissenen Helm und eine Schienbeinverletzung nach einem Fußtritt. Die Zahl der Straftaten lasse sich noch nicht genau benennen, sagte gestern der Göppinger Polizeichef Martin Feigl. Unter anderem wurde aber die Bahnstrecke mehrfach durch Gegenstände blockiert, es flogen auch Steine auf einen Regionalzug. Insgesamt seien mehr als 500 Personen festgesetzt worden, alle "aus dem linken Spektrum". Feigls Bilanz ist positiv: Die "rivalisierenden Gruppen" seien auseinandergehalten worden. "Dies ist uns durch frühzeitiges und konsequentes Einschreiten gelungen."

Diesem Einschreiten musste sich am Samstag auch die Pressefreiheit unterordnen. Journalisten mit Presseausweisen war es unmöglich, sich frei in der Stadt zu bewegen. Nur, wenn ein Öffentlichkeitsarbeiter der Polizei zur Stelle war, konnten Absperrungen passiert werden. Der Vorsitzende des Vereins "Kreis Göppingen nazifrei", Alex Maier, berichtet, dass auch der Grünen-Landeschef Chris Kühn sich nicht frei bewegen durfte. Selbst als er seinen Bundestagsausweis vorgezeigt habe, hätte es für ihn kein Durchkommen gegeben. Begründung der Polizei: "So einen Ausweis kann sich ja jeder selber machen."

Mindestens vier Mal kesselte die Polizei Demonstranten ein und hielten sie mehrere Stunden fest. Ein junger Mann berichtet, er sei fünf Stunden eingekesselt gewesen. Der Gang zu einer Toilette sei nicht möglich gewesen. Eine dreiviertel Stunde musste der Fernsehreporter Timo Czerwonka im Kessel ausharren. Trotz Presseausweises sei er nicht herausgekommen. Der vom Handy aus angerufene Polizeisprecher habe ihm den Tipp gegeben, er solle sich auf die Pressefreiheit berufen. Auch das hat nicht funktioniert - nach unzähligen Versuchen hat der 21-Jährige dann einen Beamten gefunden, der ihn in die Freiheit entließ.

14.10.2013 - 08:30 Uhr

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Anzeige


Nachrichten aus ...
T�bingenRottenburgStarzachEmpfingenSulzG�uHorbFreudenstadtKreis Freudenstadt
Bildergalerien und Videos

Wildtiere in Dommelsberg

Bernd Haug wird Bürgermeister in Kirchentellinsfurt

Explosiver Braunkohlestaub beim Nehrener Asphaltmischwerk

Die neue Orgel der Weggentalkirche

Wer hat das schönste Kübele im Dorf?

Tag der offenen Tür in der Volksbank-Arena

Mobil ohne Auto 2014 im Neckar-Erlebnis-Tal

Ammerbucher Fliegerfest 2014

Die Dirndlknacker in Hirrlingen

Rallye von Rottenburg in den Orient

Aktive Singles auf
date-click
So funktioniert das mit dem Artikelkauf
Artikelbild: Serviceboxbilder

Fragen und Antworten zum Online-Bezahlsystem

Sie haben Fragen zu unserem neuen Bezahlsystem? Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten für Sie zusammengestellt.

Anzeige


Neckar-Chronik Servicetelefon

Ihr Kontakt rund ums Abo

Roswitha Eiseler: 07451 / 9009-23

Sabine Schuck: 07451 / 9009-22

anzeigen-nc@neckar-chronik.de

Neckar-Chronik als E-Paper
Artikelbild: Serviceboxbilder
Die ganze Zeitung auf Ihrem Desktop - Abonnieren Sie die Südwest Presse als E-Paper und blättern Sie am Bildschirm weltweit in Ihrer Heimatzeitung.
Neckar-Chronik Horb

Ihr Kontakt zur Redaktion

Telefon: 07451 / 9009-30

Fax: 07451 / 9009-88

nc@neckar-chronik.de