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Dem Schock keine Chance

Ahlmann steckt auch den Herztod seines Hengstes weg

Beim Turnier in Stuttgart kann Christian Ahlmann die Weltcup-Führung übernehmen. Für den Springreiter aus Marl wäre es ein schöner Coup nach Olympia-Skandal und dem Herztod seines Hengstes Calvados Z.

19.11.2010
  • WOLFGANG SCHEERER

Stuttgart Er ist wieder da, ist in Top-Form. Irgendeine Belastung durch die bitteren Ereignisse der jüngeren Vergangenheit? Christian Ahlmann lässt sich nichts anmerken. Der 35-Jährige macht, was er am besten kann: reiten.

Dass er sich mit seinen zwei Hengsten im Eröffnungsspringen der deutschen Teilnehmer sehr verhalten ins Stuttgarter "German Masters"-Turnier hineintastete - auf Platz 23 mit Caracas und auf Rang 26 mit Taloubet -, hat nichts zu bedeuten. Abgerechnet wird erst nach dem Weltcup-Springen am Sonntag. Ahlmann, der schon als 14-Jähriger das Goldene Reitabzeichen verliehen bekam, kann dann die Führung in der Serie übernehmen.

Eine harte Zeit mit vielen Hindernissen liegt hinter ihm. Sie begann 2008 bei den Olympischen Spielen. Die Manipulationsaffäre um seinen Wallach Cöster, das Hickhack um die sportrechtliche Einstufung des Mittels Capsaicin, das Pferdebeine schmerzempfindlicher macht, um die Sperre und deren Höhe sorgten für Riesenwirbel. Bis Ende Juli war Ahlmann zudem für zwei Jahre aus allen deutschen Springreiter-Kadern ausgeschlossen.

Kaum zurück, folgte beim ersten Weltcup dieser Saison Mitte Oktober in Oslo ein Schicksalsschlag: Völlig unerwartet starb im Beisein des herbeigerufenen Reiters der neunjährige Hengst Calvados Z im Turnierstall. "Es war in dem Moment ein Riesenschock, alles ging ganz schnell", sagt Ahlmann in Stuttgart stirnrunzelnd. "Er hatte Kolik-Symptome, Atemnot und wälzte sich vor Schmerz. Der Arzt konnte nichts tun." Calvados war sein "größtes Talent. Ich hatte mit ihm für die nächsten Jahre geplant". Emotional sei das natürlich ein Verlust, auch sportlich und finanziell - besonders für Besitzerin Marion Jauß. Im Gegensatz zu einigen anderen Top-Pferden war der Hengst nicht für einen solchen Unglücksfall versichert.

Alles hat fatal an Ahlmanns deutschen Springreiter-Kollegen Ulrich Kirchhoff erinnert, der 1996 in Atlanta mit Jus de Pommes Olympiasieger im Einzel und mit der Mannschaft geworden war. Kaum zwei Wochen später war der zehnjährige Fuchshengst tot. Er ging offenbar an einer Kolik ein - einem Darmverschluss, der beim Vegetarier Pferd durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden kann, nicht zuletzt durch (Reise-)Stress. Vielseitigkeits-Weltmeister Michael Jung aus Horb, der gestern im Auftaktspringen auf Der Dürer Dreizehnter wurde, sagt über sein Gold-Pferd Sam und die WM 2010 in den USA: "Es war für ihn der erste Flug. Ich war heilfroh, dass er das so gut überstanden hat."

Ahlmanns Pferd wurde an der Uni-Klinik in Oslo obduziert, als wärs ein Kriminalfall. Obwohl vieles auf Kolik hindeutete, war das Ergebnis eine Überraschung: "Calvados starb an Herz-Kreislauf-Versagen - wie es auch bei uns Menschen vorkommen kann", sagt der Reiter. Ein klares Ergebnis, aber auch nicht tröstlicher. Kirchhoff litt noch lang unter dem Verlust seines Ausnahmepferdes. "Vor allem auf langen Autofahrten kommen mir manchmal noch die Tränen", erzählte er selbst ein paar Jahre danach noch.

Ahlmann, der Doppel-Europameister von 2003, lässt so tief nicht blicken: "Ich habe etwas ähnlich Schlimmes noch nie erlebt und will es nie mehr erleben müssen", sagt er nur. Sich zusammenreißen und nach vorn schauen zu können, ist dabei eine entscheidende Qualität.

Trotz des Pferdedramas in der Box hatte er den Weltcup-Auftakt in Oslo auf Taloubet gewonnen und danach in Helsinki erneut auf dem zehnjährigen Hengst triumphiert. In Stuttgart wird am Sonntag das fünfte Springen der Serie entschieden. Ahlmann (40 Punkte) ist Zweiter der Gesamtwertung hinter dem Franzosen Kevin Staut (43).

Sportlich läuft es wieder. Bundestrainer Otto Becker nennt den Mann aus Marl einen "Klassereiter" und fordert: "Jetzt muss Christian den nächsten Schritt tun." Gemeint ist die Athletenvereinbarung, in der jede Form von Manipulation und Doping abgelehnt wird. Ahlmann will sie in der aktuellen Form nicht unterschreiben (und ist offenbar nicht der einzige unter den Top-Reitern), weil der Sportler für Fehler oder Vergehen zum Beispiel des Tierarztes mithaften würde.

Ohne Autogramm kann Otto Becker allerdings niemanden für die EM 2011 im eigenen Land nominieren. Obwohl dieser Christian Ahlmann also wieder Erfolge feiert, bleibt es für ihn vorläufig, wie es seit über zwei Jahren ist. Schwierig.

Ahlmann steckt auch den Herztod seines Hengstes weg
Christian Ahlmann und sein Hengst Taloubet gestern in Stuttgart: Verhaltener Start, großes Finale? Foto: Baumann

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19.11.2010, 12:00 Uhr

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