Bautechnik

Altes Wissen für modernes Wohnen

Von Hans-Michael Greiß

Ist denn wieder Mittelalter? Auf dem Horber Hohenberg wächst derzeit ein gigantischer Fachwerkbau in die Höhe, der sich in Größe und Bauweise von den Einfamilienhäusern in der Umgebung gewaltig unterscheidet. Aus gutem Grund.

Altes Wissen für modernes Wohnen

Holzbalken-Gemütlichkeit mit modernster Energie-Technologie für den Neubau (von links): Martin Heer, Benjamin Frick, Michael Amberger, Reinhold Frick und Thomas Pischner.Bild: Greiß

Die Felder sind längst dem Wohngebiet gewichen, es wird sich wohl kaum um eine Riesenscheune handeln. Bei näherer Betrachtung erweist sich der Neubau allerdings als das Fortschrittlichste, was derzeit im Wohnbau entwickelt wurde. „Die Werkstatt“, ein kleines Unternehmen aus Freudenstadt-Musbach, das sich konsequent dem ökologischen Bauen verschrieben hat, errichtet im Horber Paul-von-Schanz-Weg ein Mehrfamilien- und Mehrgenerationenhaus „Meilenstein“ als KfW-Effizienzhaus 40 Plus.

Werkstatt-Gründer Reinhard Frick erklärte vor Ort den Begriff: Die Förderbank KfW lege zur Förderung energiesparender Wohnungen einen Standard fest. Liege ein Haus unter diesem Wert, erhöhe sich der Förderrahmen, um den Bau trotz höherer Baukosten rentabel zu machen. Dieser Neubau spiele in der höchsten Klasse, das hauseigene Fassadendämmsystem „Zellofix FDS“, komplett aus Holz gewonnen, garantiere einen Wärmebedarf von nur noch 40 Prozent des Standards für Neubauten. Das Material der nun schon erkennbaren Holzkonstruktion stamme aus den Wäldern zwischen Musbach und Nagold. Ohne Übertreibung könne er versichern, jeden Baum gekannt zu haben, bevor er gefällt wurde.

Frick betonte, er verwende ausschließlich nachhaltige, nachwachsende Baustoffe wie Massivholz und Naturfasern. Die Zusatzprodukte seien konsequent umweltverträglich zusammengesetzt. Oberflächen würden nicht lackiert, sondern ausschließlich mit Naturharzölen behandelt, und auch das Massivholzparkett werde eine geölte Oberfläche erhalten. Dies sorge für ein wohngesundes Raumklima, das nicht nur Allergiker aufatmen lasse, sondern auch einen Beitrag zum Klimaschutz leiste. Von den beiden rollstuhlgerechten Untergeschossen bis unter das mit 30 Zentimetern Zellulose gedämmte Dach mit sichtbaren Balken werde sich Behaglichkeit ausbreiten.

Aufgrund seiner klassischen Aussteifung über Streben ließen die Grundrisse des Mehrfamilienhauses eine flexible Aufteilung der einzelnen Wohnungen zu. Befürchtungen bezüglich einer Brandgefahr konnte Frick zerstreuen, Gutachten belegten ihm einen höheren Brandschutz als herkömmlichen Bauten.

Der Energieverlust über die Gebäudehülle betrage nur 16,9 kWh pro Quadratmeter im Jahr. Das entspreche dem Bedarf von 1,7 Litern Heizöl, der Hälfte eines normalen Neubaus. Beheizt werden die rund 540 Quadratmeter Wohnfläche mit einer Wärmepumpe. Durch die Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach werde das Gebäude selbst zum Energieproduzenten und versorge die Gebäudetechnik mit Hilfe eines Batteriespeichers auch dann, wenn gerade keine Sonne scheine. Selbst die Fenster seien außergewöhnlich. Mit langsam trocknender Ölfarbe gestrichen, sei ihre Haltbarkeit jeder Lackierung überlegen. Sie öffneten nach außen, so presse Windruck sie zu und dichte sie zusätzlich.

Der Klimaschutzmanager der Stadt Horb, Martin Heer, hegte Zukunftsträume, den überschüssig erzeugten Strom zur Mobilität zu verwenden und E-Mobile oder Pedelecs anzubieten. Sollte der Strom an die Mieter verkauft werden, brauche man ihn nicht ins Netz einzuspeisen. Dieses Haus markiere einen energischen Schritt zur klimaneutralen Stadt.

Energieberater Thomas Pischner sah seine sehr hohen Ansprüche an ein Energiesparhaus erfüllt. Jede Wärmebrücke sei ausgeschlossen, die gewohntermaßen unvermeidlich seien, nicht aber im Holzbau. Der Dachvorsprung werde in Schwarzwald-typischer Manier außen angehängt. Neben der Wärmeisolierung sei mit der Teilung in der Mitte auch ein optimaler Schallschutz erreicht worden.

Der Bauherr, Schreinermeister Michael Amberger, kalkuliert mit einer ortsüblichen Miete für sein Projekt von etwa 8,50 bis 9 Euro pro Quadratmeter und mit sehr geringen Nebenkosten. Einziger Wermutstropfen sei eine Auflage: Statt der möglichen acht Wohneinheiten, die dringend auf dem Wohnungsmarkt benötigt würden, könne er aufgrund der begrenzten Parkflächen nur fünf anbieten. Er vertraue der Zusage seines Bauleiters Benjamin Frick, dass im nächsten Frühjahr die ersten Mieter einziehen werden.


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13.07.2017 - 01:00 Uhr