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Die Nachbarn wurden in den Tod geschickt

Am 27. November 1941 begann die erste Deportation von Juden aus Württemberg – und ihre systematische Ausraubung

Die erste Deportation von Juden aus Württemberg durch die Nationalsozialisten begann am 27. und 28. November 1941 in den jüdischen Landgemeinden. An diesen beiden Tagen mussten sich die Menschen auf den Weg zum „Sammellager“ Killesberg machen. Am 1. Dezember 1941 wurden dann über 1000 Juden am frühen Morgen vom Stuttgarter Nordbahnhof nach Riga verschleppt.

26.11.2011
  • von Heinz Högerle

Die Deportationen – es folgten zwei weitere aus Rexingen – waren der Schlusspunkt der Vernichtungsstrategie gegenüber der jüdischen Bevölkerung, die mit dem Boykott jüdischer Geschäfte im März 1933 begann und ständig weiter entwickelt wurde. Die „Nürnberger Gesetze“ von 1935, die Juden formal aus dem „Deutschen Reich“ als „Angehörige einer minderwertigen Rasse“ ausschlossen, und die Pogrome im November 1938, als die Synagogen zerstört wurden, waren die letzen Vorzeichen der bevorstehenden Shoa.

Nach dem 9. November 1938 wurden die jüdischen Familien zu einer so genannten „Sühneleistung“ gezwungen. Diese „Judenvermögensabgabe“ betrug zuerst 20 Prozent des Vermögens und wurde dann im Oktober 1939 auf 25 Prozent erhöht. Allein in Rexingen sollten die jüdischen Familien 140 600 Reichmark bezahlen. Dies führte zu einer weiteren Verarmung der jüdischen Bevölkerung und machte es mancher Familie nicht mehr möglich, ihre Flucht zur organisieren.

Die sogenannte „Aktion 3“, wie die NS-Behörden die erste Deportation in ihren Akten nannten, bedeutete die physische Vernichtung fast aller aus Horb, Mühringen und Rexingen nach Riga in Lettland verschleppten Menschen. Die Deportation gab den Nazis aber auch die Möglichkeit, sich endgültig des ganzen Vermögens der Deportierten zu bemächtigen.

Die Organisierung der Ausraubung

Am 18. November 1941 informierte die Geheime Staatspolizei, Leitstelle Stuttgart, durch ihren Leiter Friedrich Mußgay (1892-1946) die Landräte in Württemberg von der bevorstehenden Deportation Württemberger Juden nach Riga und gab ins Einzelne gehende Anweisungen. Der Brief an den Horber Landrat Albert Eitel liegt nicht vor. Er war jedoch gleich lautend wie der Brief an Landrat Maximilian Wizigmann aus Biberach, der im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart zu finden ist. Die Gestapo gab dort bekannt: „Um etwaigen Vermögensverschiebungen vorzubeugen, wird das Vermögen der abzuschiebenden Juden in seiner Gesamtheit staatspolizeilich beschlagnahmt.“ Die Jüdische Kultusvereinigung Württembergs wurde gezwungen, bei der Auswahl der Personen für die Deportation mitzuwirken. Danach musste sie die Menschen von der bevorstehenden Deportation informieren und ihnen ein achtseitiges Formular zur Vermögenserfassung übergeben, das für jede Person gesondert, auch für Kinder, auszufüllen war. Die Gestapo ordnete an: „Die Bürgermeister haben die Verzeichnisse stichprobenweise nachzuprüfen und dem zuständigen Finanzamt einzusenden. Das gesamte Vermögen dieser Juden wird generell eingezogen. Die Einziehungsverfügungen werden den Einzelnen hier im Sammellager zugestellt.“

Eine zentrale Rolle bei der Erfassung, Sortierung und beim Verkauf des jüdischen Vermögens sollten die Finanzbehörden spielen. Die Gestapo stellte fest: „Die Liquidation führt der Oberfinanzpräsident in Württemberg durch die örtlichen Finanzämter durch. Ich ersuche daher, sofort mit diesen wegen der Versiegelung der Wohnungen und sonstigen Massnahmen in Fühlung zu treten.“

Zusätzlich ordnete Mußgay an: „Vor Überstellung der in den einzelnen Landkreisen zusammengestellten Transporte nach hier, ist durch die Ortspolizeibehörde eine eingehende Durchsuchung nach Waffen, Munition, Sprengstoffen, Gift, Devisen, Schmuck usw. vorzunehmen. Das dabei erfasste Vermögen ist listenmäßig dem örtlichen Finanzamt zu übergeben.“ Alle Menschen, die deportiert wurden, mussten also vor ihrem Abtransport eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen.

Von Rexingen liegt kein Protokoll dieser Leibesvisitationen vor, aber es findet sich in den alten Finanzamtsakten, die beim Staatarchiv Sigmaringen archiviert sind, ein Papierbogen, in dem handschriftlich vermerkt ist, dass den Menschen noch 318,24 Reichmark an Bargeld abgenommen und eine Kuh und 5 Ziegen beschlagnahmt wurden. Der Landrat in Hechingen ließ genau Protokoll führen und stellte „kleine Beanstandungen“ fest, darunter (Zitat aus dem Protokoll): „Handgepäck Klothilde Sara Bernheimer. 1 silbernes Kettchen wurde abgenommen. Brieftasche Alfred Israel Loewenthal. 18 Briefmarken im Wert von 1,17 RM wurden abgenommen. Geldbeutel Marta Sara Hofheimer. 69 Rpfg. in Münzen angeblich versehentlich im Geldbeutel zurückgeblieben. Das Geld wurde abgenommen. Bei der Untersuchung des grossen Gepäcks ... wurde vorgefunden: Koffer Hofheimer Marta Sara. 3 Armbänder, 1 Bleistift, 2 Ringe, 1 Brosche, 1 Paar Ohrringen, Die Gegenstände sind aus Silber und wurden abgenommen. Koffer Mina Sara Schmalzbach. Es wurden vorgefunden 66 Rpfg. Die genannten Gegenstände werden dem Finanzamt zur Verfügung gestellt.“

Ämter als verlängerter Arm der NSDAP

Auf Anweisung des Oberfinanzpräsidenten von Württemberg mussten die örtlichen Finanzämter durch ihre Beamten die Wohnungen der Deportierten durchsuchen, den vorgefundenen Hausrat mit den Vermögenslisten vergleichen und die Wohnungen versiegeln. In einem Brief an seinen Sohn, der beim Militär diente, schrieb darüber ein Horber Finanzbeamter: „Das Finanzamt ist von der Regierung beauftragt, das gesamte Judenvermögen zu beschlagnahmen. Herr G, ich und noch zwei Amtsangehörige mußten in Rexingen die gesamten Wohnungseinrichtungen aufnehmen, die Kästen usw. abschließen und versiegeln. Das gesamte Vermögen geht an das Reich über. Kannst Dir denken, daß das keine schöne Arbeit war.“ In Rexingen wurden viele Gegenstände in die im Innern zerstörte Synagoge gebracht, die als Lagerraum diente. So konnten Wohnungen wieder neu mit Umsiedlern belegt werden.

Durch die detaillierte Erfassung des Vermögens der Deportierten hatten die NS-Stellen in Berlin und Stuttgart einen genauen Überblick über das Raubgut, das an das Deutsche Reich gefallen war. Sie bedienten sich als Erste am Hausrat. In einer mehrseitigen Liste fasste das Finanzamt Horb am 10. August 1942 zusammen, was vom Höheren SS- und Polizeiführer für den Großraum Stuttgart alles angefordert worden war, darunter die besten Möbelstücke.

Der Oberfinanzpräsident von Württemberg, der von der Gestapo beauftragt worden war, den Raub des jüdischen Vermögens zu organisieren und anzuleiten, bediente sich selbst, ließ aber auch Amtsvorstehern einiges zukommen, um sie bei Laune zu halten. In einem Schreiben an das Finanzamt Horb hielt er fest: „Die bei den Judenbüchern stehende Couche und einige vollwertige Sofas sind an mich einzusenden.“ „Die beiden elektrischen Heizöfen bitte ich mir einzusenden.“ „Unterhaltungsspiele bitte ich mir einzusenden.“ Dem Horber Amtsleiter sicherte er zu: „Schreib- und Arbeitstische, Bücher- und Kleiderschränke, Sessel, Stühle, Sofas, Teppiche und sonstige brauchbare Gegenstände, die in Geschäftszimmern verwendet werden können, stelle ich Ihnen zur Verfügung.“ Für die übrigen Finanzämter sah er vor: „Bodenteppiche und für Bürozwecke geeignete Bilder sind den Herren Amtsvorstehern beim nächsten Horber Kranz anzubieten, soweit sie bis dorthin noch vorhanden sind.“

Die örtlichen NS-Organisationen wurden ebenfalls bevorzugt bedient. In den Finanzamtakten tauchen vor allem die NS-Volkswohlfahrt und die NS-Frauenschaft als Interessenten auf. Wie bei einem Versandhaus bestellte die NS-Frauenschaft beim Finanzamt Haushaltsgegenstände aus dem Vermögen der jüdischen Familien und erhielt fast alles Gewünschte geliefert.

Der Kreisschulungsleiter der NSDAP erhielt Bücher zur Geschichte der Juden in Süddeutschland. Er benötigte Anschauungsmaterial für die Schulung der NSDAP-Mitglieder. Unter den gelieferten Büchern waren auch ein Kinderbuch, ein Lehrbuch „Hebräisch für Jedermann“ und mehrere jüdische Gebetbücher, darunter fünf aus dem Bestand der geschändeten Synagoge.

Auch außerhalb des Landkreises Horb hatte sich herumgesprochen, dass über das Finanzamt Horb billig Hausrat aus dem Vermögen der deportierten Familien zu erwerben war. Die Gemeinde Onstmettingen hatte vom Oberfinanzpräsidenten schon die Genehmigung zum „Kauf von Möbeln aus den beschlagnahmten Judenvermögen“ erhalten. Damit sollten Familien aus Slowenien, die auf der Alb angesiedelt wurden, ausgestattet werden. Der Bürgermeister schrieb nun am 7. Mai 1942 an die Finanzamtleitung: „Ich bitte ... der Gemeinde Onstmettingen ... noch etwas Küchengerät ... käuflich zu überlassen.“

Das Württembergische Forstamt in Neuenbürg bei Pforzheim bestellte für die Errichtung eines Kriegsgefangenenlagers Ess- und Kochgeschirr aller Art und das Finanzamt Horb lieferte aus dem Besitz der jüdischen Familien.

Der Höhere SS- und Polizeiführer Südwest in Stuttgart schrieb am 8. Juli 1942 an das Finanzamt Horb: „Wohl wird im Allgemeinen Wert auf billigeren Hausrat gelegt, bei der Vielzahl der in letzter Zeit zum Einsatz gelangten Umsiedler aus Intelligenzschichten, besteht jedoch auch Verwertungsmöglichkeit für wertvollere und teurere Einrichtungsgegenstände.“

Am 16. Juli musste das Finanzamt Horb sogar die NSDAP Kreisleitung in Horb abweisen. Diese hatte noch nach einer Schlafzimmer- und Kücheneinrichtung für ein „rückgeführtes Ehepaar“ aus Südosteuropa angefragt. Der Leiter des Finanzamtes schrieb, der Höhere SS- und Polizeiführer Südwest wolle die noch in Rexingen vorhandenen Einrichtungsgegenstände restlos übernehmen. Die letzte Schlafzimmereinrichtung aus Baisingen sei schon einem Ehepaar in Holzhausen versprochen, das durch Hausbrand geschädigt wurde. Der Finanzamtsleiter bedauerte: „Ich bin somit leider nicht in der Lage, gegenwärtig die gewünschten Schlafzimmer- und Kücheneinrichtungen zu liefern.“ Und machte zugleich Hoffnung: „Sollte in der nächsten Zeit wieder weitere Juden evakuiert werden, so bin ich gerne bereit, für die Familie in Karlstal Möbelstücke abzugeben, falls einwandfrei festgestellt ist, dass es sich um einen deutschen Umsiedler oder Rückwanderer handelt.“ (Unterstreichung im Original).

Die größten Vermögenswerte, die das Horber Finanzamt zu verwalten hatte, waren die Grundstücke, Wohnungen und Häuser der deportierten Familien. Man konnte sie vermieten, verkaufen oder für öffentliche Zwecke verwenden. Eine ganze Reihe von Wohnungen wurden dem Höheren SS- und Polizeiführer Südwest zur Unterbringung von „Umsiedlern“ zur Verfügung gestellt. Schließlich trieb der Nazi-Staat die Forderungen, die jüdische Privatpersonen und Unternehmen gegenüber Käufern von Häusern und Waren hatten, für sich ein. Auch die Forderungen jüdischer Viehhändler, gegen die man jahrelang gehetzt hatte, waren willkommen. Gleichzeitig versuchten die Finanzbehörden die Gelder, die deportierte Juden für eine geplante Auswanderung ins britische Mandatsgebiet Palästina an die Deutsche Warentreuhand AG in Berlin schon gezahlt hatten, vor einer Überweisung nach Palästina zu stoppen und auf das Deutsche Reich umzubuchen.

Nachdem das bewegliche Raubgut gesichtet und geordnet war und die NS-Organisationen und die Finanzämter ihre Wunschobjekte ausgesondert hatten, durfte auch die normale Bevölkerung von der Deportation der Juden profitieren. Am 8. Januar 1942 erschien die erste von fünf Anzeigen in der Schwarzwald-Rundschau, Ausgabe Horb, die Versteigerungen von Haushaltsgegenständen aller Art ankündigte. Die Reizworte der Anzeige waren „In Baisingen beim Haus Kahn“, „In Rexingen beim Haus Heimann“ und „Finanzamt Horb am Neckar“. Damit war jedermann klar, dass es sich um das Vermögen der jüdischen Familien handelte, auch wenn die Worte „Juden“ oder „Judenvermögen“ in der Anzeige nicht auftauchten.

In Baisingen benötige man sechs Tage, in Rexingen neun Tage, um den Hausrat der jüdischen Familien zu versteigern. Bei den späteren Deportationen wurden Versteigerungstermine nicht mehr in der Presse, sondern durch Ausrufen am Ort bekannt gegeben, beziehungsweise man verzichtete ganz auf die Versteigerungen in den ländlichen Heimatorten der Deportierten, weil die Schamgrenze der christlichen Bevölkerung überschritten wurde.

Viele Belege waren nicht mehr zugänglich

Nur zwei der nach Riga verschleppten Menschen aus Horb, Mühringen und Rexingen kehrten zurück, Sally Lemberger und Bertha Schwarz. Wenn Familienangehörige Restitutionsanträge für die geraubten Güter, Sparkonten und Immobilien stellten, kamen sie oft in Beweisnot. Bei den Gebäuden existierten immerhin die Grundbücher. Der Nachweis des geraubten Hausrats war fast unmöglich. Die exakte Vermögenserfassung vor der Deportation war anscheinend verschwunden.

Agnes Hermann in Horb, von Beruf Anwaltsgehilfin, setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in vorbildlicher Weise für die Rechte jüdischer Familien ein. Sie versuchte Erben zu finden, ihnen bei einem Antrag auf Entschädigung zu helfen und Beweismittel zu sichern.

Im Staatsarchiv Sigmaringen fanden sich jetzt viele Akten, in denen auch der Hausrat der jüdischen Familien aufgelistet ist. Diese Akten wurden vom Horber Finanzamt aber zur Beweissicherung anscheinend nicht herangezogen und den Familienangehörigen nicht zur Verfügung gestellt. Deshalb endeten diese Teile der Restitutionsverfahren oft mit einer Ablehnung der Ansprüche mangels Beweis.

Eine Aufarbeitung der Rolle der Finanzbehörden in der NS-Zeit ist überfällig.

Am 27. November 1941 begann die erste Deportation von Juden aus Württemberg – und ihre
Eine Seite aus einer mehrseitigen Liste, in der Bodenteppiche und Läufer jüdischer Familien aus Baisingen, Rexingen und Mühringen verzeichnet sind. Mit rotem Farbstift wurde notiert, welches Finanzamt welchen Teppich oder Läufer erhalten hatte. Quelle: Staatsarchiv Sigmaringen, Wü 126/7 T 1

Am 27. November 1941 begann die erste Deportation von Juden aus Württemberg – und ihre
Anzeige vom 8. Januar 1942 aus der Schwarzwald-Rundschau, in der zum ersten Mal Versteigerungen von Haushaltsgegenständen aus dem Vermögen der deportierten Familien angekündigt wurde. Quelle: Ortsarchiv Rexingen

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26.11.2011, 12:00 Uhr

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