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An der Universität Ulm werden Führungskräfte für Industrie 4.0 ausgebildet
Führungskräfte müssen zukünftig nicht nur mit Menschen, sondern auch mit immer größer werdenden Datenmengen umgehen können. Foto: © Sergey Nivens - fotolia.com
Analyst zu sein, reicht nicht

An der Universität Ulm werden Führungskräfte für Industrie 4.0 ausgebildet

Muss ein Chef oder eine Führungskraft in Zeiten von 4.0 anders ticken als heute? Ja, sagen Experten. In Ulm gibt es sogar einen eigenen Studiengang, um den Nachwuchs auf neue Aufgaben vorzubereiten.

30.01.2016
  • MIRIAM KAMMERER

Ulm. Etwa ein Dutzend Männer und eine Frau sitzen in einem Raum im Untergeschoss der Uni Ulm. Sie sollen zu Führungskräften der Zukunft ausgebildet werden. Zukunft meint in diesem Fall, dass sie die Umwälzungen, die mit Industrie 4.0 einhergehen, im Griff haben.

Vor ihnen steht Mischa Seiter, ihr Professor, und bittet die angehenden Führungskräfte, Fallbeispiele durchzuspielen. Anhand einer bekannten Kaffeekette oder eines Systemgastronomen sollen die Studenten "freies Denken" lernen. "Wir machen etwas, was alle kennen, aber wo keiner arbeitet", sagt Seiter.

Seine Studenten haben alle schon ein Studium abgeschlossen. Vor ihm sitzen Wirtschaftsingenieure, Naturwissenschaftler oder Wirtschaftsinformatiker. Sie arbeiten in der Industrie. Im neuen Master-Studiengang "Business Analytics" werden künftige Werksleiter oder Stabsstellenleiter auf ihre Aufgaben vorbereitet. Nur alle paar Monate treffen sie sich an der Uni, der Studiengang ist berufsbegleitend.

Das freie und vor allem das eigenständige Denken sind wichtige Eigenschaften von Führungskräften, wie sie die Industrie braucht. "Wir müssen weg von der reinen Datengetriebenheit", ist Seiter überzeugt. Seine Studenten sollen erst einmal lernen, die richtigen Fragen zu stellen und das geht an fachfremden Beispielen am besten. Erst danach kommt die Auswertung der Daten.

In Zeiten, in denen Big Data (Massendaten) zwar in aller Munde ist, können längst noch nicht alle auch mit der Datenflut umgehen. Genau darauf kommt es aber an. Ein bloßer Analyst ist noch kein Garant für sinnvolle unternehmerische Entscheidungen. Der Wirtschaftsingenieur von heute und gestern hat es mit Dingen zu tun, die jedermann sehen und anfassen kann. In Zukunft geht es darum, Daten auszuwerten. Die Mischung aus alten und neuen Fähigkeiten dürfte ideal sein. Im Studiengang Business Analytics wird das vermittelt. Mathematik, Informatik und Wirtschaftswissenschaften sind die drei Säulen des Studiengangs.

Seiter hat den Studiengang selbst mitentwickelt. Bisher gibt es nur wenige Studiengänge dieser Art in Deutschland. In den USA gebe es schon einige Studiengänge und sogar eine eigene Berufsbezeichnung. Nämlich die des "Data scientists", also des Wissenschaftlers für Daten.

Seiter selbst unterrichtet die Einführungsveranstaltung zu "Business Analytics". Er ist ein Fan von praktischen Beispielen in der Vermittlung des Stoffes. Man stelle sich einen Hersteller von Pumpen vor. Die Pumpen, die das Unternehmen liefert, können Daten an den Hersteller zurück senden. Diese könnte die Firma dazu nutzen, neuen Service, wie vorsorgende Wartung anzubieten. Das kann der Hersteller der Pumpen aber nur tun, wenn jemand die Daten auswerten und interpretieren kann.

Auch abseits der Industrie wird sich für Führungskräfte durch die Digitalisierung so einiges verändern. Davon ist jedenfalls Martin Spilker überzeugt. Er ist Referent bei der Bertelsmann Stiftung und arbeitet dort im Kompetenzzentrum Führung und Unternehmenskultur. Sechs "K s" sind für ihn dabei entscheidend: Kommunikation, Kooperation, Konfliktmanagement, Kreativität und Komplexitätsintelligenz. "Helden" als Chefs haben seiner Meinung nach ausgedient, weise Führungskräfte sind gefragt.

Der technologische Wandel werde früher oder später jedes Unternehmen treffen, Dann sollte man nicht reflexhaft handeln, sonder darüber nachdenken, was das Einzigartige am eigenen Unternehmen ist (also der unique selling point). Dies herauszufinden, ist auch eine Herausforderung für die Führungskräfte. Darüber hinaus gehört es für leitende Angestellte dazu, darüber nachzudenken, wie die Mitarbeiter beschäftigt oder weitergebildet werden, die beim digitalen Wandel kaum oder gar nicht mitkommen. "Der Prozess läuft bereits", sagt Ulrich Goldschmidt vom Berufsverband für Fach-und Führungskräfte. Und redet von den veränderten Anforderungen an die Führungsetage. Leitende Angestellte sollten nicht mehr als Sachbearbeiter und Problemlöser eingesetzt werden, sondern wirklich führen, meint er. Veränderungen - zum Beispiel unterschiedliche Teams und Projekte - werden künftig die Regel sein. Und in solchen wechselnden Strukturen sollte der Chef der Zukunft Orientierung bieten.

Professor Seiter in Ulm beantwortet seinen Studenten geduldig Fragen zur ersten Klausur. "Normale" Führungskräfte könne es auch in Zukunft geben, meint er, aber nur in Branchen mit stabilen Geschäftsfeldern. "Aber wo gibt es das schon?"

Der Studiengang

Berufsbegleitend Den Studiengang Business Analytics an der Universität Ulm gibt es seit dem Wintersemester 2015/16. 80 Prozent des Studiums bestehen aus Selbstlernphasen. Aspekte aus Mathematik, Informatik und Wirtschaftswissenschaften werden in dem Studiengang kombiniert. Wer Business Analytics studieren möchte, muss Studiengebühren bezahlen.

Alternativen An der Technischen Universität Freiberg gibt es auch einen Masterstudiengang Business Analytics. Sie kooperiert mit der Technischen Universität Chemnitz, die den Studiengang Business Intelligence & Analytics anbietet. Diesen gibt es auch an der Hochschule Neu-Ulm. Die jeweiligen Schwerpunkt unterscheiden sich und alle drei Studiengänge sind nicht berufsbegleitend. mk

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30.01.2016, 08:30 Uhr

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