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Liebe im Reich der Schließfächer

André Tchaikowskys "Der Kaufmann von Venedig"

Das See-Spektakel lockt die Massen. Doch auch indoors glänzen diese Festspiele. Mit einer wiederentdeckten Oper: solide Regie, herbschöne Klänge.

20.07.2013
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Bregenz Es gab Zeiten, da machte André Tchaikowsky ganz andere Schlagzeilen: Der 1982 verstorbene Komponist hatte zu Lebzeiten seinen Schädel testamentarisch der Royal Shakespeare Company "zum Gebrauch bei Theateraufführungen" vermacht. Tatsächlich kam sein Totenkopf bei "Hamlet" zum Einsatz, was zu erregten Debatten führte. Eine makabre Pointe, die ganz zu Tchaikowskys provokantem Außenseitertum passte. Womit wir mitten im Thema sind: Denn dass gerade Tchaikowsky, der eigentlich Robert Andrzej Krauthammer hieß und als polnischer Jude in Warschau den Holocaust überlebt hatte, sich mit Shylock beschäftigte, Shakespeares mit antisemitischen Ressentiments belastetem jüdischen "Kaufmann von Venedig", ist als gezielter Tabubruch typisch für dessen funkelnden Esprit.

David Pountney, dem Intendanten der Bregenzer Festspiele, ist nun mit der posthumen Uraufführung von Tchaikowskys "Kaufmann von Venedig" (1982) - nach etlichen Opern-Wiederentdeckungen von Szymanowski oder Weinberg - erneut ein Coup gelungen.

In der zeitlosen Inszenierung des bayreutherfahrenen Keith Warner dominieren riesige graue, aus Schließfächern bestehende Wände, die an Klagemauern und Krematorien erinnern. Das handverlesene Ensemble agiert festspielreif, allen voran Adrian Eröd, der 2009 als Beckmesser auf dem Grünen Hügel überraschte: Er zeichnet seinen Shylock mit kräftigem, glühendem Bariton als bärtigen Geschäftsmann, der sich, als "Hund" beschimpft und angepöbelt, tapfer zur Wehr setzt gegen den Terror der Nachbarn, die ihm mit Fackeln und Ku-Klux-Klan-Kapuzen zu Leibe rücken. Als Shylock alttestamentarisch sein vertraglich vereinbartes Pfund Fleisch aus der Brust Antonios (ein sehr melancholischer Countertenor: Christopher Ainslie) als Ausgleich für dessen Schuldenlast fordert, wird er böse ausgetrickst. Bei Warner endet er als Opfer der gnadenlos auftrumpfenden Christen-Mehrheit, als getretenes, ausgestoßenes Bündel Mensch am Boden. Noch während er da liegt, sülzen die Sieger schon wieder von Liebe - in einer eher gespenstischen, geträumten Szenerie, in fahlem Mondlicht. Warner arbeitet mit mehrdeutigen Bildern und hintergründigem Humor. Zwischendurch lässt er die ganze Kredit-Society in einem Irrgarten herumwuseln. Dass der auch in Draufsicht gezeigt wird, macht das Absurde dieser Hektik noch deutlicher. Dennoch: Wohlfeile Aktualisierungen und religiöse Debatten blendet er eher aus. Seine Inszenierung endet nicht ganz, aber weitgehend versöhnlich: mit einem Loblied auf die Liebe. Und die Musik. Die ist eine echte Entdeckung.

Erik Nielsen schafft es mit den Wiener Symphonikern, Tchaikowskys bildkräftige Sprache wirkungsvoll zu vermitteln. Alles endet in herbschönem Streicherzauber - und die Sologeige singt sich langsam nach oben. Himmelwärts.

Info Weitere Termine: 21./28. Juli

André Tchaikowskys "Der Kaufmann von Venedig"
Kathryn Lewek und Jason Bridges in der Uraufführung der Oper "Der Kaufmann von Venedig". Foto: Karl Forster/dpa

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20.07.2013, 12:00 Uhr

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