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Brüssel trauert und will sich doch dem Terror nicht beugen

Auf der Suche nach Normalität

Belgien trauert, Belgien steht zusammen. Nach dem Doppel-Massaker vom Dienstags sind die Menschen einig im Widerstand gegen den Terror. Aber der Rückweg zu normalen Verhältnissen fällt schwer.

24.03.2016
  • von ANNIKA FISCHER, KNUT PRIES

"Normalité" jetzt schon, nur einen Tag danach? "Geht nicht", sagt Jan, der Blumenhändler. "Nicht mit den vielen Polizisten!" - "Muss", sagt Hannelore, die Parlamentsangestellte. "Nur so können wir zeigen, dass wir keine Angst haben." So angestrengt, wie Brüssel sich nach den Terrorwarnungen im November selbst abgeschlossen hat, so angestrengt will es nach den Terroranschlägen wieder normal sein.

Der Held der Normalität heißt Christian Delhasse. Am Dienstag steuerte er den Metrozug, den die Bombe an der Haltestelle Maelbeek zerriss. Delhasse, vorn in seinem Fahrerhäuschen, kam nicht zu Schaden. Er half, Verletzte ins Freie zu schleppen, vorbei an Toten und Verstümmelten. Gestern erschien er wieder zum Dienst. So etwas nötigt selbst Joe Biden Respekt ab. "Die haben Rückgrat, die lassen sich nicht kleinkriegen", lobt der US-Vizepräsident die Belgier bei einem Solidaritätsbesuch in der Botschaft in Washington.

Die ganze Stadt bemüht sich. An einem der Tatorte, der U-Bahn-Station Maelbeek, ist von den Absperrungen nicht mehr viel übrig. An den Eingängen hängt noch zerknicktes Flatterband, die Rolltore sind heruntergelassen, doch eine Haltestelle weiter fährt die Metro wieder, spuckt am Morgen Menschen aus, die zur Arbeit eilen, den Blick nach unten gerichtet, stumm.

Unten aber warten sechs bewaffnete Soldaten, kontrollieren jede Tasche. "Nein danke", sagt eine Frau und macht auf dem Absatz kehrt. Sie geht doch lieber zu Fuß, die Geschäfte sind ja wieder offen, keine hundert Meter vom Anschlagsort entfernt herrscht geschäftiges Treiben, an Baustellen wird wieder gebaut, die Kinder müssen zur Schule.

Es ist vorerst ein wackliges Nebeneinander aus trotzig behaupteter Alltäglichkeit und den unübersehbaren Folgen der Katastrophe. An Bahnhöfen und anderen neuralgischen Punkten, vor den EU-Gebäuden, an Bahnhöfen, Haltestellen und belebten Plätzen ist zusätzlich Polizei, Gendarmerie und Militär aufgezogen. Die Metro funktioniert nur auf bestimmten Linien. Auch bei den Vorortzügen kommt es zu Ausfällen. Eurostar, Betreiber des Tunnelzuges nach London, forderte die Reisenden auf, früher am Südbahnhof zu erscheinen. Maelbeek selbst, einer der schöneren Bahnhöfe des bescheidenen Netzes, wird nach Darstellung des Brüsseler Bürgermeisters Yvan Mayeur Wochen brauchen, die Verwüstungen zu reparieren.

"Wir versuchen, normal zu sein, in einer Situation, die nicht normal ist", sagt eine junge Italienerin im Europa-Viertel. Hinter ihr hängen drei rosafarbene Blumen am Geländer, "no fear", keine Angst, hat jemand auf einen Zettel gekritzelt. Alles steht voller grüner Militärautos, vor der Kommission hängen die 28 blau-gelben EU-Sternenbanner auf Halbmast. Blumenmann Jan, der schon seit 18 Jahren hier seinen Stand hat, ist wütend. So viel Militär, so wenig Schutz . "Haben die eigentlich keine Detektoren, die kiloweise Sprengstoff rechtzeitig finden?" Jan wird laut, er zittert, die Tochter einer Bekannten aus seinem Dorf war in der U-Bahn, ein Opfer, das er gekannt hat. "Das geht ans Herz." Er kann nicht so tun, als sei alles normal.

Zum Knotenpunkt der Trauer hat sich der Platz vor der Börse in der Innenstadt entwickelt. Dort treffen sich seit dem Vortag Touristen und Einheimische. Um sich zu vergewissern, dass sie mit ihrer Fassungslosigkeit nicht allein sind. Und um zu demonstrieren - wem auch immer - dass die Mord-Kampagne chancenlos bleiben wird.

Das Pflaster am Fuß der Treppe ist zum Kondolenzbuch geworden, auch wenn der Regen manche Kreidezeichnung verwäscht. "Brüssel, ich liebe dich", haben sie auf Stein geschrieben oder: "Liebe schlägt Hass." Viele Wünsche sind verdeckt von Flaggen aus aller Welt: Brasilien, Türkei, Tunesien, Ecuador.

An der Schulter eines Mannes weint ein junges Mädchen. Plötzlich fassen sich die Menschen an den Händen, bilden einen Kreis um Blumen, Briefe, Kerzen, drehen sich schweigend um das Stillleben. "Warum?", fragt eine Reporterin in die gespannte Ruhe. "Aus Solidarität", sagt ein Student. Jemand hat den Ruf der Islamisten, "Allahu akbar", übersetzt: "Gott ist groß", dazu hat er einen Davidsstern gemalt, einen Halbmond und ein Kreuz. Zwei kleine Mädchen lassen rote Luftballons in Herzform über den Platz tanzen. "Ich finde es schlimm", schrieb eine Achtjährige neben ein selbstgemaltes Bild, auf dem es brennt.

Daneben kniet Martine und bildet das Wort "Love" aus pinkfarbenen Kerzen. Die 42-jährige Verkäuferin aus Gabun fährt jeden Morgen mit der U-Bahn, genau zu derselben Zeit, zu der am Dienstag die Bombe explodierte. "Gestern hatte ich meinen freien Tag." Martines Kerzen wollen nicht brennen, die Tränen steigen ihr in die Augen. Sie musste einfach herkommen, an einen Ort, wo auch andere sind. Sie werden immer mehr, um zwölf Uhr wollen sie gemeinsam schweigen.

Am Sonntag wird an der Börse ein "Marsch gegen die Angst" starten, eine weitere Demonstration ist für den Ostermontag am Brüsseler Wahrzeichen Atomium geplant. Drei Tage soll das ganze Land Staatstrauer halten. Die Schweigeminute am Mittag ist der Auftakt. Der anschließende Applaus ist länger als die Gedenk-Minute. Jemand ruft "Vive la Belgique!", ein anderer stimmt die Nationalhymne an. Sie singt von "Liberté", der Freiheit.

„Der Schmerz sitzt tief drin“

Europa Im Europa-Viertel, trifft sich die politische Führungsebene, um schweigend ihren Respekt zu bekunden. Im Berlaymont, Sitz der EU-Kommission, ist neben dem Hausherrn Jean-Claude Juncker und seinem Team ein Kreis versammelt, der für Belgien und Europa steht, mit König Philippe und seiner Gattin Mathilde, mit Premierminister Charles Michel und dessen französischem Kollegen Manuel Valls. Federica Mogherini, die italienischen Chefdiplomatin der EU, kämpft mit den Tränen. „Der Schmerz sitzt tief drinnen“, sagt Michel später.

Der König Er setzt sich an die Spitze der Trauerarbeit. Im November, als das Land nach den Pariser Anschlägen in Alarmstarre fiel, machte der Monarch Urlaub an der französischen Küste. Das hat man ihm übel genommen. Diesmal ist er den ganzen Tag präsent, fährt zu den Tatorten Maelbeek und Zaventem, ermutigt die erschöpften Einsatzkräfte, und spendet den Verletzten Trost, die in verschiedenen Krankenhäusern versorgt werden. kpr

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24.03.2016, 08:30 Uhr
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