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Beim FDP-Besuch bei Gläser geht es auch um Geschlechterrollen
Geschäftsführerin Claudia Gläser (Mitte) informierte FDP-Generalsekretärin Nicola Beer und den Landtagsabgeordneten Dr. Timm Kern, was in Bildechingen bei der Firma Gläser im Bereich Hydraulik und Technische Sauberkeit so alles produziert wird. Bild: dag
Ach ja die Frauen…

Beim FDP-Besuch bei Gläser geht es auch um Geschlechterrollen

Der FDP hängt noch immer ein wenig das Klischee einer Männerpartei an. Doch die Frauen erobern sich bei den Liberalen gerade so manche Position und sind durchaus selbstbewusst – so der Eindruck beim Besuch der FDP-Generalsekretärin Nicola Beer bei Horbs Vorzeigeunternehmerin Claudia Gläser in Bildechingen.

22.02.2016

Es ist Wahlkampf. Dr. Timm Kern, FDP-Landtagsabgeordneter, weiß das. Und man muss es ihm lassen, er wirft sich ins Zeug. Jüngster Coup: Er hat ein Treffen zwischen Claudia Gläser (46) – der Vorzeige-Unternehmerin in Horb – und Nicola Beer (45) – der Generalsekretärin der FDP – arrangiert. Es geht um die Situation von Unternehmerinnen in Deutschland.

Nicola Beer ist superpünktlich. Sie schwirrt so frisch in das Gläser-Firmengebäude in Bildechingen ein, als wäre es ihr erster Termin des Tages. Aber weit gefehlt: Sie war bereits in Bad Dürrheim und Villingen-Schwenningen, später geht es weiter nach Ludwigsburg und Pforzheim. Aber jetzt geht es um Horb und die Gläser GmbH, ein Familienunternehmen, das in zweiter Generation für die Automobil-, die Luft- und Raumfahrttechnik sowie der Medizin-Industrie als Zulieferer produziert.

Eine Frauenquote lehnt Nicola Beer ab

Wenn man jetzt etwas gemein sein wollte, könnte man sagen, Nicola Beer hat momentan Zeit für diesen Besuch. Seit die FDP bei der jüngsten Bundestagswahl 2013 den Einzug nicht geschafft hat, ist der Posten einer Generalsekretärin überschaubar. Doch Beer wirkt nicht so, als hätte sie wenig zu tun. Sie sprudelt vor Energie: Die ehemalige hessische Kulturministerin ist nicht nur sechsfache Mutter – zwei eigene Kinder, vier von ihrem Partner – sondern sie arbeitet auch noch als Anwältin. Damit ist sie die perfekte Gesprächspartnerin für Claudia Gläser: Die Horberin hat nämlich nicht nur einen Knochenjob, sondern ist ebenfalls Mutter von zwei Töchtern.

Also: Lassen sich Karriere und Kinder in Deutschland unter einen Hut bringen? Es geht, da sind sich Beer und Gläser einig. Wichtig sei dabei die qualifizierte Kinderbetreuung. „Welche Unternehmerin kann um 16 Uhr sagen, ich bin jetzt fertig mit der Arbeit und hole die Kinder ab?“, spricht Beer aus Erfahrung. Inzwischen hätten sich die Zeiten geändert, bei ihr wäre es ohne das „System Oma“ nicht gegangen. Und ihr Vater wäre vor dem geöffneten und gefüllten Kühlschrank verhungert. Doch eine Frauenquote in Führungspositionen lehnt die FDP-Generalsekretärin ab. „Wir müssen stattdessen die Unternehmenskultur verändern“, meint sie. Claudia Gläser sieht das ein wenig anders: „Häufig sind Frauen in der Belegschaft in der Mehrheit, aber nicht in den Führungsetagen. Da macht eine Quote vielleicht schon Sinn“, sagt sie nachdenklich. Wichtig sei aber auch, Frauen für das Unternehmerinnen-Dasein zu begeistern.

Bei Gläser war dieser Weg vorgezeichnet. Ihr Vater hat das Unternehmen 1976 gegründet. Die Tochter machte eine Ausbildung als Industriemechanikerin und sattelte ein Studium als Diplom-Ingenieurin im Maschinenbau darauf. 2002 wurde Claudia Gläser Geschäftsführende Gesellschafterin der Gläser GmbH. Sie hat den Bereich der Technischen Sauberkeit aufgebaut, der heute ein boomender Markt ist. Sie ist gerne Unternehmerin: „Ich finde es superspannend“, sagt sie über ihre Arbeit. Täglich hat sie mit neuen Herausforderungen zu tun. „Das ist manchmal richtige Detektivarbeit.“

Beers Vermutung: Männer haben mehr Sitzfleisch

Nicola Beer hat ebenfalls Spaß an ihrem Job. Auch wenn sie einschränkend sagt: „Politik ist oft ein Geschäft mit wenig ereignisreichen Sitzungen.“ Da ist man bei einem weiteren Thema: die Frauen und die FDP. Der Frauenanteil bei den Liberalen ist mit rund 25 Prozent relativ niedrig. Zum Vergleich: Bei den Grünen sind es fast 40 Prozent. Claudia Gläser, selbst FDP-Mitglied, glaubt, dass es damit zu tun hat, dass eben auch relativ wenige Frauen Unternehmerinnen sind.

Beer sieht noch andere Gründe. „Frauen haben heute Beruf, Kinder und kümmern sich um den Haushalt. Dann stellen sie sich schon die Frage: Mache ich jetzt noch nebenher Politik?“ Denn Politik sei ein zeitraubendes Geschäft. Locker gehen bei Sitzungen drei Stunden ins Land, obwohl auch die Hälfte der Zeit genügt hätte. „Männer haben wohl mehr Sitzfleisch“, vermutet Beer. Dafür gäbe es wenige Frauen-Karteileichen bei der FDP. Und sagt mit einem Augenzwinkern: „Und so mancher Junge hat sich schon warm anziehen müssen.“Dagmar Stepper

Gläser produziert im Nischenbereich

1976 wurde die Gläser GmbH gegründet, seit 2002 ist Claudia Gläser Geschäftsführerin. Drei Standbeine hat der Zuliefererbetrieb, der europaweit exportiert: Abfüll- und Dosiertechnik, Hydraulik und Technische Sauberkeit. „Wir sind ein Nischenbereich“, sagt Claudia Gläser. Vor allem die Technische Sauberkeit boomt gerade. Denn viele Firmen in China setzten inzwischen auf Qualität und nicht mehr nur auf Quantität. Da sei es zu verschmerzen, wenn im Maschinenbau gerade die Auftagslage eher angespannt ist. Neben dem Standort in Bildechingen mit 55 Mitarbeitern hat die Gläser GmbH auch noch Standorte in China und den USA. Hätte Claudia Gläser einen Wunsch an die Politik frei, dann stünde der Abbau von Bürokratie an erster Stelle.

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22.02.2016, 01:00 Uhr

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