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Clemens Dirscherl referierte über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier
Mit dem Thema Tierhaltung befasst sich Dr. Clemens Dirscherl, Geschäftsführer vom evangelischen Bauernwerk Württemberg schon lange. Bildungsreferentin Susann-Marie Wagner konnte am Montagabend über 80 Interessierte begrüßen.Bild: pez
Sündhaft billige Lebensmittel?

Clemens Dirscherl referierte über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier

„Das Tier und wir – landwirtschaftliche Tierhaltung im gesellschaftlichen Widerstreit“ – so lautete die herausfordernde Ansage eines Vortragsabends mit Dr. Clemens Dirscherl, Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks, in Vöhringen.

17.02.2016
  • Petra Haubold

Sulz. Um die Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Tierhaltung durch die Gesellschaft ging es im mit über 80 Besuchern vollbesetzten evangelischen Gemeindehaus. Dazu begrüßte die Bildungsreferentin des evangelischen Bauernwerks Susann-Marie Wagner Interessenten aus Landwirtschaft und Tierschutz. „Tierwohl ist zum Nulltarif nicht zu haben, das macht die Sache so schwierig“, leitete Diakonin Roswitha Eberbach den Abend ein. Ethische Prinzipen und Tierhaltung sind nach Auffassung des Agrarbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gut miteinander zu verknüpfen.

Dirscherl zeigte eindrucksvoll auf, wie sich die Beziehung der Menschen zu den Tieren verändert hat und lenkte den Blick zunächst auf die Schöpfungsgeschichte: „Schafe und Ziegen standen unter Gottes Segen, Rinder und Kamele waren Zeichen des Wohlstands und der Gottgefälligkeit“, beschrieb der Redner aus Waldenburg. In der Bibel sei die Nutzung der Tiere durch den Menschen klar geregelt. Im Hinblick auf manch provokante Forderung einiger Tierschutzorganisationen sagte Dirscherl, dass Gott die Tiere für den Gebrauch der Menschen erschaffen habe, aber nicht um sie auszubeuten. In allen Kulturkreisen wurden Tiere über Jahrtausende hinweg nachhaltig genutzt: „Fell, Leder, Fleisch, Innereien, die Knochen als Werkzeug, die Blase als Gefäß, in den früheren Kulturen haben wir alles vom Tier verwertet“, so der Referent. Eine Diskussion um das Wohl der Tiere sei erst mit der industriellen Revolution entstanden. Die Gesellschaft rücke zunehmend das Wohlbefinden der Tiere ins Licht. Dieses könne man heute messen und auch feststellen, inwieweit Tiere überhaupt leiden. Kritiker bemängelten die moderne Tierhaltung, insbesondere die Massentierhaltung, die einer Produktion von Dingen gleichkomme. Nutztiere würden heute zunehmend in die Marktgegebenheiten eingebettet, tierische Erzeugnisse, etwa Eier und Milch sollten immer noch günstiger sein, so der Redner. Die heutige Schizophrenie der Gesellschaft zeige sich darin, dass der Mensch das Tier materiell und zugleich emotional nutzt. Dirscherl sprach von „Legehennenleistung, Wurfleistung der Sau und Fleischleistung in möglichst kurzer Zeit“, und wollte schließlich wissen: „Wo sind eigentlich jetzt die, die Turbokühe gezüchtet haben, sind die alle abgetaucht?“. Für die Landwirte und Tierhalter werde das Leben seiner Meinung nach immer beschwerlicher. Denn die müssten zwischen der Technologie, der gesellschaftlichen skeptischen Beurteilung und immer neuen Vorschriften und geschäftlichen Bestimmungen einen Mittelweg finden. Wie Tiere überhaupt ticken, sei früher gar nicht erforscht worden, doch heute erforsche man, wie sich eine Kuh am Melkroboter, im Stall oder an der frischen Luft fühle, beschrieb Dirscherl provokativ. Praktisches, routiniertes Erfahrungswissen der Landwirte stellte er dann den Expertenmeinungen gegenüber. Ein Huhn, das geschützt im Käfig sitzt, sei unter Umständen gesünder als ein Auslaufhuhn. Angesprochen wurde auch, dass viele Verbraucher keine Möglichkeit haben, sich ein eigenes Bild von der Landwirtschaft zu machen. „Wir müssen wieder mehr zum kundigen Kunden werden“, so der Redner bezüglich der inzwischen „sündhaft billigen Lebensmittel“. Zugunsten des Tierwohles aber nicht zu Lasten der Landwirtschaft plädierte Dirscherl für „Lebenswirklichkeit, und dafür Verantwortung zu übernehmen“. Er forderte konstante politische Entscheidungen mit Sicherheiten für Landwirte. Dass ein möglichst hohes Tierwohl erreicht werden kann, wenn sich gleichzeitig aber die Wünsche des Marktes, im globalen Wettbewerb kostengünstig tierische Erzeugnisse zu Niedrigstpreisen zu liefern, nicht änderten, sei nicht möglich. Das Wohl der Tiere kostet Geld, lautete auch das Fazit einiger Besucher. Eine kurze Diskussion über tiergerechtere Haltungsformen beschloss den Vortragsabend.

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17.02.2016, 01:00 Uhr

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