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Krankenhäuser

Das Sterben der Kleinen

Auf dem Land kämpfen immer mehr Kliniken ums Überleben. Allein halten sie finanziellen Zwängen nicht Stand. Das zeigt das Beispiel Bad Saulgau.

04.05.2017
  • MORITZ HAGEMANN

Bad Saulgau. Ergraute Wände, Betten aus dem alten Jahrhundert, dazu drei weitere Personen im Zimmer und nicht einmal eine eigene Toilette – das war über viele Jahre Realität im Kreiskrankenhaus Bad Saulgau. Bis Anfang April. Da wurde das neue Bettenhaus eröffnet. „Wir haben diesen Tag herbeigesehnt“, sagt Ingrid Schäfges, Leiterin des Pflegedienstes der Inneren Abteilung.

Noch nicht einmal der typische Krankenhaus-Geruch hat in den neuen Zimmern Einzug gehalten. Dort gibt es jetzt eine Holzfassade statt grauen Wänden und ein Fotograf hat jeden Raum mit einem großen Bild geschmückt. Jedes der Zwei-Bett-Zimmer verfügt über eine eigene Toilette. Auch das Pflegepersonal hat einen schönen Aufenthaltsraum bekommen. Das ist die Zukunft.

„So wie es früher gewesen ist, war es auf Dauer nicht mehr darstellbar“, sagt Werner Stalla, Geschäftsführer der drei SRH-Kliniken in Bad Saulgau, Pfullendorf und Sigmaringen. 6,8 Millionen Euro hat das neue Haus gekostet. Bei der Eröffnung freute sich Sigmaringens Landrätin Stefanie Bürkle: „Mit dem Bau sind wir gegen den Strom geschwommen.“

In Baden-Württemberg sollen kleinere Kliniken vermehrt geschlossen werden, jedes fünfte Haus könnte laut Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) betroffen sein, vor allem im ländlichen Raum. Befürworter dieses Plans findet Lucha bei den Kassen und in den großen medizinischen Zentren, den Kliniken der Maximalversorgung.

Beispielsweise an der Tübinger Universitätsklinik, einem führenden Zentrum in Deutschland. Dort ist Professor Michael Bamberg der Ärztliche Direktor, der von 2004 bis 2008 als Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft die Bildung von Zentren und die Entwicklung interdisziplinärer Behandlungsleitlinien vorangebracht hat. „In kleineren Kliniken müssen Krankheiten betreut werden, die nicht schwer oder lebensbedrohlich sind“, sagt Bamberg. Entscheidend ist für den 69-Jährigen die Erstversorgung: „Die Schwere der Krankheit lässt sich anhand der Symptome oft gar nicht feststellen, darum lieber eine Viertelstunde mit Blaulicht in ein Krankenhaus der nächsten Stufe fahren.“

In Riedlingen hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, um das Krankenhaus zu retten. Die Erfolgschancen? Eher gering. Andere Standorte sind schon geschlossen – begleitet von Kritik, meist auch der Regionalpolitik. Bamberg meint, Landräte und Bürgermeister hätten Angst, sich gegen den Willen der Bevölkerung zu stellen. Die Befürworter der Schließungen berufen sich auf Zahlen: Einer Studie der AOK zufolge behandeln fast ein Drittel der 150 teilnehmenden Kliniken im Südwesten weniger als 34 Herzinfarktpatienten pro Jahr.

Um solche Patienten betreuen zu können, bilden die drei SRH-Kliniken im Landkreis Sigmaringen „eine Einheit“, wie es Geschäftsführer Stalla sagt. So soll gewährleistet werden, dass auch ein Krankenhaus wie Bad Saulgau mit 52 Betten überleben kann. „Man darf eine Klinik wie Saulgau nicht als einzelstehendes Krankenhaus sehen“, sagt Stalla. In den Standort Sigmaringen werden nochmals fast 100 Millionen Euro investiert. Dort soll ein Herz- und Gefäßzentrum aufgebaut werden. Die Schwerpunkte Innere Medizin und Allgemeinchirurgie werden in Bad Saulgau ergänzt durch Zusatzangebote in Viszeral- und orthopädischer Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe.

Ein Streitpunkt bleiben die Auszubildenden. „Die wollen heute nur noch in die Zentren gehen“, sagt Michael Bamberg. Auch, weil sie sicher sein wollen, dass sie die fünf, sechs Jahre dauernde Facharzt-Ausbildung zu Ende bringen können. Von einem Schwund an jungem Personal hat SRH-Geschäftsführer Stalla aber nichts mitbekommen. „Ich glaube, dass diese Frage eine untergeordnete Bedeutung hat.“

In Bad Saulgau kennt Stalla noch „ein besonderes Erfolgsrezept“: das Engagement der Ärzte. Sie veranstalten Tage der offenen Türe, halten Vorträge und „rühren die Trommel für unser Haus so gut es geht“. Die gute Öffentlichkeitsarbeit trage dazu bei, dass die Klinik eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung habe. Alle, sagt Stalla, hätten ihren Anteil daran, dass in Bad Saulgau dem Trend entgegengewirkt werden konnte: „Das hat uns einen richtigen Schub in der Wahrnehmung gebracht.“

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04.05.2017, 06:00 Uhr

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