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Verfolgung

„Das hört ja nicht auf“

Im Gefängnis auf dem Hohenasperg saßen viele Häftlinge, die für die Demokratie gekämpft haben. Ihr Streben nach Freiheit kann auch heute noch als Vorbild dienen.

23.08.2017
  • TOBIAS KNAACK

Asperg. Theobald Kerner machte sich über das politische Klima in Württemberg Mitte des 19. Jahrhunderts keine Illusionen. „Ich saß (...), weil ich die Freiheit allzu lieb hatte, als politischer Gefangener in Hohenasperg“, schrieb der Mediziner und Dichter im Vorwort zu seinem Bilderbuch „Princessin Klatschrose“ anno 1851. Kerner saß in dem Gefängnis auf dem Berg in Asperg bei Ludwigsburg ein, weil ihm sein Engagement in der zweiten Phase der Revolution 1848 zum Verhängnis wurde. Am 10. September desselben Jahres hatte er in Heilbronn vor 15 000 Menschen eine Rede für mehr Freiheit und Demokratie gehalten. Kerner wurde verurteilt, weil er das Volk „zur gewaltsamen Abänderung der Verfassung des Königreichs“ aufforderte. Zehn Monate Festungshaft auf dem Hohenasperg.

Die Geschichte Kerners ist eine von vielen in der Ausstellung „Hohenasperg – Ein deutsches Gefängnis“, einer Nebenstelle des Haus der Geschichte Baden-Württemberg (HDGBW). Es sind überwiegend Geschichten, die vom Streben nach Freiheit erzählen, vom Kampf für mehr Demokratie – und davon, dass viele Menschen dafür weggesperrt wurden. Es sind Geschichten aus mehreren Jahrhunderten Hohenasperg. Geschichten aber auch, die bis in die heutige Zeit strahlen, da sie eine ewig aktuelle Debatte referieren: das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, zwischen Freiheit und Sicherheit und zwischen denjenigen, die einen Status Quo erhalten möchten, und jenen, die eine Gesellschaft verändern und voranbringen wollen.

Die in der Ausstellung präsentierten Biografien reichen vom 18. Jahrhundert und Joseph Süß Oppenheimer, dem Opfer eines Justizmordes, über 48er-Revolutionäre wie Kerner oder Gottlob Tafel und Widerständlern gegen das NS-Regime wie Emil Hinckler bis hin zum „Remstalrebellen“ Helmut Palmer und seinem letzten Aufenthalt in Hohenasperg im Jahr 2000.

Vom 18. bis ins 21. Jahrhundert

Franziska Dunkel ist Kuratorin der Ausstellung auf dem Hohenasperg, wo es bis heute ein Justizvollzugskrankenhaus gibt. Beim Gang durch die dunkel gehaltenen Räume, in denen jeder dort präsentierten Biografie eine eigene Vitrine mit Exponaten gewidmet ist, erklärt sie: „Es sind nicht alles nur Heldengeschichten, die hier erzählt werden.“ Weil die Ausstellung auch von Verbrechern des Nationalsozialismus wie Karl Jäger berichtet, der als Mitglied der SS an der massenhaften Tötung von Juden in Litauen beteiligt war und 1959 im Justizvollzugskrankenhaus einsaß, bis er sich in seiner Zelle erhängte.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums erzählt die Ausstellung ebenso von zwei völlig unterschiedlichen Biografien des RAF-Terrors: Günter Sonnenberg und Johannes Thimme. Der eine, Sonnenberg, der sich im direkten Umfeld von RAF-Größen wie Christian Klar und Knut Folkerts bewegte und 1977 wahrscheinlich am Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback beteiligt war und bei seiner Festnahme wenig später neunmal auf einen bereits verletzten Polizisten schoss. Der andere, Thimme, der Kuratorin Franziska Dunkel zufolge zunächst eher „als Sympathisant der RAF“ gilt, dann aber doch zum Gewalttäter wird. Ein junger Mann, den der Staat ihrer Meinung nach durch eine Überreaktion in die Radikalisierung trieb, bis er sich bei dem Versuch, eine Bombe am Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart zu zünden, irrtümlich selbst in die Luft sprengte.

Völlig verschiedene Biografien

So ist der Hohenasperg auch ein Ort der Ambivalenz. Menschen, die gegen alle (staatlichen) Widerstände für mehr Freiheit und Rechte stritten und dafür mit Freiheitsentzug bezahlten. Menschen aber auch, die gesellschaftliche Veränderung mit Gewalt bis hin zu Mord durchdrücken wollten wie Sonnenberg. So ist Hohenasperg ein Ort, der gleichermaßen Unterdrückte wie Unterdrücker beherbergte, der die Repression des Staates gegen seine Bürger ebenso bezeugt wie die gegen den Staat gerichtete Gewalt einiger Bürger.

„So war es und wird's ewig sein: Wer Freiheit liebt, den sperrt man ein“, dichtete Theobald Kerner 1851 ebenfalls in Bezug auf seine Zeit auf dem Hohenasperg. Sein Zitat zeigt zweierlei: Einerseits die widrigen Umstände, unter denen er und viele andere Menschen – viele von ihnen Insassen auf dem Hohenasperg – die Basis der heutigen Freiheit und Demokratie erfochten. Und es ist, andererseits, aber auch ein steter Appell, dafür zu kämpfen, dass Kerner eben nicht Recht behält; dass eben nicht jeder, der für gesellschaftlichen Fortschritt einsteht und kämpft, eingesperrt wird.

Und so ist seine mehr als 160 Jahre alte Aussage heute vor allem auch Ansporn, die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Staat und Bürger, und mit ihnen die Demokratie immer wieder zu verhandeln und zu erneuern. „Der Kampf um Menschenrechte ist ja heute nicht zu einem glücklichen Ende gekommen“, sagt die Hohenasperg-Kuratorin Franziska Dunkel. „Das hört ja nicht auf, das geht ja immer weiter.“

Dass aber „Widerstand mittlerweile positiv konnotiert“ sei und „der Staat nicht mehr so überreagiert“, bewertet sie als eine der großen Errungenschaften der Kämpfer für Freiheit und Demokratie über die Jahrhunderte und ist also auch das Verdienst vieler Insassen des Gefängnisses auf dem Hohenasperg.

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23.08.2017, 06:00 Uhr

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