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Dem Handwerk macht die Demografie zu schaffen / Freudenstadt im Bau-Boom
Die Spitzen der Kreishandwerkerschaft (von links): Dieter Walz, Hans Jäckel, Alexander Wälde, Siegfried Dreger, Rainer Neth und Reinhold Haschka.Bild: mos
Zwei Drittel ohne Nachfolger

Dem Handwerk macht die Demografie zu schaffen / Freudenstadt im Bau-Boom

Die Kreishandwerkerschaft Freudenstadt betreut 17 Innungen mit einem Gesamtumsatz von einer Milliarde Euro. Sie ist damit der größte Wirtschaftsverband im Landkreis Freudenstadt – erklärte Geschäftsführer Siegfried Dreger bei der Mitgliederversammlung in den Räumen der Volksbank. Dort war erwartungsgemäß auch die aktuelle Geldpolitik ein wichtiges Thema.

18.03.2016
  • von Monika Schwarz

Kreis Freudenstadt. „Wir sind duale Partner des Handwerks und betreuen im Kreis Freudenstadt 628 junge Menschen“, betonte Geschäftsführer Siegfried Dreger. Diese jungen Menschen brauche man, weil der Bedarf an Facharbeitern groß sei. Sein Dank galt insbesondere Kreishandwerksmeister Alexander Wälde für das stets gute Eivernehmen. „Ich finde, wir sind ein gutes Team.“

Dreger verschwieg aber auch die Probleme nicht: Von 120000 Betrieben in Baden-Württemberg stehe bei einem Drittel in den kommenden sieben Jahren altershalber der Ruhestand des Inhabers bevor. Bei zwei Dritteln davon gebe es keine Nachfolger. „Politisch würde ich mir deshalb auch eine Gründerinitiative wünschen“, sagte Dreger, der zuvor die Vernachlässigung solcher, gesellschaftspolitischer Themen im Wahlkampf kritisiert hatte. Dieser sei schon sehr stark von der Flüchtlingsthematik überlagert gewesen. Erst wenn der Handwerker fehle werde man merken, wie dringend man ihn brauche.

Volksbankvorstand Dieter Walz freute sich in Anbetracht der zuvor genannten Zahlen über die „riesige und geballte Kraft, die heute hier sitzt“. Seit rund fünf Jahren werbe das Handwerk schon mit dem Slogan „Wirtschaftsmacht von nebenan“. Für ihn sei dies eine Kernwahrheit. Handwerk sorge auch in schwierigen Zeiten für einen gesunden und fairen Geldkreislauf in der Region- und damit für Stabilität und Zuversicht. In Anbetracht der derzeitigen Nullzinspolitik und zu erwartenden Minuszinsen brauche man das auch.

Dass diese Nullzinspolitik auch eine Kehrseite hat, bekommt derzeit offenbar die Stadt positiv zu spüren: „Bei uns wird nämlich gebaut wie irre“, vermeldete Oberbürgermeister Julian Osswald. Nie mehr wolle er in die Situation kommen, einem Gewerbetreibenden oder Ansiedlungswilligen erklären zu müssen, dass keine Bauflächen vorhanden sind. Der Breitbandausbau und der Ausbau der Kleinkindbetreuung seien dabei nur zwei Aspekte, die möglicherweise zur positiven Entwicklung Freudenstadts beigetragen haben.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer ist dort allein im Zeitraum 2008 bis 2014 um 9 Prozent gestiegen. In den Jahren 2014/2015 kamen 280 neue Arbeitsplätze hinzu. Wichtig sei nun, den jungen Menschen klar zu machen, dass eine Ausbildung so wichtig ist wie ein Studium. Den „völligen Wahnsinn der Akademisierung der Gesellschaft“ müsse man zurückdrehen, anders gelinge es nicht, das Handwerk dauerhaft mit entsprechendem Nachwuchs auszustatten.

Abschließend kritisierte Osswald die gesetzlichen Vorgaben der Ausschreibungspraxis, die mitunter dazu führten, dass man unbekannten und nicht immer zuverlässigen Handwerkern von außerhalb den Vorzug geben müsse. „Darauf würden wir gerne verzichten.“

Als Vertreter der Handwerkskammer Reutlingen berichtete der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Rainer Neth von einer guten Konjunktur. Das Jahr 2015 sei gut gewesen, für 2016 seien die Prognosen ebenfalls positiv. Die Geldpolitik schwebe dennoch wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft. Größere Betriebe verhielten sich deshalb eher etwas zurückhaltend im Moment.

Im Kreis Freudenstadt sei die Zahl der Azubis dennoch um 10,8 Prozent gestiegen. 650 Lehrstellen habe man derzeit auch für Flüchtlinge reserviert, es komme aus diesem Personenkreis aber nicht jeder tatsächlich für eine Ausbildung in Betracht, sagte er mit Verweis auf zahlreiche Analphabeten und Personen ohne Kenntnis der Sprache.

Beim Thema TTIP verwies er auf ein Positionspapier des Baden-Württembergischen Handwerkstages. Hier müsse man sich positionieren, damit der Mittelstand nicht unter die Räder kommt. Mit Verweis auf den Slogan „Karriere mit Lehre“ warb anschließend auch Kreishandwerksmeister Alexander Wälde für den Handwerksberuf. Und bedauerte „zu viele Bachelor und zu wenige Handwerker“.

46 Prozent derjenigen, die einen Handwerksberuf ergreifen, kämen aus einer Werkrealschule, 43 Prozent aus der Realschule und 11 Prozent hätten Abitur. Nur 5 Prozent der Meisterschüler brechen ab, bei den Studenten seien dies immerhin 28 Prozent, nannte er ein paar statistische Zahlen.

Wälde blicke auf insgesamt 128 Innungsveranstaltungen und eine gute Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer zurück. Ohne rund 220 ehrenamtliche Handwerker würde es das Haus des Handwerkes in dieser Form gar nicht geben, sagte er.

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18.03.2016, 01:00 Uhr

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