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Der schwierige Kampf der Polizei gegen absurde Flüchtlings-Gerüchte
Rund um Meßstetten ein Dauerbrenner: Dieser Lidl-Markt sei von Flüchtlingen leergeplündert worden und habe seitdem geschlossen - dieses Gerücht hält sich hartnäckig. Dabei kann jeder sehen, wie Menschen dort einkaufen Foto: Michael Würz
Von geschächteten Schafen und geplünderten Märkten

Der schwierige Kampf der Polizei gegen absurde Flüchtlings-Gerüchte

Leichenteile im Müll, gestohlene Schafe, geplünderte Läden: Seit Monaten machen teils absurde Flüchtlings-Gerüchte die Runde. Dementis der Polizei finden seit der Silvesternacht bei vielen kein Gehör mehr.

17.01.2016
  • von MICHAEL WÜRZ

Meßstetten/Stuttgart. Über diese Geschichte konnte ein Schäfer aus Meßstetten nur staunen: Flüchtlinge aus der örtlichen Landeserstaufnahmestelle (Lea) sollten Schafe aus seiner Herde geklaut und geschächtet haben. Nur durch Zufall hatte er davon erfahren - als er in einem Wartezimmer in Meßstetten (Zollernalbkreis) saß. Die Empörung war groß, doch wie so viele Geschichten, die in der Stadt kursieren, war auch diese frei erfunden. Und obwohl der Mann sich als „betroffener“ Schäfer zu erkennen gab, obwohl er den Vorfall sofort dementierte, wollten ihm die anderen Patienten einfach nicht glauben.

Die Episode belegt auf unheimliche Weise, welche Macht von „heißen“ Gerüchten ausgeht - und wie schwer es ist, sie zu widerlegen. Wenn selbst dem Schäfer nicht geglaubt wird - wem dann?

So ist das auch mit dem abgeschlagenen Kopf und den Leichenteilen in einer Mülltonne neben der Lea. Und so ist das mit dem örtlichen Supermarkt, der angeblich vor Monaten schließen musste, weil Flüchtlinge ihn ausgeplündert hätten. Dass man dort in Wirklichkeit Tag für Tag gute Umsätze macht, stört viele nicht, die bis heute Journalisten dafür beschimpfen, die angebliche Wahrheit zu verschweigen.

Michael Aschenbrenner, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Tuttlingen, kennt all die Geschichten, die im vergangenen Jahr Menschen überall dort in Angst und Schrecken versetzt hatten, wo Flüchtlinge untergebracht worden sind. Doch warum verbreiten Menschen derlei Gerüchte? Nicht immer sei das Motiv klar. Das reiche von Unbedarftheit bis hin zur böswilligen Absicht, ein Klima der Angst in der Bevölkerung zu erzeugen, klagt Aschenbrenner. „Manche nutzen die Ängste dann für ihre gar nicht redlichen Zwecke.“ Die sozialen Netzwerke sind der ideale Nährboden für schwer belegbare Behauptungen. So erklärt sich der Rockerclub Red Devils in Tuttlingen nun zum Beschützer von Frauen und Kindern - obwohl es dort in den vergangenen Monaten keinerlei Übergriffe auf Frauen gegeben hatte. Für die Polizei bedeutet das: eine Menge Arbeit und eine spürbare Belastung. Denn natürlich nehme man die Ermittlungen auf, wenn ein Anfangsverdacht besteht, sagt Aschenbrenner. Wie in Freudenstadt, wo Flüchtlinge eine Schülerin vergewaltigt haben sollen. Da war zwar nichts dran, Beamte des Kriminalkommissariats waren dennoch mit der Geschichte beschäftigt. In Donaueschingen müssen sich dieser Tage zwei junge Frauen wegen Volksverhetzung verantworten. Sie hatten Flüchtlingen Vergewaltigungen nachgesagt. „Das war frei erfunden“, sagt Aschenbrenner.

Für Professor Matthias Kohring, der an der Uni Mannheim über Gerüchte forscht, sind das intelligent gemachte Geschichten: „Vergewaltigungsgerüchte haben etwas mit der Integrität der Familie zu tun, mit dem letzten Zufluchtsort der Menschen. Sie haben aber auch etwas damit zu tun, dass eine Kultur bedroht ist und deswegen sind das die Gerüchte, die Ängste auslösen können.“

Doch was, wenn tatsächlich etwas dran ist? „Wir berichten transparent“, betont Polizeisprecher Aschenbrenner. Das bedeute aber nicht automatisch, die Nationalität eines Tatverdächtigen an die Medien herauszugeben. Das mache die Polizei grundsätzlich dann, wenn sie für das Grundverständnis des Sachverhalts von Bedeutung ist, sagt er. Etwa dann, wenn es zwischen mehreren ethnischen Gruppierungen in einer Flüchtlingsunterkunft zu Konflikten kommt - nicht jedoch unbedingt bei einem Diebstahl. „Maulkörbe“ oder Anweisungen der Politik gebe es nicht. Ob die Polizei die Nationalität eines Tatverdächtigen nennt, entscheide gar allein die zuständige Dienststelle. Doch es scheint, als könnten die Vorfälle in der Silvesternacht da schon bald einiges verschieben.

Ein flüchtiger Blick ins Internet genügt in diesen Tagen, um festzustellen: Viele wollen das, was die Polizei sagt und was die Medien berichten, nicht mehr glauben. Im Gegenteil: Seit den bundesweiten Vorfällen in der Silvesternacht kippen Nutzer in sozialen Netzwerken nicht nur Zweifel, sondern auch Hetze in einem bislang nicht dagewesenen Ausmaß in die Kommentarspalten der Medien. Kann man der Polizei glauben, wenn sie sagt, dass an Gerüchten über Flüchtlinge meist nichts dran ist? Viele zweifeln das an. Auch deshalb, weil die Polizei in Köln am Neujahrsmorgen absurderweise zunächst von einer entspannten Silvesternacht gesprochen hatte.

„Wir stehen zu unseren Aussagen in der Vergangenheit, sie sind faktisch belegt“, sagt Michael Aschenbrenner vom Polizeipräsidium Tuttlingen. Und auch Renato Gigliotti, Sprecher der Landespolizei, betont: „Es gibt keinen Maulkorb bei der Polizei in Baden-Württemberg.“ Wenn es für eine Straftat wichtig ist, nenne die Polizei sehr wohl die Nationalität von Tätern. „Andere Anweisungen gibt es nicht.“

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17.01.2016, 08:30 Uhr

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