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Im Horber Kino kam „Der scheinheilige Florian“

Die Ausstellung „Die Nachbarn werden weggebracht“ wurde am Sonntag im Jüdischen Betsaal eröffnet

Was haben sich die nichtjüdischen Nachbarn gedacht, was haben sie gefühlt, als 1941 und 1942 alle jüdischen Bewohner von Rexingen, Ehepaare, Kinder und Greise, „weggebracht“ wurden, verschwanden? Als deren Häuser von Finanzbeamten zuerst versiegelt und dann leer geräumt wurden? Das Hab und Gut in der verwüsteten Synagoge in Rexingen gelagert und später öffentlich versteigert wurde? Diese Fragen beschäftigen noch heute die Nachkommen der Deportierten in Amerika und Israel.

12.12.2012

Auch die Ausstellungsmacher des Rexinger Synagogenvereins haben sich und den Besuchern diese Fragen bei der am Sonntag eröffneten Ausstellung im Museum Jüdischer Betsaal Horb gestellt. Und sie haben versucht, Antworten zu finden. Sicher waren die Empfindungen der Nachbarn ganz unterschiedlich. Dass sie jedoch „von nichts gewusst“ haben, wie eine beliebte Nachkriegsfloskel lautete, ist schlicht unmöglich.

In Horb selbst wohnten zum Zeitpunkt der Deportationen keine Juden mehr, denn nach einer NS-Verordnung hatten Kreisstädte „judenfrei“ zu sein. Aber auch dort hatten die jüdischen Familien Nachbarn gehabt, die Zeugen des erzwungenen Umzugs nach Rexingen geworden waren. Und dass mehr als 120 Männer, Frauen und Kinder an drei Terminen vom Bahnhof Horb nach Stuttgart deportiert wurden, war auch in Horb nicht verborgen geblieben.

Allerdings schrieb das in Horb erscheinende „Schwarzwälder Volksblatt“ nichts über die Deportationen. Schon seit Juni 1933 hatte die ehemals demokratische Zeitung sich ganz dem NS-Propaganda-Apparat unterworfen und erschien ab 1. Juli 1933 als amtliches Organ der NSDAP für den Bezirk Horb. Damals schrieb die Redaktion: „Im gegenwärtigen entscheidenden Ringen um den Neuaufbau von Staat und Wirtschaft (...) gliedert sich das Schwarzwälder Volksblatt von glühender Überzeugung getragen (...) in die Front des deutschen Freiheitswillen (ein) und will als bodenständiges Kampforgan Adolf Hitlers und seiner NSDAP mithelfen am gigantischen Aufbau der Zukunft.“

Am Tag der ersten Deportation ins lettische Riga am Freitag, 28. November 1941, gehen 56 Männer, Frauen und Kinder den Weg von Rexingen zum Bahnhof Horb morgens um 6 Uhr zu Fuß. Zwei Tage später, am 30. November, werden die christlichen Nachbarn den 1. Advent feiern und sich auf das hohes Fest anlässlich des Geburtstages ihres Heilandes, des Juden Jesu, vorbereiten. In der Zeitung ist zu lesen, dass auch in diesem Jahr für jede deutsche Familie ein Weihnachtsbaum gesichert ist. Die Versorgungslage ist relativ entspannt. Der Nazi-Staat holt sich aus den überfallenen europäischen Ländern, was er braucht, um seine Volksgemeinschaft zufrieden zu stellen. Die Siegesmeldungen und die Hymnen auf die Überlegenheit der deutschen Wehrmacht gehören zur täglichen Zeitungslektüre. Rommel erfolgreich in Nordafrika, die deutschen Truppen versetzen die Sowjetarmee in Angst und Schrecken. An diesem letzten November-Wochenende trauern jedoch auch elf Familien um ihre Söhne und Väter, die für „Volk und Vaterland den Heldentod“ gestorben sind. Im Horber Kino läuft der Operetten-Film „Frau Luna“.

Und was war in Riga? Falls die Rexinger Juden den ersten Winter mit Temperaturen von teilweise unter 30 Grad minus in Schuppen mit schadhaften Dächern und ohne Zudecken überlebt haben, werden die Älteren und die Mütter mit Kindern, die für einen „Arbeitseinsatz“ nicht geeignet sind, in einem Wald bei Riga erschossen. Für die Übriggebliebenen beginnt eine Odyssee durch verschiedene Lager. Ein Mann und eine Frau aus Rexingen überleben.

Bei dieser ersten Deportation lautet die offizielle Sprachregelung: „Evakuiert zum Arbeitseinsatz nach dem Osten“. Daran kann man noch irgendwie geglaubt haben. Im Frühjahr darauf, bei der zweiten Deportation, heißt es schon etwas unfreundlicher „abgeschoben nach dem Generalgouvernement“, sprich ins besetzte Polen. Die Nazi-Behörden untereinander sprechen bereits unverblümt „vom Beginn der Endlösung der Judenfrage“. In Rexingen ist Frühling, Ostern war dieses Jahr früh, es geht schon auf Pfingsten zu. Diesmal sind es sieben Menschen aus Rexingen, die am Freitag, 24. April 1942, den bitteren Weg antreten müssen. Die Nachbarn haben wahrscheinlich die sich häufenden Traueranzeigen für die gefallenen Soldaten im Osten mehr berührt. Die Schlacht um Moskau ist verloren, aber die Siegesmeldungen überwiegen. Das „Schwarzwälder Volksblatt“ verhöhnt in seiner Berichterstattung die Alliierten, die gegen Deutschland chancenlos sind. Das Horber Kino spielt das Lustspiel „Der scheinheilige Florian“.

Und was war in Izbica? Die sieben Rexinger kamen in einer kleinen jüdischen Stadt in Ostpolen an, die bereits überfüllt war mit zehntausenden deportierten Juden. Ihr Gepäck hatte man ihnen abgenommen, sie hatten nichts mehr, nur noch was sie auf dem Leib trugen. Sie mussten selbst schauen, wie sie unterkommen konnten, wie sie sich Essen beschaffen konnten. Die dort ansässigen Juden versuchten verzweifelt, eine Art von Hilfsorganisation aufzubauen. Es herrschte das blanke Chaos, Massenerschießungen fanden statt, und die Züge fuhren in die umliegenden Vernichtungslager Sobibor und Belzec, solange, bis auch in Izbica keine Juden mehr lebten.

Im selben Jahr 1942 werden die letzten noch in Rexingen verbliebenen alten jüdischen Menschen weggebracht. Es ist Mittwoch, der 19. August. Man bringt sie mit Fuhrwerken zum Horber Bahnhof, der Zug fährt um 16.30 Uhr nach Stuttgart. Diesmal sind es 46 Personen, die am helllichten Tag auf die Wagen gestoßen werden. Es sind Sommerferien, und es gibt Kinder, die durch das laute Weinen und die Schreie auf der Straße angelockt und Zeugen dieses Schauspiels werden. Sie erinnern sich noch heute, nach 70 Jahren, mit Entsetzen daran. Man hat den Leuten erzählt, in Theresienstadt sei ein Altersheim für sie eingerichtet worden. Ob sie es geglaubt haben? Von den nach Riga und Izbica Deportierten hat man nichts mehr gehört. Rosa Löwengart nimmt sich im März 1942 in Rexingen das Leben. Seit Mitte 1942 finden in Auschwitz die Massentötungen in den Gaskammern statt.

Die Schlacht um Stalingrad hat begonnen. Das „Schwarzwälder Volksblatt“ berichtet euphorisch über Kriegserfolge an allen Fronten. Die Bürger werden aufgeklärt, wie sie ihre Kartoffeln richtig einlagern können. Im Horber Kino wird das Lustspiel „Alles für Gloria“ gezeigt. Im November 1942 ist die 6. Armee in Stalingrad eingekesselt.

Und was war in Theresienstadt? Ungefähr die Hälfte der aus Rexingen Deportierten wird drei Wochen nach der Ankunft im „Altersghetto Theresienstadt“ im polnischen Treblinka mit Gas ermordet, darunter Männer, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland in den Krieg gezogen waren. Die anderen sterben im Lager an Krankheit, Hunger und Schwäche. Wer übrig bleibt, wird 1943 und 1944 in Auschwitz getötet. Eine Frau überlebt und stirbt 1952 in einem Stuttgarter Krankenhaus.

Die Ausstellung mit den 121 kleinen Rahmen mit Namen, Geburtsdatum und Alter bei der Deportation und manchmal auch mit Fotos kann man als eine große Gedenkwand für die ausgelöschten jüdischen Familien lesen. Erinnert wird auch an jene, die ihrem Leben aus Verzweiflung ein Ende gesetzt haben und an einige Rexinger und Horber, die direkt von Stuttgart aus deportiert wurden. Es ist geplant, die Fotos und die biografischen Texte als virtuelles Gedenkbuch ins Netz zu stellen. Nicht nur auf deutsch, sondern auch auf englisch als ein wichtiges Dokument für die Nachkommen der jüdischen Familien. Mit der Ausstellung ist die dafür notwendige Vorarbeitet geleistet worden.

Barbara Staudacher

Info „Die Nachbarn werden weggebracht“ mit 121 Lebensbildern und 14 Tafeln zur Ausraubung der jüdischen Familien in Horb, Rexingen und Mühringen ist noch bis zum 31. März im Museum Jüdischer Betsaal Horb zu sehen. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr. Schulklassen und Gruppen nach Vereinbarung auch zu anderen Zeiten.

Die Ausstellung „Die Nachbarn werden weggebracht“ wurde am Sonntag im Jüdischen Betsaal
Die Ausstellung mit den 121 kleinen Rahmen mit Namen, Geburtsdatum und Alter bei der Deportation und manchmal auch mit Fotos kann man als eine große Gedenkwand für die ausgelöschten jüdischen Familien lesen.Bild: Kuball

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12.12.2012, 12:00 Uhr

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