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Aus Deutschland abgeschoben oder freiwillig ausgereist

Ein Besuch bei Roma in Serbien

Tausende Balkanflüchtlinge haben in Baden-Württemberg ihr Glück gesucht, darunter viele Roma aus Serbien. Nun müssen sie zurückkehren - oft in ein Leben in bitterer Armut. Eine Visite bei Betroffenen.

12.03.2016
  • von TANJA WOLTER

Das Haus von Adem Greku und seiner Frau Elizabeta ist eigentlich kein Haus. Verschlag trifft es eher, oder Baracke. Das Paar sitzt mit seinen vier Kindern Avdula, Fejzula, Amel und Amela in dem einzigen Zimmer, davor ein überdachter Vorraum mit Kühlschrank und Wäscheständer. Ein Bad gibt es nicht, auch keine Toilette, aber goldschimmernde Vorhänge am Fenster und Schmetterlings-Aufkleber an der fliederfarbenen Wand: der rührende Versuch, ein Heim zu schaffen. Im Inneren ist es blitzsauber, Kleidung liegt sorgsam in einer Vitrine verstaut, darauf ein Fernseher, an der Wand gegenüber ein Schlafsofa für die Kinder. Die Eltern schlafen immer auf dem Boden.

Adem Greku serviert seinen Gästen Cola. Das Zimmer ist eingeheizt, doch vom Boden kriecht Kälte nach oben. Im Dezember, genauer an Heilig Abend, ist die Familie aus Baden-Württemberg nach Serbien zurückgekehrt - in die illegale Roma-Siedlung "Banglades" wenige Kilometer vor der Stadt Novi Sad. Freiwillig, zumindest offiziell. Der Familienvater zuckt mit den Schultern: "Ich habe das unterschrieben, weil uns die Abschiebung drohte." Die wollte er seinen Kindern ersparen.

Gut eineinhalb Jahre lebte die Familie in Deutschland - als Balkanflüchtlinge in Einrichtungen in Karlsruhe, Bad Wildbad und Calw, zuletzt in einer Wohnung in Enzklösterle. "Bessere Lebensbedingungen" habe er sich erhofft, sagt Greku. Und Operationen für zwei seiner Kinder. "Sie sehen auf einem Auge nur zehn Prozent", so der 27-Jährige. Doch die deutschen Ärzte empfahlen Augenklappen, wie bei Sehschwächen im Kindesalter oft üblich. Er selbst hatte zuletzt immerhin Arbeit, als Küchenhilfe in der Gaststätte "Poppel-Mühle".

Die Siedlung mit ihren rund 300 Einwohnern heißt nicht zufällig "Banglades". Zwar gibt es Strom und fließend Wasser. Aber ansonsten sind die Ähnlichkeiten mit den Slums im südasiatischen Bangladesch frappierend. Der lehmige Boden ist mit Abfällen übersät, dazwischen stehen wackelige Hütten, teils aus alten Eisenbahnwaggons zusammengezimmert. Es riecht sauer und rauchig, nach Vergorenem und Verbranntem, nach Hühnermist und Hundekot, aber vor allem nach Müll - nach längst angetrockneten Getränkeresten in gesammelten Dosen und Flaschen. Auch Adem Greku trennt Abfälle, wie viele in "Banglades". Es ist die einzige Möglichkeit, zu den umgerechnet 100 Euro Sozialhilfe für seine Familie ein paar Dinar dazuzuverdienen. Greku sagt, er würde gerne als Musiker in Bars auftreten - er spielt Keyboard und singt, was er zum Abschied schmetternd unter Beweis stellt. Aber er besitzt weder ein Instrument noch ein Mischpult. "Wenn ich das ausleihe, bleibt kaum etwas von der Gage übrig."

Die Roma sind - unter vielen Armen und Minderheiten - in Serbien die Ärmsten. Nach offiziellen Zahlen von 2011 gehören rund 150 000 Menschen in dem Land der Gruppe an. Nach inoffiziellen Schätzungen sind es weitaus mehr: etwa eine halbe Million. Und durch die verschärfte Abschiebe- und Rückführungspraxis in Deutschland kommen in absehbarer Zeit noch zehntausende Rückkehrer dazu. Ein großer Teil der Roma - viele stammen aus dem Kosovo - lebt in illegalen Siedlungen, rund 600 davon gibt es in Serbien. Die staatliche Unterstützung liegt für Familien alles in allem mal bei 60 Euro, mal bei 100 Euro, bestenfalls bei 200 Euro pro Monat. Die Möglichkeiten für Roma, in dem wirtschaftlich kollabierten Land zu arbeiten, sind marginal. Also sammeln sie Müll für die Wiederverwertung. In einem Land, in dem es nur traditionelle Müllkippen gibt, hat das groteskerweise fast schon etwas Fortschrittliches.

Deutschland hat Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina 2014 zu sicheren Herkunftstaaten erklärt; 2015 folgten Montenegro, Albanien und der Kosovo. Seither ist es für Balkanflüchtlinge, die dem Elend entfliehen, noch schwieriger, in Deutschland ihr Glück zu suchen. Fast alle Asylanträge werden abgelehnt, die Anerkennungsquote für Asylbewerber aus Serbien - zumeist Roma - lag 2015 bei 0,1 Prozent. Fälle politischer Verfolgung gibt es so gut wie keine. Fälle von Diskriminierung eher. Aber es ist eine stille, nicht messbare Diskriminierung. Der Teufelskreislauf aus materieller Armut, geringer Bildung, schlechten Arbeitschancen und wenig Förderung in einem Land am finanziellen Abgrund.

Knapp eine halbe Million Asylanträge gingen im vergangenen Jahr beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ein. Serbien als Herkunftsland lag da mit 27 000 Anträgen auf Rang sechs. Inzwischen geht die Zahl der Balkanflüchtlinge deutlich zurück. So gab es im Januar aus Serbien bundesweit nur noch rund 473 Erstanträge, in Baden-Württemberg gerade mal 68.

Rückführungen gibt es schon länger. Auf Basis eines Abkommens aus dem Jahr 2008 ist Serbien verpflichtet, Staatsbürger, die sich illegal in der EU aufhalten, wieder aufzunehmen. Durch die Einstufung als sicheres Herkunftsland ist die Zahl der Rückkehrer aber deutlich gestiegen. Baden-Württemberg hat vergangenes Jahr nach Auskunft des Landesinnenministeriums 273 Menschen nach Serbien abgeschoben. Aktuell ziehen die Behörden die Zügel weiter an. Noch weitaus mehr Menschen kehren "freiwillig" auf Grundlage von Bundes- und Landesprogrammen zurück: 1794 serbische Bürger im letzten Jahr allein aus dem Südwesten.

Aklapi Dasnim kam - anders als die Familie Greku - nicht freiwillig zurück. Er, seine Frau und seine vier Kinder lebten fast zwei Jahre in Stuttgart. Am 17. November 2015 wurden sie abgeschoben, vom Baden-Airpark aus. Dennoch hat die Familie Glück gehabt. Sie hat ein kleines Haus mit zwei Zimmern und Garten von Aklapis Schwiegermutter bekommen, in "Veliki Rit" in Novi Sad. Slums gibt es in dieser Roma-Siedlung nur noch im Kern. Ihr Häuschen steht am teillegalisierten Rand. In Deutschland würde man es als Gartenhaus oder Garage nutzen, hier ist es beinahe Luxus.

Ein hellwaches Mädchen mit Minnie-Mouse-Sweatshirt begrüßt fröhlich die Gäste. "What s your name?", fragen diese aus alter Gewohnheit, man ist ja im Ausland. Das Mädchen schaut fragend in die Gesichter. Dann sagt sie. "Ich bin Valentina." Sie ist in Stuttgart in die Grundschule gegangen und spricht gut deutsch. So gut, dass sie es mit ihrer Schwester Sadije auch zuhause spricht. In Novi Sad geht sie ebenfalls in die Schule. Dort wird serbisch gesprochen, mit ihrer Muttersprache Albanisch kann Valentina nun drei Sprachen.

Eine feste Arbeit hat Aklapi nicht, auch er sammelt "Wertstoffe". 130 Euro Sozialhilfe bekommt seine Familie, an guten Tagen kann er sechs Euro dazuverdienen. Zwei Jahre sind die Dasnims "gesperrt", dürfen also bis November 2017 nicht mehr legal nach Deutschland einreisen. Danach? "Deutschland", rufen sie wie aus der Pistole geschossen.

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12.03.2016, 08:30 Uhr

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