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Ein Sänger mit Schlagkraft
Nikolas Heiber spielt und boxt den Rocky

Ein Sänger mit Schlagkraft

29.03.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Und noch ein rechter Haken. Und eine Gerade. Schlag auf Schlag, 15 Runden lang. Rocky taumelt, zeigt aber unverwüstlich Nehmerqualitäten, er hält durch bis zum letzten Gong.

Die Hymne "Eye of The Tiger" hämmert aus den Boxen. Die Stimme des Kommentators überschlägt sich. Rocky, der Nobody, ist kein Fallobst, er zeigt Weltmeister Apollo Creed die Grenzen auf. Ohrenbetäubender Jubel, so mancher Zuschauer hat vergessen, dass er nicht in der Boxarena, sondern im Theater sitzt. Es geht auch nicht um einen Titelkampf im Superschwergewicht, sondern um ein Musical - aber es ist das wohl kraftraubendste in diesem Business.

"Oh, mir tut der Typ echt leid! Er wird so müde sein!" Sylvester Stallone hatte eine ordentliche Portion Respekt übrig für den Rocky-Darsteller, als er 2012 in Hamburg das Musical zum Film präsentierte. "Und dann muss er on top auch singen!" Stimmt, das blieb Stallone, der Actionlegende, erspart, als er im Jahre 1976 das erste "Rocky"-Drama fürs Kino drehte.

Aber seit vier Jahren wird nun auch auf der Bühne geboxt: "Rocky - Das Musical" heißt die deutsche Originalproduktion von Stage Entertainment, die nach der Uraufführung im Operettenhaus St. Pauli jetzt im Stuttgarter Palladium-Theater läuft. Und wer sich dort seit November achtmal die Woche durchschlägt vom Underdog zum umjubelten Helden, wer sich mit großem Kämpferherz hocharbeitet vom Loser zum Winner und wer auch noch in der süßen Adrian die große Liebe findet, das ist Nikolas Heiber.

Der singt Tenor, aber mit Opern-Rampensteherei hat das nichts zu tun. Wer Musical singt, muss auch tanzen. In "Rocky" kommt s freilich auf eine spezielle Beinarbeit an: ein lockeres Tänzeln im Ring um den Gegner herum. Der finale Boxkampf ist dann auch komplett durchchoreografiert. 200 Schläge - natürlich nur gespielt, alles Theater, aber exakt gesetzt, um dem Publikum ein realistisches Spektakel zu bieten. Ein Fight Capt n hat den Schlusskampf mit den Darstellern einstudiert und geht den Ablauf vor jeder Vorstellung mit ihnen durch.

"Das ist mit Abstand die anstrengendste Rolle, die ich je gespielt habe", sagt der 30-jährige Heiber, der an der Berliner Universität der Künste das Musical-Handwerk lernte. Wo findet man ihn zum Gespräch? Natürlich im Fitnessraum. In Stuttgart-Möhringen, wo Stage Entertainment zwei Musical-Theater im SI-Centrum betreibt, gehört die Muckibude zum Backstage-Bereich. Dreimal pro Woche kommt Heiber hierher, um sich bis zu eineinhalb Stunden lang auszupowern.

Heiber trägt eine kurze graue Baumwollhose, ein weißes Feinripp-Unterhemd und geschmeidige schwarzweiße Boxerschuhe. Virtuos hüpft er mit dem Seil: Hey, das läuft perfekt. Der Mann hat Kondition. Und einen muskulösen Körper. Heiber ist freilich kein grimmig-furchteinflößender Riese der Klitschko-Klasse, auch kein Bodybuilder, sondern eher der leicht gedrungene sympathische Schwiegermutterliebling mit der Top-Figur, der im Halbschwergewicht - bis 90 Kilo - antritt. Privat besitze er keine Waage, er schaue da lieber in den Spiegel, um seine Form zu überprüfen.

Eine "Rocky"-Vorstellung dauert knapp drei Stunden (inklusive Pause). Egal ob er als Show-Boxer sportlich gefragt ist, solche Bühnenpräsenz ist allein schon anstrengend. "Du musst die Spannung halten", sagt Heiber. Wie gelingt ihm das? Fit sein, trainieren. "Ausschlafen ist auch wichtig für die Regeneration, der Postbote kennt mich nur in der Jogginghose."

Es geht ihm nicht darum, Muskeln aufzubauen fürs Posing. Er sei von Natur aus mit einem "breiten Kreuz" gesegnet, sagt Heiber, der den idealen "Look" für die Rolle besitzt. Es geht um Ausdauer statt um Masse. Man vergisst leicht: Heiber ist kein Hochleistungssportler, sondern Musicaldarsteller. Und eben auch Tenor: Da helfen keine stählernen Oberarme oder der perfekte Waschbrettbauch. Da entscheidet die Stimme, das Zwerchfell, der Atem. Heiber war zum Beispiel im vergangenen Jahr ein erstklassiger Tony in der "West Side Story" des Theaters Ulm: mit schönem Schmelz für die Lovestory.

Heiber geht in kein Gym, keine Box-Schule, aber mit einem Coach trainiert er die Technik: Denn wenn Gino Emnes, der Darsteller des Apollo Creed, und Heiber abends unkontrolliert die Fäuste schwingen, könnte das ins Auge gehen, zu Verletzungen führen. "Ich vertraue Gino zu 100 Prozent, er kann mich vermöbeln, ohne dass es weh tut." Na ja, ab und an gehe ein Schlag daneben, sagt Heiber lachend.

Er hat früher in der Schule viel geturnt - was man ihm bei seiner athletischen Figur sofort abnimmt. Jetzt das Boxen, wenn auch nur im Theater: "Ich hätte schon mal Lust, mit einem Profi zu kämpfen." Sagt aber dann auch: "Drei Minuten pro Runde - ich wäre schon nach der ersten am Ende."

Heiber stammt aus Berlin und war seit 2013 schon Ensemblemitglied der Hamburger "Roxy"-Produktion - in diversen Rollen. Als er sich damals für die Audition vorbereitete, kaufte er sich Boxhandschuhe und ein Seil, um sich fit zu trimmen. Und lernte, was Auslage, Punch oder Clinch bedeuten. "Und dann das Zirkeltraining, es war hart." In seinem Vertrag sei aber kein Fitnessprogramm fixiert.

Die Ernährung? Er esse ganz normal, wenig Kohlehydrate, mal ein Eiweiß-Shake oder natürlich viel Vitamine. Kein Fast Food. Die Theater-Kantine habe sich fürs "Rocky"-Personal schon umgestellt: "Statt Sauerbraten mit Spätzle gibt s auch mal Hühnerbrust mit Salat." Und er weiß: "Wenn du eine Woche lang Pizza und Nudeln ist, dann fühlst du dich auch wie Pizza und Nudeln."

Was kann nach "Rocky" noch an Rollen kommen für einen so sportlichen Darsteller? Tarzan, ein Fußballer in "Das Wunder von Bern"? "Ich warte auf ein Basketball-Musical, da wäre ich gerne dabei", sagt Heiber.

Genug geredet. Jetzt wird trainiert. Laute Rockmusik hört Nikolas Heiber dabei gerne, Led Zeppelin oder Iron Maiden passten gut. Liegestützen. Seilspringen. Medizinbälle wuchten. Jetzt stemmt Rocky keuchend und minutenlang eine 40-Kilo-Hantel. Apollo Creed muss sich warm anziehen.

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29.03.2016, 08:30 Uhr

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