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Giuseppe Verdis "Nabucco" in Stuttgart

Ein bisschen Show, aber dann doch ein großes Musikdrama

Eher Broadway als Babylon: Rudolf Frey inszenierte an der Oper Stuttgart Giuseppe Verdis "Nabucco". Giuliano Carella dirigierte zündend. Ovationen für die Sopranistin Catherine Foster als Abigaille.

26.02.2013
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart Dass er Italien "völlig ganz herunterbringe", schimpfte ein Deutscher über den Kollegen, der "ein Herz wie ein Esel" habe. Das hat jetzt nichts mit Berlusconi und mit keiner Parlamentswahl zu tun, derart lästerte 1844 Otto Nicolai über Giuseppe Verdis "wahrhaft scheußliche" Oper "Nabucco".

Nicolai selbst hatte das Libretto, dieses "Wüten, Blutvergießen, Schimpfen, Schlagen und Morden", nicht vertonen wollen. Und Verdi? Schuf ein Meisterwerk: mit einer tobenden, mitreißenden Musik der rohen Gewalt. Aber auch mit großen Melodien und mit beseelter Kammermusik wie dem von Celli untermalten "Gebet" des Hohepriesters Zaccaria (beeindruckend sonor: Liang Li). Und natürlich dem Gefangenenchor "Va, pensiero", einer Hymne, die allein schon das Publikum in die Opernhäuser lockt.

Kaum zu glauben also, dass es in Stuttgart seit 50 Jahren keine Neuproduktion des "Nabucco" mehr gegeben hat. In der Premiere aber sorgten nun vor allem der Dirigent Giuliano Carella, das auf herzhafte, rhythmisch saubere Italianità wie auf schwelgerische Klänge eingeschworene Staatsorchester und der überragend singende Staatsopernchor (Johannes Knecht) für Begeisterung. Ovationen erhielt zudem Catherine Foster als Abigaille. Die Britin übernimmt in diesem Jahr auch die Brünnhilde im "Ring" der Bayreuther Festspiele, ihre Stimme hat Wucht, unendlich Luft, aber auch viele Farben; die ideale Sopranistin fürs Wagner-und-Verdi-Jahr. Sebastian Catana als vom Wahnsinn gezeichneter Nabucco hätte dagegen noch etwas mehr Präsenz zeigen dürfen; zum formidablen Ensemble gehörten zudem Atalla Ayan als Ismael und Diana Haller als Fenena.

Wie aber lässt sich diese archaische Geschichte über Heimat, Vertreibung und Sklaverei, über Macht, den wahren Glauben, Verrat und Freiheit, auch über einen Vater-Tochter-Konflikt erzählen? Wer sich auf ein naturalistisches Drama einlässt, kann schnell an der hanebüchenen Dramaturgie scheitern, die in Sekundenschnelle Gefühls- und Schauplatzwechsel fordert, für die Hollywood ganze Kinoabende benötigt. Der Normalfall-"Nabucco" jedenfalls ist eher eine Kostüm- und Dekorationsorgie.

Gott bewahre!, sagte sich in Stuttgart der gerade mal 29-jährige Salzburger Rudolf Frey und verbannte mit Ben Baur, Silke Willrett und Marc Weeger (Bühne, Kostüme) allen möglichen Bibelschinken-Kitsch. Er zeigt - ja, was eigentlich? Zur Ouvertüre kommt das Volk in Straßenklamotten auf die schwarze Bühne: mehr als 100 Individuen. Ein Mann hat Nasenbluten, eine Frau verliert das Taschentuch, eine andere Frau starrt regungslos in den Raum . . . Dann formieren sich die Menschen mit choreografierten Bewegungen, die oft kampfsportlich ausfallen, zum Kollektiv. Okay, der Chor ist der Star.

Das sieht auch nach "Chorus Line" aus: wie beim Vortanzen für eine Musical-Produktion. Eher Broadway als Babylon, heißt die Devise. Mit revuehaften Elementen spielt Regisseur Frey: Vor Goldglitzervorhang holt sich Abigaille die Krone, der sich zum Gott erklärende Nabucco landet nach dem Blitzschlag lustig unterm Tisch. Freys These offenbar: Weil Verdis Musik höchst theatralisch zwischen ausgelassener Fröhlichkeit und grausamer Tragik schwankt, stellen wir auch die Opern-Unterhaltung heraus. Wobei der Regisseur, der sein Handwerk versteht, in diesem ironisch angekratzten Rahmen die Solisten an der Rampe solide führt.

Das ergreifend gesungene "Va, pensiero" des Chors in schwarzer Kluft aber ist dann doch eine ernste Sache. Und spätestens wenn das Götzenbild des Baal in sich zusammenstürzt, also der Goldvorhang herunterkracht, sind die Figuren der Oper ziemlich ergriffen von ihrem Schicksal. Plötzlich gehts auch bei Frey rein ums Menschendrama. Späße, Show, Verfremdung sind vorbei - Giuseppe Verdis Musik bleibt. Aber das ist nicht neu.

Info Nächste Vorstellungen: 1., 7., 17., 19., 23., 28., 30. März. Karten: Tel. 0711/20 20 90.

Ein bisschen Show, aber dann doch ein großes Musikdrama
Eine monströse Abigaille und der Götzenkult. Die Sopranistin Catherine Foster glänzt in der Stuttgarter "Nabucco"-Revue. Foto: A. T. Schaefer

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26.02.2013, 12:00 Uhr

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