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Aggressionen sind oft ein Hilferuf von Kindern

Fußball: Das erste SÜDWEST PRESSE Leserforum Sport im Sportheim der SF Obertalheim zum Thema „Gewalt im Fußball“

In einem Punkt waren sich die Podiumsteilnehmer des ersten SÜDWEST PRESSE Leserforums Sport zum Thema „Gewalt im Fußball“ einig: Gewalt in unserer Gesellschaft kommt in erster Linie aus der Familie. Aber nicht nur über dieses Thema diskutierte Sportredakteur Gerd Braun im Talheimer Sportheim mit Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher, WFV-Mitarbeitern Frank Thumm und Heinz-Werner Zwicknagel und Kickers-U19-Trainer Sven Hayer.

19.01.2013
  • Sascha Eggebrecht

Das SÜDWEST PRESSE-Leserforum diskutierte Gewalt im Fußball

In einem Punkt waren sich die Podiumsteilnehmer des ersten SÜDWEST PRESSE Leserforums Sport zum Thema „Gewalt im Fußball“ einig: Gewalt in unserer Gesellschaft kommt in erster Linie aus der Familie. Aber nicht nur über dieses Thema diskutierte Sportredakteur Gerd Braun im Talheimer Sportheim mit Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher, WFV-Mitarbeitern Frank Thumm und Heinz-Werner Zwicknagel und Kickers-U19-Trainer Sven Hayer.

© Ziehe 03:29 min

Talheim. Mit der Aussage von Heinz-Werner Zwicknagel, dass Gewalt in unserer Gesellschaft in erster Linie aus der Familie kommt, löste der ehemalige Polizeichef eine durchaus kontroverse Diskussion aus. „Zum Fußball kommen Kinder, die nicht mehr erzogen sind“, sagte Zwicknagel. Sven Hayer, neben seiner Trainertätigkeit bei den Stuttgartern Kickers, Lehrer an einer Schule für schwer erziehbare Kinder, bestätigte im Kern Zwicknagels Aussage, wies allerdings auch darauf hin, dass „Aggressionen oft ein Hilferuf von Kindern und Jugendlichen sind, die meinen, damit die Aufmerksamkeit zu erreichen, die sie sonst nicht bekommen.“ Bei den Kickers gibt es diese Probleme nicht. Zum einen, weil die Kinder und Eltern alles für eine mögliche Fußball-Karriere machen und zum anderen, weil der Verein seit nunmehr drei Jahren einen Vereinskodex hat, nach dem sich alle strickt halten müssen. „Dadurch treten kaum noch Probleme auf“, bestätigte Sven Hayer.

Fußball: Das erste SÜDWEST PRESSE Leserforum Sport im Sportheim der SF Obertalheim zum Thema
Sportredakteur und Moderator Gerd Braun (Mitte) freute sich, dass Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher (ganz links), ebenso wie WFV-Rechtsexperte Frank Thumm, Heinz-Werner Zwicknagel und Kickers-U19-Trainer Sven Hayer ohne zu zögern und ehrenamtlich bereit waren, über das Thema „Gewalt im Fußball“ zu diskutieren. Bilder: Kuball

Probleme hat der Württembergische Fußballverband (WFV) dagegen mit seinen neuen Schiedsrichtern. Denn mit ihren 14 bis 16 Jahren sind sie zu jung und zu unerfahren. „Der Praxisteil fehlt denen völlig“, bemängelte Zwicknagel. Und da die Hälfte aller neuen Schiedsrichter so jung ist, würde der Ex-Polizeichef es lieber sehen, wenn die Neulinge zuerst in Altersklassen pfeifen würden, in denen es kein Abseits gibt. Denn in der Kettenreaktion Abseits-Trainer-Zuschauer sieht er die größte Gefahr für einen jungen Schiedsrichter. Meist komme es nach einem Abseitspfiff zu Diskussionen. „Aber ein 16-Jähriger ist noch nicht in der Lage, mit so einer Situation richtig umzugehen“, so Zwicknagel; der sei froh, wenn er sein Spiel rumkriege.

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Knut Kircher

Der Rottenburger Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher ist in seiner Karriere von Gewaltangriffen verschont geblieben. „Vielleicht liegt es an meiner Furcht einflößenden Größe“, scherzte er, wurde dann aber schnell wieder ernst. „Ich verstehe einige Trainer und Spieler nicht, die meinen, einen Schiedsrichter verbal angehen zu dürfen. Woher nehmen sie sich das Recht? Dafür habe ich kein Verständnis“, betonte Kircher, der in den verbalen Attacken ein wesentlich größeres Problem sieht als in den physischen, da diese weitaus seltener vorkommen. „Wegen Beschimpfungen hören nämlich die meisten Schiedsrichter auf“, klärte Kircher auf. Diese Aussage untermauerte Zwicknagel mit den Worten: „Trainer machen junge Schiedsrichter nieder!“ Deshalb hat der WFV in seiner Schiedsrichterausbildung auch das Fach Stresshandling neu aufgenommen. Mit dieser Maßnahme hofft der Verband, die Schiedsrichter auch halten zu können, wenn es mal zu einem Vorfall auf dem Platz kommen sollte. „Denn es gilt, so viele Schiedsrichter wie möglich über die Hürde zu bringen, dass sie bleiben“, sagte Zwicknagel.

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Frank Thumm

Sollten jetzt viele Schiedsrichter wegbrechen, droht der ganzen Zunft in Zukunft ein düsteres Bild: „Dann werden einige untere Klassen nicht mehr besetzt werden können“, ist der Experte für Gewaltprävention überzeugt. Auf jeden Fall fühlen sich die Schiedsrichter seit der Einführung der Platzordner etwas sicherer auf dem Platz. „Sie wissen nun, falls etwas passieren sollte, stehen sie nicht alleine da“, sagte WFV-Rechtsexperte Frank Thumm. Auch sei ihm die Einführung des Shake-Hands vor der Partie zwischen allen Spielern sehr wichtig. „Es ist zwar nur eine symbolische Geste, aber wenn sich die Spieler gegenseitig die Hand geben, haben sie größeren Respekt voreinander“, ist sich Thumm sicher – ganz nach dem Vorbild Fußball-Bundesliga. Dort klatschen sich die Spieler vor dem Abpfiff ja auch gegenseitig immer ab.

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Heinz-Werner Zwicknagel

Apropos Bundesliga: Zu diesem Bereich hatte Knut Kircher natürlich auch einiges zu sagen. Vor allem zum Glattener Jürgen Klopp, der ja für seine emotionalen Ausbrüche an der Seitenlinie bekannt ist. „Es wäre aber fatal zu sagen, dass Jürgen Klopp der einzige Hampelmann unter den Trainern ist“, so Kircher. Er habe nichts gegen Emotionen, wenn sie zum Antreiben der eigenen Spieler sind; aber die Emotionen dürfen nicht dafür sorgen, dass daraus eventuelle Gewalttaten entstehen könnten. „Wir wollen alle einen respektvollen Umgang miteinander haben“, betonte der Rottenburger, der ankündigte, dass in Zukunft konsequent durchgegriffen wird. „Erst wird ein Gespräch geführt, danach folgen Konsequenzen.“

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Sven Hayer

Denn es kommt auch in seinem Bundesliga-Alltag vor, dass er sich einige unschöne Dinge anhören muss. „Einige Spieler stürmen auf mich zu. Zum Glück habe ich ein Headset, da werde ich von meinen Assistenten über Funk gewarnt. Dann kann ich den Spieler gleich mal mit einer gelben Karte in Empfang nehmen“, sagte er, um abschließend noch als Gegenbeispiel hinzuzufügen: „Oder haben Sie schon mal gesehen, dass ein vierter Offizieller zu einem Trainer oder Spieler geht und diesen anschreit?“

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19.01.2013, 12:00 Uhr

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