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Stolpersteine für Horber Bürger

Im Gedenken an Opfer der Nazi-Diktatur: Am Samstag wurde an die Schicksale von 15 Menschen erinnert

Nicht jeder Stolperstein, der am Samstag in Horb verlegt worden ist, erinnert an frühere jüdische Bürger. Der erste Stein, den der Kölner Künstler Gunther Demnig am Samstag in der Hirschgasse ins Straßenpflaster legte, war für die junge christliche Horberin Maria Leins.

18.09.2012

Horb. Maria Leins wurde wegen einer Beziehung zu einem polnischen Zwangsarbeiter zuerst im sogenannten „Arbeitserziehungslager“ Rudersberg und dann im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert, wo sie 1945 unter elenden Bedingungen starb.

Zahlreiche Horber Bürgerinnen und Bürger, darunter viele Angehörige der Familie von Maria Leins trafen sich zur Verlegung vor dem früheren Gasthaus „Blume“, wo die junge Frau bis zu ihrer Verhaftung wohnte. Die Leiterin des Stadtarchivs Dr. Karoline Adler, die das Schicksal von Maria Leins recherchiert hatte, erzählte vom kurzen Leben der fröhlichen Frau, die Mutter eines kleinen Buben war.

Gunther Demnig, auf dessen Initiative dieses europaweite Erinnerungsprojekt in Gang gekommen ist, berichtete den Anwesenden, dass jetzt schon über 36 000 Steine verlegt wurden. Der nördlichste Ort ist Trondheim in Norwegen, der südlichste Rom und auch in Osteuropa gibt es Gemeinden, die sich dem Projekt angeschlossen haben. Für Gunther Demnig ist es die größte Befriedigung, wie er sagte, dass die Stolpersteine es besonders jungen Menschen erleichtern würden, die Wirkung der Nazidiktatur in ihrer Gemeinde nachzuvollziehen. Das Projekt gebe auch Jugendlichen die Möglichkeit, sich an der Erarbeitung der Lebensgeschichten von Verfolgten zu beteiligen. In der Neckarstraße wurde diese Aussage bestätigt.

Dort verlas Barbara Staudacher vom Rexinger Synagogenverein aus den Recherchen von Felicia Stahl, die diese 2010 als Schülerin des Martin-Gerbert-Gymnasiums über das Leben der Familie Wälder gemacht hatte. Viktor Wälder war Viehhändler. Er floh mit seiner Frau und seinen Kinder schon 1933 aus Angst vor der Verfolgung der Nationalsozialisten ins Elsass. Während sich die älteste Tochter Hilde retten konnte, wurden die Eltern und die beiden jüngeren Kinder 1944 in Frankreich von den Nazis verhaftet und in Auschwitz ermordet. Vier Steine mit den in Messingplatten eingeprägten Namen Viktor, Fanny, Ruth und Heinz Simon Wälder liegen jetzt an der Einfahrt zum Haus Nummer 45.

Musikalisch wurden die Verlegungen in Horb von der jungen Cellospielerin Franziska Bayreuther begleitet.

In Mühringen erzählte Hans-Josef Ruggaber, der dort das Ortsarchiv führt, vor zwei Häusern in der Schlossstraße vom Leben und Sterben der Schwestern Peppi und Thekla Oppenheimer und dem Ehepaar Saly und Sofie Elsässer. An der Zeremonie nahm auch die Ortsvorsteherin Monika Fuhl teil. In einer Ansprache an die versammelten Bürger hob sie die Bedeutung des Erinnerungsprojektes für die demokratische Gesellschaft hervor: „Ich finde es wichtig, dass wir unsere Geschichte erhalten und dass unsere Kinder wissen, was damals geschah, damit so etwas nie wieder passiert.“

In Rexingen gab es vor drei Häusern in der Freudenstädter Straße Verlegungen von insgesamt sechs Steinen. Vom Ortschaftsrat war in Vertretung von Ortsvorsteherin Birgit Sayer Jürgen Schmitt gekommen. Nachdem Heinz Högerle den Anwesenden aus dem Leben der Auguste Eppstein und von ihrer Deportation berichtet hatte, überraschte die Familie Dettling, die heute Eigentümerin des Hauses ist, die Anwesenden mit einem Fund. In einer kleinen Schatulle hatten sie Dokumente auf dem Dachboden gefunden, die über die Geschichte des Hauses Aufschluss geben. Solche Funde sind wertvoll für die Erforschung der Heimatgeschichte. Alle Bürger, die ihre Dachböden und alten Kammern aufräumen oder entrümpeln, sollten ihre Entdeckungen – seien es Dokumente, Fotos oder Briefe – bewahren und sie an die Archive weitergeben.

Noch zwei Steine für die Witwe Hilde Lemberger und ihren kleinen Sohn Frieder und drei Steine für die Familie Julius, Ida und Sally Hopfer wurden in Rexingen verlegt. Auch die Schicksale dieser Menschen hatten Schülerinnen des Martin-Gerbert-Gymnasiums erforscht und Arbeiten darüber geschrieben. Heinz Högerle und Barbara Staudacher stellten die Lebensläufe vor. In Rexingen spielte zu den Verlegungen Johannes Köstler von der Freudenstädter Klezmergruppe Maseltov mit dem Akkordeon drei Lieder zu Ehren der Ermordeten. Bei allen Verlegungen wurden Faltblätter an die Anwesenden verteilt, die mit Text und Bild die Lebensgeschichte der Ermordeten beschrieben.

Der 82-jährige Amos Fröhlich aus Shavei Zion, dessen Vater und Großeltern aus Rexingen stammen, war mit seiner Frau Gila bei allen Stolpersteinverlegungen dabei. Im letzten Jahr hatte er schon an den Verlegungen von drei Steinen für seine Großmutter Auguste, seinen Onkel Simon und seine Tante Martha Fröhlich teilgenommen. Im Gespräch drückte er seine Anerkennung für die Arbeit des Synagogenvereins aus und versprach, in Israel bei den Nachkommen der Rexinger Juden über die Stolpersteinverlegung zu berichten. Die nächsten Verlegungen sollen im Herbst 2013 stattfinden. Bürger, die sich an der Recherche der Geschichte eines Verfolgten beteiligen wollen, können sich an den Rexinger Synagogenverein oder an das Stadtarchiv Horb wenden. Wer gerne eine Patenschaft für einen Stein übernehme möchte, kann das mit einer Spende von 120 Euro auf das Konto 73 801 003 des Träger- und Fördervereins Ehemalige Synagoge Rexingen bei der Raiba Horb unter dem Stichwort „Stolpersteine“ tun. Die Steine gehen als Geschenk der Bürgerschaft ins Eigentum der Stadt Horb über und werden als Kleindenkmale registriert und geführt.

Im Gedenken an Opfer der Nazi-Diktatur: Am Samstag wurde an die Schicksale von 15 Menschen erinnert
Stolpersteine erinnern an Opfer der deutschen Nazi-Diktatur – am Samstag wurden 15 in Horb, Mühringen und Rexingen verlegt. Bilder: Kuball

Im Gedenken an Opfer der Nazi-Diktatur: Am Samstag wurde an die Schicksale von 15 Menschen erinnert
Ihre Liebe zu einem polnischen Zwangsarbeiter wurde ihr zum Verhängnis: An Maria Leins erinnert seit Samstag ein „Stolperstein“ in der Hirschgasse.

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18.09.2012, 12:00 Uhr

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