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In der Neujahrsnacht in Köln wurde auch eine Tübinger Studentin angegriffen
„Brauchen Sie Hilfe?“ Caitlin Duncan und ihr Freund Sebastian Samer mit ihrem Retter Hesham Ahmad Mohammad (Mitte) in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. Privatbild
Syrer kamen ihr zu Hilfe

In der Neujahrsnacht in Köln wurde auch eine Tübinger Studentin angegriffen

Erst hat sie sich gewundert, dann bekam sie richtig Angst: Unter den Frauen, die in der Silvesternacht auf dem Kölner Bahnhofsplatz angegriffen wurden, war auch die 27-jährige Tübinger Studentin Caitlin Duncan. Geholfen hat ihr in dieser Situation nicht die Polizei –  sondern eine Gruppe syrischer Asylsuchender.

18.01.2016
  • von Angelika Bachmann

Tübingen.Caitlin Duncan war an jenem Abend mit ihrem Freund Sebastian Samer – beide studieren Neurowissenschaften in Tübingen – unterwegs in Köln. Sie wollten zu einer Party in der Kölner Innenstadt und am Bahnhof in eine S-Bahn umsteigen. Weil es schon fast Mitternacht war und sie das Feuerwerk am Dom sehen wollten, stiegen sie aus – und gerieten in das Chaos am Bahnhofsvorplatz. Hunderte Frauen wurden an jenem Abend in Köln Opfer sexueller Übergriffe. Die Angreifer waren zum Großteil nordafrikanischer und arabischer Herkunft.

Auch Duncan wurde attackiert. Direkt hinter dem Eingang zum Bahnhofsgebäude war sie von ihrem Freund getrennt worden. „Wir wurden in verschiedene Richtungen abgedrängt“, berichtet sie dem TAGBLATT. Kurz darauf war sie von einer Gruppe junger Männer umringt: Einer habe ihr den Hut vom Kopf genommen, ein anderer habe von hinten nach ihr gegriffen. Als sie sich umdrehte, versuchte ein weiterer Mann, sie ins Gesicht und auf den Hals zu küssen. Sie habe ihn weggedrückt und ihn angeschrien.

Erst habe sie sich gewundert und sich anfänglich noch gedacht, o.k. – es ist Silvester, die Leute haben einfach zu viel getrunken. Als die Lage bedrohlicher wurde, wandte sie sich an die Polizei, bekam aber keine Hilfe. Im Gegenteil: Als die Polizei die Menge vom Bahnhofs-Vorplatz drängte, geriet sie in den Sog einer Gruppe von acht bis neun Männern, die nach ihr griffen und sie an den Haaren zogen. Da habe sie Angst bekommen, berichtet die 27-Jährige. Sie habe angefangen, um sich zu schlagen, zu treten und so die Angreifer erst mal abgewehrt. Aber ihr war klar: „Ich muss hier raus!“

„Ich sah wohl ziemlich aufgebracht aus, ich hab gezittert“, erinnert sich Duncan. Da sprach ein junger Mann sie an: „Brauchen Sie Hilfe?“ Weil beide nicht sehr gut Deutsch konnten – Duncan kommt ursprünglich aus den USA – holte er seine Freunde, darunter den 32-jährigen Syrer Hesham Ahmad Mohammad, der gut Englisch spricht. Der versicherte Duncan: Wir helfen dir. Es kommt alles in Ordnung.

Die Männer boten der jungen Frau aus Tübingen an, ihr Geld für ein Taxi zu geben. Duncan hatte weder Geldbörse noch Handy bei sich: Beides hatte ihr Freund in der Tasche. Doch wohin sollte sie fahren? Die Adresse der WG, wo die Party sein sollte, kannte sie nicht auswendig. Auch die Handy-Nummer ihres Freundes hatte sie nicht parat, weil man sonst ja immer nur die eingespeicherte Nummer wählt. Außerdem wollte sie den Platz nicht ohne ihren Freund verlassen: „Ich wusste ja, er musste irgendwo da sein.“

Also nahmen die jungen Syrer Duncan in die Mitte, bildeten einen schützenden Cordon und suchten auf diese Weise mit ihr den Bahnhofsplatz ab. Sie fanden schließlich Duncans Freund im Bahnhofsgebäude. „Ich war so erleichtert.“

Im Internet kursieren seither zahlreiche Posts über die heimlichen Helden von Köln. Nach einem großen Artikel in der „New York Times“ berichteten gestern Medien auf der ganzen Welt online – vom „Kölner Express“ bis zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, von der „Deutschen Welle“ bis zum „Independent“ und Nachrichten-Portalen in Asien.

Mit der „New York Times“ hat Caitlin Duncan übrigens selbst Kontakt aufgenommen – weil auch in den USA vor der Präsidentschaftswahl eine scharfe Auseinandersetzung um Migration geführt wird. Die Nachberichterstattung zu den Kölner Exzessen hat Duncan ebenfalls verfolgt. „Mir ist es wichtig zu sagen: Man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt unter den Migranten einige Leute, die gefährlich sind. Es gibt aber auch sehr viele ganz wunderbare Leute! “

So wie Hesham Ahmad Mohammad und seine Freunde, mit denen sie auch nach der Neujahrsnacht Kontakt hält. Mohammad ist Lehrer, 2014 vor dem Bürgerkrieg aus Aleppo geflohen und über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. Seine Frau und zwei Söhne sind noch in einem Lager nahe der syrisch-türkischen Grenze. Über die Täter von Köln sagt Mohammad, das seien „schlimme Jungs“, die getrunken und wohl irgendwelche Drogen genommen hätten. „Meine Freunde und ich sind froh, dass wir jemandem helfen konnten“, wird Mohammad in der „New York Times“ zitiert.

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18.01.2016, 20:00 Uhr
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