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Interview: Der Horber Revierleiter Markus Mast ist seit 100 Tagen im Amt
„Ich mag Zitate, über die man sich Gedanken machen kann“: Der neue Horber Polizei-Chef Markus Mast rezitiert auch mal Hölderlin.Bild: Kuball
Der Neue

Interview: Der Horber Revierleiter Markus Mast ist seit 100 Tagen im Amt

Seit 100 Tagen ist Markus Mast (37) aus Grömbach inzwischen der Chef des Horber Polizeireviers. Im Interview spricht der Kriminalrat über die Gefahr von Einbrüchen, den Einsatz seiner Dienstwaffe und den Dichter Friedrich Hölderlin.

13.01.2016

SÜDWEST PRESSE: Herr Mast, sind Sie ein good oder ein bad Cop?

Markus Mast:Puh, das ist schwierig. Diese Entscheidung gibt’s im realen Polizisten-Leben so nicht. Das ist eher eine Film-Erfindung. Wir haben einen Beruf, in dem Bürgernähe sehr wichtig ist und man viel mit den Menschen in Kontakt steht und redet. Dennoch erfordern viele polizeiliche Situationen ein sehr konsequentes Einschreiten, wenn es beispielsweise Widerstand gibt.

Beim Landeskriminalamt waren Sie im Bereich Organisierte Kriminalität/Schleusungs-Kriminalität und Menschenhandel tätig. Wie war das?

Da hat man das Leid der Menschen sehr direkt mitbekommen. Zu erleben, wie Personen unter menschenunwürdigen Bedingungen – teilweise unter Lebensgefahr – geschleust werden, hat mich auch persönlich sehr betroffen gemacht.

Später sind Sie von der Kriminalpolizei in der Großstadt in die Provinz gewechselt, wo es viel langweiliger ist. Warum?

(Lacht) Nein, das ist ein falscher Eindruck. Zum einen bin ich hier aus der Gegend und wollte wieder zurückkommen. Und die Aufgabe als Revierleiter ist eine der abwechslungsreichsten Tätigkeiten bei der Polizei. Auch bei schweren Straftaten wie beispielsweise einem Raubüberfall ist zunächst das Revier vor Ort zuständig und trifft die ersten Entscheidungen. Die weiteren Ermittlungen werden dann von der Kriminalpolizei übernommen.

Einen Raubüberfall hat es bislang unter Ihrer Führung nicht gegeben. Wie waren die ersten 100 Tage?

Trotzdem sehr interessant und aufregend, weil es viel Neues gibt. Die Aufgaben der Polizeireviere sind innerhalb der Polizei am besten mit der Feuerwehr vergleichbar: Immer dort wo es brennt, wird gelöscht. Das macht die Arbeit spannend und abwechslungsreich, denn wir sind für die ganze Bandbreite der Polizeiarbeit zuständig: vom Kleinstunfall über Wohnungseinbrüche bis zu Großeinsätzen.

Welcher bisherige Einsatz in Horb ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Das war der Einsatz im Oktober beim AfD-Parteitag und der parallelen Kundgebung für Frieden, Willkommen und Respekt für alle, als wir auch Unterstützung von der Bereitschaftspolizei hatten. Der Einsatz war schon aufregend, verlief jedoch ohne größere Zwischenfälle.

Sind Sie häufig draußen im Einsatz oder eher Schreibtisch-Beamter?

Hauptsächlich sitze ich am Schreibtisch. Zentraler Teil meiner Aufgabe ist die Koordination und Organisation der Revierarbeit sowie das Polizeirevier nach außen zu vertreten. Bei größeren Einsätzen bin ich mit vor Ort und übernehme die Einsatzleitung der Polizei. Im kommenden Jahr beispielsweise bei der Beatparade in Empfingen und beim Mini-Rock-Festival.

Was hat Sie überrascht an Ihrer neuen Stelle als Chef?

Ich habe schon von 2004 bis 2006 in Horb auf dem Polizeirevier gearbeitet. Insofern war mir vieles schon vertraut. Das Gebäude ist noch das gleiche und viele Kollegen kenne ich auch noch.

Was hat sich geändert seit 2006?

Vor allem im Bereich der Internet-Kriminalität hat es einen Anstieg gegeben. E-Bay-Betrugsanzeigen haben wir immer häufiger. Auch was beispielsweise Mobbing per Whats-App bei Schülern angeht – da landet vieles inzwischen bei der Polizei.

Welche Aufgabenschwerpunkte sehen Sie in Horb für die Polizei?

Aktuell liegt in der dunklen Jahreszeit der Fokus auf den Wohnungs-Einbrüchen. Deshalb haben wir momentan auch viele unregelmäßige Kontrollen insbesondere an den Zufahrtsstraßen und in Wohngebieten in der Nähe der Autobahn.

Ist Ihnen da schon jemand ins Netz gegangen?

Die Erfolgsquote, einen Einbrecher bei einer Kontrolle unmittelbar vor oder nach der Tat zu ertappen, ist mäßig. Allerdings werden durch die Kontrollen auch Erkenntnisse über auffällige Personen und Fahrzeuge gewonnen, die im Nachhinein ausgewertet und zur Aufklärung von Einbrüchen oder Serien führen können.

Bei einer Kontrolle im November in Empfingen, bei der auch die Presse dabei war, gab es zeitgleich einen Einbruch in Ahldorf.

Ja, das kann man nicht ausschließen. Wir können nur die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Einbrüche geschehen.

Die Aufklärungsraten sind erschreckend gering. Ist die Polizei mit den Einbrüchen überfordert?

Es ist ein schwieriges Deliktfeld. Die Täter sind sehr schnell und nur kurz am Tatort. Da ist es recht schwierig, eine hohe Aufklärungsquote zu erzielen. Seit Sommer haben wir im Bereich des Polizeipräsidiums Tuttlingen die Aufbauorganisation – kurz BAO – Wohnungseinbruch in Rottweil, deren Leiter ich vorübergehend war. Ziel ist es, Zusammenhänge besser zu erkennen und die breitgefächerten Maßnahmen zu bündeln, beispielsweise werden in täglichen Lagebesprechungen Fahndungshinweise, Tatortspuren und Erkenntnisse der einzelnen Sachbearbeiter umgehend abgeglichen. So können rasch Ermittlungsansätze gewonnen werden, die zentral bearbeitet werden.

Ende vergangenen Jahres hat eine eigens eingerichtete Ermittlungsgruppe beim Horber Revier Ihre Arbeit abgeschlossen und etwa 100 meist jugendliche und heranwachsende Marihuana-Konsumenten auffliegen lassen. Auch am Amtsgericht Horb geht es häufig um Drogendelikte. Ist Horb und Umgebung eine Drogenhochburg?

Nein, wir sind hier nicht anders belastet, als andere Bereiche im ländlichen Raum auch. Im angesprochenen Fall haben wir ein großes Netzwerk aufgedeckt. Die Delikte spielten sich überwiegend im privaten Raum ab. Es gibt keine offene Drogenszene in Horb und Umgebung. Viele Deals laufen über Beziehungen. Häufig wurden die Drogen über Bekannte zum Eigenkonsum erworben. Aber teils haben die Jugendlichen und Heranwachsenden zur Finanzierung ihres Konsums auch Marihuana weiterverkauft.

Seit den Anschlägen in Paris ist die Angst vor dem Islamismus auch in Deutschland gewachsen. Wie groß ist die Gefahr in Horb?

Das ist momentan landesweit ein großes Thema, vor allem auch beim Landeskriminalamt und beim Staatsschutz. Alle Einsatzkräfte – auch wir – sind sensibilisiert, wenn größere Veranstaltungen stattfinden. Für unseren Bereich gibt es momentan keine Hinweise auf eine konkrete Gefährdungslage.

Wie bewerten Sie die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln?

Die Übergriffe werden zu Recht aufs Schärfste verurteilt und sollten mit allen rechtlichen Möglichkeiten des Strafrechts und Ausländerrechts verfolgt werden. Schwierig in solchen Fällen ist allerdings meist die Beweisführung. Persönlich finde ich es besonders tragisch, dass durch die Täter von Köln die Toleranz vieler Menschen erschüttert wurde.

Welche Schlüsse ergeben sich daraus für die Horber Polizei?

Für den Bereich des Polizeireviers Horb ist nicht mit einem vergleichbaren Ausmaß zu rechnen. Dennoch werden wir die Situation von Köln bei der Bewertung von örtlichen Veranstaltungen berücksichtigen. Das heißt konkret, dass wir zum Beispiel bei größeren Fasnets-Veranstaltungen verstärkt Präsenz zeigen werden.

Wie groß ist die Belastung des Polizeireviers Horb im Zusammenhang mit der Flüchtlings-Lage?

Bei uns im Bereich ist die Lage weitestgehend ruhig. Im Landkreis Freudenstadt sind bislang im Vergleich zu anderen Landkreisen weniger Flüchtlinge untergebracht. Auch die Unterkünfte sind nicht vergleichbar mit den Massenunterkünften. Konflikte sind damit
seltener. Allerdings müssen wir vereinzelt bei polizeilichen Einsätzen in Aufnahme-Einrichtungen wie etwa in Meßstetten oder Donaueschingen aushelfen. Das ist dann mit langen Fahrzeiten verbunden.

Es gibt immer wieder Vorwürfe, die Polizei würde Straftaten von Asylbewerbern vertuschen. Was ist da dran?

Die Berichterstattung erfolgt in erster Linie über die Pressesprecher des Präsidiums Tuttlingen. Wir sind ein Präsidium, das offen und transparent über das Kriminalitätsgeschehen berichtet, unabhängig von Nationalitäten oder ethischen Zugehörigkeiten.

Wie oft haben Sie draußen im Dienst schon Ihre Waffe ziehen müssen?

Noch nie. Ich war viele Jahre bei der Kriminalpolizei. Bei größeren Ermittlungsverfahren wurde der Zugriff genauestens geplant und dann durch ein Sondereinsatzkommando vorgenommen. Die Gefahr, dass ich selbst die Waffe hätte ziehen müssen, war daher sehr gering.

Bei Ihrer Amtseinführung haben Sie Friedrich Hölderlin mit dem Satz „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ zitiert. Sind Sie ein Lyrik-Fan?

Der Spruch hat mir persönlich gefallen. Aber ich würde mich jetzt nicht als Lyrik-Fan bezeichnen, sondern ich mag einfach Zitate, über die man sich Gedanken machen kann.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich bin gerne mit dem Mountainbike unterwegs, fahre Ski und bin auch mal einen Marathon gelaufen. Aber das sind meist Jahresprojekte. Das Wichtigste für mich ist meine Familie. Unser fünfjähriger Sohn und unsere dreijährige Tochter halten meine Frau und mich auf Trab.

Interview: Vincent Meissner

Vita von Markus Mast

1978 geboren in Freudenstadt

1996 Beginn der Polizei-Ausbildung in Lahr und Freiburg und bei der Bereitschaftspolizei Böblingen

2001-2004 Studium zum gehobenen Dienst

2004-2006 Kommissar in Horb

ab 2006 Stuttgart Landeskriminalamt und Kriminalpolizei

2010-2012 Studium in Villingen-Schwenningen und Münster

2012-2013 Kriminalpolizei Tübingen

ab 2014 Leiter Kriminalkommissariat Freudenstadt

Seit Oktober 2015 Leiter Polizeirevier Horb und damit Chef von etwa 50 Mitarbeitern

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13.01.2016, 01:00 Uhr

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