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Kanzlerin liebäugelt mit Kretschmanns Grünen
Entsetzen im Konrad-Adenauer-Haus nach den ersten Hochrechnungen. Foto: dpa
Merkel hält an Flüchtlingskurs fest - Gabriel muss Schlappe überstehen - AfD jubelt über Erfolge im Südwesten

Kanzlerin liebäugelt mit Kretschmanns Grünen

Schweigen bei CDU und SPD, AfD und FDP jubeln - die Wahlpartys in der Bundeshauptstadt spiegeln die Resultate der drei Landtagswahlen wider. Erste Lehren aus Sieg und Niederlage ziehen die Parteispitzen auch.

14.03.2016
  • von GUNTHER HARTWIG, ANDRÉ BOCHOW, DIETER KELLER

Für die CDU kam es, abgesehen von Sachsen-Anhalt, ziemlich dicke. Während Reiner Haseloff in Magdeburg wohl weiter regieren kann, mussten die beiden CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf und Julia Klöckner ihre Träume von einer Rückeroberung der Ministerpräsidentenposten in Stuttgart und Mainz am Sonntagabend begraben.

Zumindest im Berliner Konrad-Adenauer-Haus deutete freilich nichts darauf hin, dass die Schockwellen in der fernen Hauptstadt an der Spree ein Beben oder gar den Sturz der Kanzlerin auslösen werden. Im Vorfeld der zur "kleinen Bundestagswahl" hochgeschriebenen Dreifachwahl in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt hatte Angela Merkel vorsorglich angemerkt, dass sie - so oder so - nach dem 13. März "in Ruhe weiter machen" werde, schließlich sei sie ja "sturmerprobt".

Vielleicht stimmen Spekulationen, dass "Grün" unterdessen auch für die CDU die Hoffnung ist: Angeblich soll Merkel ihren Stellvertreter Thomas Strobl ermuntert haben, die Landespartei notfalls als Juniorpartner in eine Koalition mit Winfried Kretschmanns Grünen zu führen. Dazu gab es am Sonntagabend im CDU-Hauptquartier natürlich keine Bestätigung, geschweige denn von der Bundesvorsitzenden persönlich. Dass die Bundesrepublik parteipolitisch bunter wird, ließ sich selbst von den treuesten Parteigängern der Kanzlerin nicht bestreiten - besondere Sorge bereitet der CDU der Siegeszug der AfD, die nicht nur im Osten Deutschlands zweistellig wurde.

Die SPD hatte Mitglieder, Sympathisanten und Journalisten wohlweislich nicht zu einer "Wahlparty" ins Berliner Willy-Brandt-Haus eingeladen, sondern bloß zu einem "Wahlabend". Dass die Genossen mindestens in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt kaum etwas zu feiern haben dürften, war Parteichef Sigmar Gabriel schon seit Wochen klar, weshalb er sich an den Strohhalm Rheinland-Pfalz klammerte - "die Mutter aller Schlachten", wie der Vizekanzler erklärte.

Diese Hoffnung erfüllte sich mindestens so weit, dass in der Parteizentrale um kurz nach 18 Uhr lauter Jubel ausbrach, als die ersten Prognosen jedenfalls für Malu Dreyer in Mainz günstig ausfielen - die SPD-Ministerpräsidentin lag vor ihrer CDU-Herausforderin Julia Klöckner und wird ihr Amt behalten können.

Mit diesem Resultat trösteten sich die Sozialdemokraten über die niederschmetternden Zahlen der beiden anderen Wahlen des "Supersonntags" für den Augenblick hinweg: In Sachsen-Anhalt abgeschlagen hinter CDU, Linkspartei und AfD, in Baden-Württemberg nicht mal halb so stark wie Grüne oder CDU und hinter den Rechtspopulisten - Gabriel wird gute Nerven und Argumente brauchen, um die Wahlnachlese einigermaßen heil zu überstehen. Parteivize Ralf Stegner bemühte sich, sein Entsetzen über die Schlappen zu verbergen. Ob eine Debatte über den SPD-Chef losbreche, wurde der Parteilinke gefragt. Knappe Auskunft: "kein Stück."

Riesenjubel bei der FPD - nach der Blamage bei der Bundestagswahl 2013 freuten sich die Anhänger der Liberalen über die Gewinne in allen drei Bundesländern besonders lautstark. Ganz besonders fiel das auf, als ihnen die Prognosen sogar für Sachsen-Anhalt den Einzug in den Landtag in Aussicht stellten, auch wenn das schnell zur anhaltenden Zitterpartie wurde. Die Länderwende sei das "Vorspiel zur Bundeswende", war auf einer Leinwand mit Twitter-Botschaften im Thomas-Dehler-Haus zu lesen.

"Es hat sich gezeigt, dass mit der FDP weiter zu rechnen ist", atmete Parteichef Christian Lindner deutlich auf. Dennoch sprach er von einem "Abend der gemischten Gefühle" und beklagte das AfD-Ergebnis, die auf der Protestwelle segle und die Liberalität ablehne. Dann freute sich Lindner aber hauptsächlich. "Der Abend zeigt: die FDP steht zusammen, und unser Kurs stimmt."

Zur Wahlparty der AfD im Neubau der AO-Hostel-Kette in Berlin-Alt-Hohenschönhausen war bereits eine Stunde vorher reichlich Polizei aufgezogen. Demonstranten waren dagegen keine mehr zu sehen. Zuvor hatten rund 160 junge Linke mit Transparenten gegen Rassismus der Rechtsnationalen protestiert. In der Nacht zum Sonntag hatten Vermummte Scheiben des Hostels zerstört. Die Spannung vor den ersten Hochrechnungen hielt sich merkwürdigerweise in Grenzen. Als diese Ergebnisse auf einer Leinwand auftauchten, brandete bei Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Beifall auf. Beim Abschneiden der AfD in Sachsen-Anhalt explodierte die Stimmung. "Zweitstärkste Partei", ruft ein AfDler begeistert und hat vor Freude Mühe sein Rotweinglas im Gleichgewicht zu halten.

Kurz darauf tritt die Berliner Landesvorsitzende Beatrix von Storch vor das Publikum. Obwohl das eigentlich herausragende Ergebnis in Sachsen-Anhalt erzielt wurde, ist ihr wichtig, dass die AfD nunmehr "keine reine Ostpartei" mehr sei. Das zeige der Erfolg in den beiden Flächenländern im Südwesten des Landes und das habe ja auch die Kommunalwahl in Hessen schon bestätigt. Noch nie habe es " so etwas in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben", dass eine Partei in so kurzer Zeit derartige Erfolge feiern könne. "Jetzt bekommt das Land, was ihm gefehlt hat. Eine Opposition." Kurz vor 19 Uhr kommt Parteichefin Frauke Petry in den Saal. Sie sagt: "Dieser Abend ist ein Abend zum Jubeln." Die hohe Wahlbeteiligung schreibt sie ihrer Partei auf die Fahnen. Sie spricht auch von einem "guten Tag" für die Demokratie.

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14.03.2016, 08:30 Uhr

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