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"Kein zweites 2008"
Verzerrter Blick auf das Börsengeschehen in Frankfurt - das passt zur Einschätzung der meisten Experten, die die derzeitigen Turbulenzen und die Panik der Anleger für übertrieben halten. Foto: dpa
Trotz weltweiter Talfahrt an den Börsen geben sich Ökonomen relativ gelassen

"Kein zweites 2008"

Der Absturz an den Aktienmärkten weckt Erinnerungen an die schwere Finanzkrise in den Jahren 2007/2008. Doch ist die Situation wirklich vergleichbar? Was ist ähnlich und was ist heute anders?

12.02.2016
  • von DPA

Frankfurt. Die Kurse an den Aktienmärkten rauschen nahezu ungebremst in die Tiefe. Gestern erreichte der Deutsche Leitindex Dax ein neues Jahrestief. Einige Beobachter fühlen sich bereits an die Weltfinanzkrise 2008 erinnert. Begründet wird dies nicht zuletzt mit dem Einbruch der Bank-Aktien. Damals stand das globale Finanzsystem nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor dem Kollaps. Die Weltwirtschaft stürzte in eine tiefe Rezession. Hier Fragen und Antworten zum Thema:

Warum stehen Bank-Aktien derzeit unter Druck? Der Verfall der Ölpreise bedroht die Existenz von Rohstoffunternehmen, insbesondere von US-Förderunternehmen, die auf Fracking-Technik gesetzt haben. Folge könnten Kreditausfälle sein, das könnte Löcher in Bankbilanzen reißen, so die Befürchtung. Die Finanzkrise ging von kaum abgesicherten Immobilienkrediten ("Subprime") aus, die in Päckchen gebündelt als Wertpapiere verkauft wurden. Doch Tausende US-Schuldner, die sich Hauskredite ohnehin nicht leisten konnten, gerieten mit der Zahlung ihrer Kreditraten in Verzug. Weil viele an solchen Papieren mitverdienten, kam eine weltweite Abwärtsspirale in Gang.

"Die Verbriefungstechnologie hatte damals zu einer Vernetzung der Bankbilanzen geführt, die diese herdenartig reagieren ließ", sagt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Heute sei die Situation auch deshalb anders, weil Kredite an Ölförderer nur rund 3 Prozent aller Bankkredite in den USA ausmachten, erläutert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die "Subprime"-Hypothekenkredite hätten einen Anteil von etwa 20 Prozent gehabt. "Die mit dem Ölpreisverfall verbundenen Bankrisiken sind viel kleiner", betont Krämer.

Sind die Banken heute besser gerüstet? Finanzinstitute haben ihre Kapitalpuffer als Krisenvorsorge deutlich verstärkt als Folge der schärferen Regulierung des Finanzsektors. Zwar drücken Niedrigzinsen und Regulierung auf die Erträge. Aber: "Die Banken haben in den letzten Jahren erheblich ihre Bilanzen verkürzt und Kreditbestände abgebaut", bilanziert Hüther. Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater sagt: "Das ist kein zweites 2008, sondern es sind immer noch die Nachwehen der Finanzkrise von damals, die uns verfolgen. Zur Zeit haben wir keine Panik wegen der Gefahr des Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems."

Welche Rolle spielen die Notenbanken in der derzeitigen Lage? Im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche fluten die großen Notenbanken der Welt die Märkte mit billigem Geld. Kritiker befürchten, dadurch könnten Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten entstehen. Auch nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 hatten Notenbanken die Geldschleusen weit geöffnet. Viele Hausbesitzer in den USA nutzten die niedrigen Zinsen, um sich immer höher zu verschulden und auf Pump zu konsumieren. Inzwischen seien die Schulden der Privathaushalte in den USA auf ein akzeptables Niveau gesunken, sagt Ökonom Krämer.

Könnten Notenbanken in Krisen überhaupt noch reagieren? Kritiker befürchten, dass die Währungshüter mit Minizinsen und Wertpapierkäufen ihr Pulver weitgehend verschossen haben. Dies beziehe sich allerdings eher auf die Absichten der Notenbanken, das Wirtschaftswachstum zu stimulieren, argumentiert Kater: "Bei der Stabilisierung des Finanzsystems haben sie noch viele Möglichkeiten."

Welches Risiko besteht für die Konjunktur? Ein Überspringen der Börsenturbulenzen auf die Wirtschaft sei derzeit unwahrscheinlich, sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben: "Unter dem Strich sprechen die positiven Geschäftserwartungen gegen einen Konjunkturabsturz." Ähnlich sieht das Ökonom Hüther: Abgesehen von China fehle der realwirtschaftliche Anlass für die Börsenturbulenzen, "die Konjunkturdaten sind bisher robust und geben wenig Anlass zu einer solchen Korrektur".

Wieso bereitet China Sorgen? Das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt schwächelt. "Das Land steht wirtschaftlich vor schweren Zeiten, auch weil seine Unternehmen sehr hoch verschuldet sind", sagt Krämer. Einen guten Teil der nachlassenden Nachfrage aus dem Land könnten die westlichen Länder aber durch ein Anziehen der Binnennachfrage ausgleichen. "Brenzlig würde es nur, wenn China den Weltfinanzmärkten wie Lehman 2008 einen Unsicherheitsschock verabreichen würde. Aber das ist unwahrscheinlich", meint Krämer. Westliche Banken und Anleger seien am Finanzmarkt Chinas nur wenig engagiert.

Gibt es in diesen turbulenten Zeiten auch irgendwelche gute Nachrichten? Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud sieht in dem starken Rückgang der Ölpreise eine Konjunkturspritze für die Industrieländer. Auch sie hält wenig von Vergleichen mit der jüngst bewältigten Finanzkrise. Nicht immer gehen anhaltend sinkende Aktienkurse mit einer Rezession einher "und schon gar nicht mit solchen Abstürzen der Volkswirtschaften wie in der Finanzkrise". Sie verweist auf die Jahre 1987, 1998 und 2011 als der Leitindex Dax im Durchschnitt um 37 Prozent fiel, die Wirtschaft aber nicht schrumpfte.

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12.02.2016, 08:35 Uhr

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