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Kleider für ein freies Leben

glimpse CLOTHINGKann Mode die Welt besser machen? Für einige Zwangsprostituierte in Indien ist sie zumindest die große Chance. Dafür haben Nathalie Schaller aus Stuttgart und ihr Team eine Nähwerkstatt in Mumbai gegründet, die den Mädchen eine Ausbildung als Näherin ermöglicht. Das Ziel: ihr Leben eines Tages selbstständig und mit Selbstachtung leben zu können. Über den Online-Shop verkauft das humanitäre Modelabel seine Kleider europaweit.

26.02.2016
  • von TEXT: Evi MillerFOTOs: Unternehmen

Es begann mit einer Auszeit: Vor sechs Jahren reiste Nathalie Schaller nach dem ersten juristischen Staatsexamen mit einer sozialen Hilfsorganisation nach Kambodscha. Sie half dort unter anderem bei der Nachsorgebetreuung von ehemaligen Zwangsprostituierten mit. „Das frustrierende Gefühl, dass wir diesen Frauen nicht wirklich helfen konnten, hat mich auch nach meiner Rückkehr nicht mehr losgelassen“, sagt Nathalie Schaller und erklärt: „die Nachsorgeeinrichtungen bieten den Frauen für einige Zeit ein Dach über dem Kopf, das sie aber irgendwann wieder verlassen müssen, da neue Frauen nachkommen. Die Frauen haben aber einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend in den Bordellen verbracht. Oft sind sie sogar von ihren Familien verkauft worden. Angesichts völliger Perspektivlosigkeit landen viele wieder auf der Straße.“

Nathalie Schaller kehrte mit dem Wunsch nach Hause, für diese Frauen mehr tun zu wollen. Denn klar war auch: Ein Neustart ist nur mit einer Ausbildung und fairer Bezahlung möglich. Für Nathalie Schaller stand nach ihrer Rückkehr erst einmal das Referendariat an. Parallel dazu entwickelte sie mit ihrem Ehemann Simon Schaller, der in dieser Zeit gerade seine Bachelorarbeit über Sklaverei in der Textilwirtschaft schrieb, einen Social-Business-Plan.

Die Initiative nahm Fahrt auf als der Kontakt zur Modedesignerin Teresa Göppel-Ramsurn aus München zustande kam. Sie hatte ein Jahr nach Nathalie Schaller ein ähnliches Projekt betreut und ist mit der selben Vision nach Deutschland zurückgekehrt. Als Designerin war sie die ideale Ergänzung fürs Team. Unterstützung erhielten sie von der Menschenrechtsorganisation International Justice Mission (IJM), die ihnen wichtige Kontakte vermittelte. Zwei Wochen besuchten sie Nachsorgeeinrichtungen in Indien. Am letzten Tag der Reise trafen sie Ramona und Keith Dsouza in Mumbai und da war klar: „Wir haben uns gesucht und gefunden“, sagt Nathalie Schaller, „sie waren als Partner vor Ort und Leiter des Projekts perfekt. Auch weil Ramona selbst aus der Business-Welt kam, bevor sie sich der Hilfsorganisation anschloss.“ Ein Glücksfall für beide: Durch die Zusammenarbeit mit dem humanitären Modelabel „Glimpse Clothing“ kann Ramona Dsouza den Mädchen jetzt auch eine berufliche Perspektive bieten.

Trotzdem war der Anfang schwierig, erinnert sich Nathalie Schaller: „Wir hatten nicht bedacht, wie schwer diese Frauen traumatisiert sind. Den ursprüngliche Plan, ein Social Business aufzuziehen, konnten wir so nicht umsetzen. Schnell war klar, dass diese Frauen viel mehr brauchten, als nur eine normale Ausbildung. Wir mussten ihnen eine ganzheitliche Betreuung, nicht nur eine Berufsausbildung anbieten: Angefangen bei der Schulausbildung, mit Mathe- und Englisch-Unterricht bis hin zu ganz alltäglichen Dingen wie Körperpflege, Kochen, Behördengänge, Umgang mit Geld.“ Vieles, was man normalerweise in der Familie lernt. Und alles, was man für ein selbstständiges Leben braucht. Schnell war auch klar, dass die Kosten der Werkstatt nicht durch die Produktion gedeckt werden können, sondern dass das Projekt auf Spenden angewiesen ist.

2013 hat die Werkstatt in Mumbai eröffnet mit zehn Mädchen und fast genauso viel Fachpersonal zur Betreuung: Näherinnen, Sozialarbeiter, Mathe- und Englischlehrer. In den ersten Monaten wurde in der Werkstatt nur unterrichtet, im April begannen die jungen Frauen zu nähen und im Oktober kam die erste Kollektion heraus. Diese wurde dann auch sehnsüchtig erwartet, vom großen Freundes- und Familienkreis der Schallers, die Glimpse über Monate hinweg mit Spenden und auf verschiedene und tatkräftige Weise unterstützten. „Der Start war toll“, schwärmt Nathalie Schaller. Auch wenn noch lange nicht alles perfekt war. „Wir saßen fünf Tage mit Freunden und Familie in der Wohnung und haben Etiketten und Knöpfe angenäht.“

Das erste Jahr blieb eine Herausforderung: „Wir mussten die Spender auch nach der ersten Begeisterung am Ball halten. Außerdem musste die Vertriebsstruktur aufgebaut worden, und die nächste Kollektion entworfen werden.“ Dabei arbeiten Nathalie und Simon Schaller ebenso wie Teresa Göppel-Ramsurn ehrenamtlich nach Feierabend. Alle drei haben noch eine Vollzeitstelle. „Wir sind die einzigen in dem Projekt, die umsonst arbeiten“, lacht Nathalie Schaller, „alle anderen werden anständig bezahlt“. Seit einem Jahr macht Töchterchen Elisa die Zeit noch kostbarer für das Ehepaar Schaller.

Doch der Einsatz lohnt sich. „Während wir 2014 noch viel von unserem privaten Geld in das Projekt reingesteckt haben, war 2015 das erste kleine Erntejahr. Wir haben die Weichen richtig gestellt“, ist Nathalie Schaller überzeugt. Dafür gab es auch 2015 offizielle Ehrungen: Nathalie Schaller wurde mit „der goldenen Bild der Frau“ ausgezeichnet, Teresa Göppel-Ramsurn erhielt den Ellen-Amman Preis.

Mittlerweile erhält Glimpse immer wieder Anfragen von Hilfsorganisationen, die sich eine Zusammenarbeit wünschen. „Wir sind derzeit mit einer Hilfsorganisation in Brasilien in Kontakt. Auch in Deutschland stecken wir unsere Fühler aus. Zwangsprostitution ist ein weltweites Problem. Millionen Frauen sind davon betroffen“ , sagt Schaller. Rund 900000 allein in Indien – ein Drittel davon minderjährig. 14 Frauen arbeiten derzeit bei Glimpse. Lassen solche Zahlen verzweifeln? „Es ist ein Anfang, deshalb auch der Name „Glimpse“. Wir fangen klein an, unternehmerisch, aber auch im Leben der Frauen.“ Das Ziel haben alle dennoch klar vor Augen: Im Idealfall sollen die Frauen nach der drei- bis vierjährigen Ausbildung ihren eigenen Weg gehen können. „Zwei Frauen haben gerade ihre Ausbildung bei Glimpse beendet und beginnen jetzt zu studieren“, erzählt Nathalie Schaller. Andererseits gibt es auch Frauen in der Gruppe , die durch die erlittene Misshandlungen so stark traumatisiert sind, dass sie kaum Arbeit auf dem normalen Arbeitsmarkt finden werden. „Ihnen werden wir nach der Ausbildung ein Jobangebot in der Werkstatt anbieten.“

Von dem Leben der Frauen erfahren die Käufer in Europa über die von ihnen genähten Kleider. Jede der Frauen hat einen eigenen Stempel mit indischem Blumenprint, das sie in jedes von ihr genähte Kleidungsstück einnäht. Auf der Homepage kann der Käufer über das jeweilige Blumenprint mehr über die Näherin erfahren. „Gleichzeitig ist das Blumenprint auch eine Wertschätzung für die Frauen. Sie sind stolz darauf, ihren Stempel einzunähen“, weiß Nathalie Schaller.

Die Kollektion von Glimpse umfasst Kleider, Röcke und Blusen, Hosen und T-Shirts auch für Männer. Die Grundschnitte sind relativ einfach gehalten, dafür hat aber jedes Teil eine kleine Besonderheit oder ein raffiniertes Detail.. Glimpse mag Farbe. „Die Farbigkeit ist von unseren Aufenthalten in Indien beeinflusst“, sagt Nathalie Schaller, die selbst mehrmals im Jahr nach Indien fliegt. Neben Baumwolle setzt die diesjährige Sommerkollektion erstmals auf Lyocell, eine aus natürlichen Rohstoffen industriell hergestellte Faser. Sie ist besonders atmungsaktiv und wirkt eleganter als Baumwolle. Glimpse näht ausschließlich aus Bio-Stoffen. Das Team ist sich einig: „Wenn schon gut, dann durch und durch gut.“

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26.02.2016, 01:00 Uhr

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