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Ein neues „Haus des Lebens“

Landesrabbiner Netanel Wurmser besucht Betsaal-Gebäude und jüdische Friedhöfe

Juden verstehen ihren Friedhof als „Haus des Lebens“ und zugleich als Lehrstätte für Kinder und Jugendliche. In diesem Sinne könnte auch das Horber Betsaal-Gebäude eine Art „Haus des Lebens“ werden. Die künftige Gedenk- und Begegnungsstätte und mehrere jüdische Friedhöfe besuchte am Dienstag Landesrabbiner Netanel Wurmser.

02.08.2012
  • von Michael Zerhusen

Horb. Es ist eine Anerkennung für den Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen: Das geistliche Oberhaupt der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) will mit Kindern der jüdischen Grundschule Stuttgart (deren Rektor er zugleich ist) nach Horb kommen. Das kündigte er an, als er den ehemaligen Betsaal am Abraham-Schweizer-Platz besichtigte.

Der Landesrabbiner war vom Vorstand des Synagogenvereins eingeladen worden, der auch die Sanierung des früheren Betsaals betreibt. Im April nächsten Jahres sollen die restaurierten Räume mit einer Ausstellung eröffnet werden, danach will Wurmser mit den Schülern aus Stuttgart anreisen. Er bedankte sich am Dienstag ausdrücklich für die Betsaal-Initiative, die dafür sorge, dass ein wichtiges Zeugnis jüdischen Lebens in Horb erhalten und vor allem für die Jugend erlebbar gemacht werde. Wurmser, verheiratet und Vater von acht Kindern, stammt aus Basel, hat in Israel studiert und war Rabbiner in Fürth, ehe er im Herbst 2002 nach Stuttgart wechselte und dort Glaubenslehrer an der Spitze der IRGW wurde. Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Angelika Jung-Sattinger und IRGW-Vorstandsmitglied Michael Kashi war er jetzt an den oberen Neckar gekommen, um dort Liegenschaften der besonderen Art zu inspizieren: Als Rechtsnachfolgerin der jüdischen Gemeinden, die während der Nazizeit vernichtet wurden, ist die die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs Eigentümerin der jüdischen Friedhöfe in diesem Landesteil.

Mit den sechs Grabfeldern in Mühringen, Nordstetten, Dettensee, Rexingen, Mühlen und der Kernstadt gehört Horb zu den deutschen Kommunen, deren Gemeindegebiet besonders viele jüdischer Friedhöfe umfasst. Seit 1957 ist deren Pflege in einem Vertrag zwischen Bund, Ländern und dem Zentralrat der Juden in Deutschland geregelt: Bund und Land finanzieren den Aufwand je zur Hälfte, die praktische Umsetzung obliegt der jeweiligen Gemeinde, die dafür entschädigt wird.

In Horb hat die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Rexinger Synagogenverein ehrenamtliche Verantwortliche für jeden jüdischen Friedhof benannt. Diese Bürgerinnen und Bürger kümmern sich um die Erhaltung der Friedhöfe und geben Hinweise auf notwendige Arbeiten wie etwa das Ausbessern von Zäunen, die Sicherung abgesunkener Grabsteine und die Pflege von Bäumen. Außerdem wird das Friedhofsareal zweimal pro Jahr gemäht, teilweise von Vereinen oder lokalen Initiativen. Auch Schulklassen melden sich immer wieder, um Moos und Efeu von den Grabsteinen zu entfernen, herabgefallene Äste einzusammeln oder Büsche zurückzuschneiden. Die jungen Leute, so erklärte Heinz Högerle vom Rexinger Synagogenverein am Dienstag, erhalten zuvor eine kurze Einführung in die Geschichte des jeweiligen Friedhofs.

Vor allem bei größeren Veränderungen haben die IRGW als Eigentümerin und Netanel Wurmser als ihr geistliches Oberhaupt mit zu entscheiden, und so nutzte der Landesrabbiner seine Visite, um den Zustand der Friedhöfe zu begutachten. In Mühlen und Horb wurden er und seine Begleitung von Manfred Steck über Entstehungsgeschichte und Pflegesituation informiert. Der pensionierte Gymnasiallehrer beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der jüdischen Geschichte der Region. Auf seine Initiative hin wurden die jüdischen Friedhöfe in Mühlen und Horb, die in der 1960er und 70er Jahren zugewachsen waren, wieder in einen ordentlichen Zustand versetzt.

Für den Friedhof in Mühlen liegt allerdings noch keine wissenschaftliche Dokumentation vor. Landesrabbiner Wurmser, Manfred Steck und Heinz Högerle waren sich deshalb einig, dass man in den nächsten Jahren alle Grabsteine fotografieren und ähnlich wie in Rexingen und Mühringen auflisten sollte – inklusive Übersetzung der hebräischen Inschriften.

Der jüdische Friedhof in Horb beherbergt die Grabmäler einiger bedeutender Horber Persönlichkeiten, etwa von Sanitätsrat Dr. Josef Rosenfeld, der lange Jahre das katholische Spital in Horb leitete und bis 1929 Vorsitzender des Horber Ärztevereins war, und vom Gründer der Kleiderfabrik Stern, Lippmann Stern.

Auf die Rexinger Ruhestätte begleitete den Landesrabbiner auch Ortsvorsteherin Birgit Sayer. Das Areal präsentierte sich in ordentlichem Zustand, einige Grabsteine müssen aber aufgerichtet und Teile des Zauns (im unteren Bereich) erneuert werden. Der Friedhof beeindruckte die Stuttgarter Gäste durch seine Vielfalt und Größe. Michael Kashi, aufgewachsen in Israel, freute sich besonders über eine israelische Fahne, die die Nachkommen von Max Fröhlich, (1868–1938) bei ihrem Besuch im Frühjahr diesen Jahres an dessen Grab eingesteckt hatten. Heinz Högerle berichtete, dass Gäste aus aller Welt, besonders aus den USA und Israel, Rexingen und dessen Friedhof besuchen. Mit Netanel Wurmser wurde vereinbart, die Friedhöfe in Mühringen, Nordstetten und Dettensee im Frühherbst zu besuchen.

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02.08.2012, 12:00 Uhr

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