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Ein Weg in die Armut

Maria König hat 36 Jahre gearbeitet und bezieht jetzt trotzdem Hartz IV

Maria König ist 60 Jahre alt. Sie hat ein Kind aufgezogen und 36 Jahre gearbeitet. Dann wurde sie unverschuldet arbeitslos, weil das Unternehmen dichtmachte. Seither lebt sie von Hartz IV. Sie ist zu alt für den Arbeitsmarkt. Eine Frauenbiografie anlässlich des 100. Internationalen Frauentags.

08.03.2011
  • Martina Lachenmaier

Horb. Die 60-Jährige überlegt lange, ob sie in diesem Zeitungsartikel namentlich genannt werden will. „Eigentlich kann ich dazu stehen“, sagt sie. Ihr Verstand sagt, „es ist keine Schande arbeitslos zu sein“. Aber die Reaktionen in ihrem Umfeld, schräge Blicke von Menschen, die hinter Arbeitslosen arbeitsscheue Abzocker der Gesellschaft sehen, halten sie doch davon ab, ihren richtigen Namen zu nennen.

Es bleibt bei Maria König, 60 Jahre alt, ein Kind, geschieden, arbeitslos. Es bleibt bei Maria König, einer Frau in einem emotionalen Spannungsfeld von „Ich schaff das schon irgendwie“ bis „Ich kann nicht mehr“. Es bleibt bei Maria König, weil sie viel daran auszusetzen hat, wie Sachbearbeiter mit Hartz-IV-Empfängern umgehen, und weil sie befürchtet Nachteile zu haben, wenn sie offen ihre Meinung sagt und öffentlich Kritik an Sozial- und Arbeitsämtlern übt.

Die Biografie der 60-Jährigen hat Höhen und Tiefen. Viele Frauen könnten eine ähnliche erzählen. Maria König steht für Frauen, die über Gleichberechtigung nicht in elitären universitären Kreisen diskutiert haben. Sie steht für Frauen, denen der provinzielle Mief und die Bevormundung durch Väter, Ehemänner oder ein verklemmtes Weltbild zutiefst zuwider war. Für Frauen, die auch ohne Hochschulbildung nie nachvollziehen konnten, dass Männer mehr Rechte als Frauen haben. Denen das Stillhalten und „nur nicht auffallen“ gegen den Strich gegangen ist. Denen als Alleinerziehenden eine berufliche Karriere versagt war.

Mit 17 wurde Maria König schwanger. „Es gibt kein lediges Kind in unserer Familie“ hieß es damals. Maria König heiratete, bekam das Kind, aber die Ehe scheiterte, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Der Mann suchte sich eine andere. Wo sollte Maria König hin mit dem Kind? Zurück zu den Eltern. Damals gab es keine staatlich organisierte Kinderbetreuung, keine Tagesmütter, keine Kindertagsstätten, keine Ganztagsbetreuung. Sie kehrte aus der südbadischen Großstadt zurück. „Das war wie Spießrutenlaufen.“ Schaute jemand in den Kinderwagen der geschiedenen jungen Mutter, hieß es: „Das Kind ist blass, man merkt halt, dass es keinen Vater hat.“ Heute sagt Maria König: „Das war ja nur dummes Geschwätz“. Aber damals habe sie nicht kämpfen können, so ganz ohne Unterstützung. Sie fand in Horb eine Arbeitsstelle in ihrem erlernten Beruf als Stenotypistin. Zuerst in einer Behörde, 1973 wechselte sie in einen Textilbetrieb. Dort blieb sie bis 2005. Sie hat ihr Kind aufgezogen, die Betreuung selbst organisiert. Sie dachte, sie hätte bis zur Rente ihr Auskommen. Dann wurde der Betrieb geschlossen. Sie war 55, die Chancen eine neue Stelle zu finden, standen schlecht. Für Maria König stürzte eine Welt ein. Nur weil die Betriebsauflösung und Kündigung noch vor dem Stichtag 1. Februar 2006 erfolgte, bezog Maria König 28 statt 18 Monate Arbeitslosengeld – 60 Prozent des letzten Nettolohns.

Im April 2008 fiel sie auf Hartz IV zurück. Das sind 359 Euro Regelleistung vom Arbeitsamt. Dazu kommt Geld vom Sozialamt für Unterkunft, Heizung, Wasser, Abwasser und anteilige Müllgebühren. Strom zahlt sie selbst. Halbjährlich stellt sie einen neuen Antrag auf Hartz IV. Nicht weil sich an ihrer Situation etwas geändert hätte, sondern weil es der Gesetzgeber so vorschreibt. „Das bedeutet jedes Mal sämtliche Formulare einzureichen, auch wenn alles beim Alten geblieben ist“, sagt sie.

Sie bewohnt eine 64 Quadratmeter große Wohnung in Horb. Sie ist günstig, aber zu groß für eine Hartz-IV-Empfängerin. Ihr stehen nur 45 bis 48 Quadratmeter zu. Weil die Wohnung 14 Quadratmeter zu groß ist, bekommt sie nicht die volle Kaltmietenunterstützung von 4,50 Euro pro Quadratmeter. Rund 50 Euro zahlt Maria König aus eigener Tasche zu. Das Sozialamt interessiere es nicht, dass es in Horb schwierig ist eine 45 Quadratmeterwohnung für 200 Euro zu finden. Sie wünscht sich, dass die Entscheider ihren Ermessensspielraum ausschöpfen.

Maria König ist glückliche Besitzerin eines Autos. Wie lange es noch durchhält, weiß sie nicht. Sie hatte sich überlegt es abzuwracken, um wie andere Bürger vom staatlichen Konjunkturprogramm zu profitieren. Aber weil sie nur ein Auto im Wert von 5300 Euro besitzen darf, sei das unmöglich gewesen. „Man kriegt kein neues Auto für 5300 Euro.“ Sie fühlt sich als Hartz-IV-Empfängerin ausgeschlossen: „Das wurmt mich.“

Auch das Arbeitsamt könnte kundenfreundlicher sein. „Wenn man dort anruft, bekommt man nie den Sachbearbeiter ans Telefon. Immer nur einen von der Hotline und bei jedem Anruf einen anderen.“ Für März hat Maria König zum Beispiel kein Geld bekommen, weil angeblich Unterlagen fehlten. Zwei Wochen nach Antragseinreichung hat man ihr das mitgeteilt. Sie verdient sich als Küchenhilfe 100 Euro hinzu. Das sei genehmigt und habe keine Auswirkung auf die Höhe der Regelleistung. Saisonbedingt gibt es in diesem Betrieb gerade keine Arbeit. Jetzt will das Arbeitsamt wissen, warum sie dort nicht mehr arbeitet, ob sie sich was zuschulden kommen ließ und eine Bestätigung des Arbeitgebers, ob sie an- oder abgemeldet ist. „Wieder Formulare einreichen. Wozu dies alles?“, fragt sie sich. „Man sollte klagen“, aber dazu fehlt ihr die Kraft. Sie glaubt, dass Sachbearbeiter die mangelnde Klagebereitschaft ihrer Kundschaft bei ihren Entscheidungen einkalkulieren.

Als 60-jährige hat sie keine Chance mehr. Sie hat den Eindruck, dass das Arbeitsamt sie in die Rente abschieben will. Dann müsste sie finanzielle Einbußen hinnehmen. Also wird sie sich bis 2017 mit Hartz IV über Wasser halten. Einen Job hätte sie trotzdem gerne. Sie würde auch als Packerin oder Regalbestückerin arbeiten.

In resignativen Phasen hat sie Angst vor dem Altwerden und der Zukunft. „Ich dachte, wenn ich alt bin, habe ich Zeit all das zu machen, wozu mir früher die Zeit gefehlt hat. Jetzt hab ich Zeit, aber kein Geld.“ Gleichgültigkeit macht sich breit. „Es ist doch egal, ob ich morgens aufstehe, ob ich heute die Fenster putzte oder erst morgen.“

Maria König fühlt ihre Lebensleistung nicht gewürdigt. 36 Jahre hat sie in die sozialen Sicherungssysteme einbezahlt, nur zwei Jahre eine Erziehungsauszeit fürs Baby genommen. Sie wird finanziell gleichgestellt mit Menschen, die beispielsweise nur fünf Jahre einbezahlt haben. „Warum staffelt man den Hartz-IV-Satz nicht nach der Zahl der Beitragsjahre? Das wäre gerechter“, sagt Maria König. Sie hat als alleinerziehende Mutter sich selbst und ihr Kind durchgebracht. An eine berufliche Karriere war nicht zu denken. „Doch das zählt ja alles nicht.“

Maria König hat 36 Jahre gearbeitet und bezieht jetzt trotzdem Hartz IV
Nach 36 Jahren Arbeitsjahren auf Hartz IV-Niveau abgerutscht. Wie sieht wohl die Zukunft aus? Bild: Kuball

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08.03.2011, 12:00 Uhr

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