Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kleine weltweite Impulse

Martina Wiedmaier-Pfister ist Spezialistin für Mikrofinanzen

Die Rottenburgerin Martina Wiedmaier-Pfister ist als Expertin für Mikrofinanzdienstleistungen weltweit unterwegs. Seit zwanzig Jahren arbeitet sie in der deutschen Entwicklungshilfe.

11.02.2012
  • Frank Rumpel

Rottenburg. Die Zahlen sprechen für sich. In armen Ländern haben oft bis zu 90 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu Banken oder Versicherungen. „Wenn diese Menschen in eine Notlage geraten, müssen sie ihre Kuh oder sogar ihr Haus verkaufen“, sagt Martina Wiedmaier-Pfister. Oder eben einen Kredit beim örtlichen Geldverleiher aufnehmen. Der nimmt nicht selten bis zu 300 Prozent Zinsen. Abhilfe können da Finanzdienstleister schaffen, die Mikrokredite vergeben. Rund 200 Millionen Kunden nehmen derzeit weltweit solche Klein- und Kleinstkredite in Anspruch. Mindestens 2 Milliarden Menschen, sagt die 52-jährige, würden sie benötigen.

Dabei sind es freilich nicht nur Notlagen, in denen Menschen diesen Zugang zum Finanzsystem brauchen. Vielmehr eröffnet er die Möglichkeit, sich etwas aufzubauen, zu investieren oder auch den Geldtransfer von Verwandten aus dem Ausland zu erleichtern. Den Anfang machte Mitte der siebziger Jahre der Wirtschaftswissenschaftler und spätere Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, der in Bangladesh die Grameen Bank gründete, die vor allem Frauen mit Mikrokrediten von 50 bis 100 Dollar versorgte. Yunus bezog die Armen ins Finanzsystem ein und machte daraus einen florierenden Geschäftsbereich. Heute hat die Bank 7 Millionen Kunden. „Und wir haben das Modell mit unseren Genossenschaftsbanken vor 200 Jahren ja mit erfunden“, sagt die Finanzexpertin, die ihre ersten Erfahrungen in der Branche vor 35 Jahren mit einer Lehre bei der Rottenburger Volksbank sammelte.

Dabei wusste Wiedmaier-Pfister schon seit Kindertagen, dass sie einmal in der Entwicklungshilfe arbeiten will:. „Das war schon immer mein Traum.“ Durch den heutigen Misereor-Chef und Rottenburger Josef Sayer bekam sie Kontakt zum Tübinger Peru-Arbeitskreis, engagierte sich jahrelang im Weltladen, war immer wieder in Peru und schaffte es schließlich in den Entwicklungsdienst. Heute arbeitet sie für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Bereich Finanzsystementwicklung und für internationale Beratungsfirmen.

Acht Jahre lang hat Wiedmaier-Pfister als Langzeitexpertin in Thailand, Indonesien, Sri Lanka und Bolivien gearbeitet. In Bolivien, erzählt sie, gab es damals nur ein sehr kreditlastiges Finanzsystem. „Die Leute bekamen viel zu einfach Geld, zahlten oft den einen Kredit mit einem anderen ab.“ Dadurch seien viele arme Menschen überschuldet gewesen. „Sparen“, ist sie überzeugt, „muss man institutionell fördern.“ Das geht mit entsprechenden Anreizen, speziellen Sparangeboten wie etwa einer kleinen Lotterie oder auch mit dem Weltspartag, mit dem sich bei Kindern ein Bewusstsein fürs Sparen schaffen lasse.

Wöchentlich bei den Kunden vorbeischauen

Kredite aber sind dennoch wichtig, damit sich auch Arme kleine Geldbeträge leihen können. Die Zinsen bei solchen Instituten liegen pro Jahr zwischen 20 und 60 Prozent. Was nach viel klingt, nimmt sich laut Wiedmaier-Pfister in Relation zu den 300 Prozent des örtlichen Geldverleihers, noch recht günstig aus, zumal eben auch diese Banken ihre Kosten decken müssten. Für die Leute dort, sagt sie, „ist das ein Riesen-Schritt.“

In jedem Fall müsse die kreditgebende Bank nah dran sein an den Kunden. In Expertenkreisen nennt man das eine „enge Kreditverfolgung“. Und eng meint hier wirklich eng. „Man muss da wöchentlich vorbei und, wenn die Rate mal nicht gezahlt wird, auch sofort hin.“ Das hört sich einfacher an, als es in vielen Ländern tatsächlich ist, denn gelegentlich sind die Entfernungen riesig. „In Uganda musste ich deswegen mal ein Kreditprogramm zumachen“, erzählt sie. Denn dort war der Banker teilweise einen ganzen Tag unterwegs, um zu einem einzigen Kunden zu kommen. „Das trägt sich einfach nicht.“

Eine Bank vor Ort verändert aber auch manche Lebensumstände. In Bolivien bekam ein Lehrer auf dem Land früher vier Tage im Monat frei, um in die Stadt fahren und den Gehaltsscheck einzulösen zu können. Der Unterricht fiel in dieser Zeit aus.

In Äthiopien gibt es übers Land verteilt momentan über 5000 kleine Genossenschaftsbanken, die nicht wie in Deutschland von der Zentralbank beaufsichtigt werden. „Solange die Selbstkontrolle funktioniert, ist das okay“, sagt Wiedmaier-Pfister, die zwar immer noch viel herumkommt, voriges Jahr etwa in der Mongolei und in Simbabwe war, die meiste Arbeit freilich längst von Rottenburg aus macht. „Aber sobald die Banken größer werden, braucht es eine Aufsicht.“

Großbanken entdecken die Armen als Kunden

Zumal mehr und mehr Geschäftsbanken „die Armen als Kundensegment entdecken“, wie Wiedmaier-Pfister sagt. Um hier Abzocke und schlechte Angebote möglichst zu verhindern, brauche es die Kontrolle durch die Aufsichtsbehörde und mehr Transparenz. Im Versicherungssektor sei beides noch wichtiger: „Wir sehen da teils dramatische Entwicklungen.“ In Brasilien etwa wachse zwar die Zahl Armer im Versicherungsmarkt, die bezahlten Schadensfälle gehen aber drastisch zurück. „Das ist ein deutlicher Indikator dafür, dass da was im Argen liegt.“

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich auf diesem Sektor mit Studien und Fortbildungen und fördert das globale Wissen um Finanzdienstleistung für Arme. „Dafür bringen wir international Leute zusammen“, erzählt Wiedmaier-Pfister. Da unterhalten sich dann etwa Zentralbanker aus Äthiopien und Südafrika, aus Brasilien und den Philippinen. „Die lernen viel voneinander.“

Weil laut einer Studie der Weltbank rund 4 Milliarden Menschen unter 3000 Dollar im Jahr verdienen, bräuchte es, um sie alle bedienen zu können, hunderttausende Finanzdienstleister. „Und das geht eigentlich nur, wenn man die lokalen Kräfte stützt“, sagt Wiedmaier-Pfister. Da gelte es, auch in der Entwicklungszusammenarbeit bescheiden zu sein. „Wir können nur kleine Impulse setzen, die Leute zusammen bringen und Training anbieten. Aber das ist für mich der Weg, auf dem das zu schaffen ist.“

Martina Wiedmaier-Pfister ist Spezialistin für Mikrofinanzen
Martina Wiedmaier-Pfister im Gespräch mit Kreditsachbearbeitern der von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in Bangladesh gegründeten Grameen-Bank.Bild: Privat

Martina Wiedmaier-Pfister ist Spezialistin für Mikrofinanzen
Auch diese Fahrrad-Rikscha gehört einem Kleinunternehmer mit Mikrokreditbedarf: Martina Wiedmaier-Pfister unterwegs in Bangladesh.Bild: Privat

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.02.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil


In der aktuellen Ausgabe des Business-Magazins Wirtschaft im Profil : Medizintechnik - Schrittmacher der Region Neckar-Alb
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click