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Tänzchen mit dem Haus

Roland Klink hat in Talheim ein raffiniertes Gebäude mit Solaranlage errichten lassen

In Talheim entsteht zurzeit ein außergewöhnliches Haus: Auf dem Dach fangen 300 Quadratmeter Solarzellen Sonnenstrahlen ein und wandeln sie in Strom um. Damit sie das optimal tun können, dreht sich das Dach im Tagesverlauf mit der Sonne.

12.03.2016
  • von Vincent Meissner

Talheim. Bei Claudia Klink überwog zunächst die Skepsis: „Ich hab‘ gesagt, du spinnst doch“, beschreibt die Frau von Häuslebauer Roland Klink ihre erste Reaktion. Das war, nachdem ihr Mann vom Bankberater zurückkam, der ihm vorgeschlagen hatte, ein Solarhaus mit drehendem Dach als Altersvorsorge für sich zu bauen. „Aber ich war gleich Feuer und Flamme“, sagt Roland Klink. Dabei ist es nicht so, dass Klink bis dato als Galionsfigur der Anti-Atomkraft-Bewegung in Erscheinung getreten wäre. Aber, sagt er und grinst: „Ich bin begeistert von der Fotovoltaik – das bringt Geld ohne Arbeit.“ Seine Frau kommentiert mit einem Schmunzeln spitz: „Fotovoltaik-verstrahlt, könnte man sagen.“

Beim Blick auf das wohl außergewöhnlichste Haus in Talheim beherrscht das großflächige Schrägdach das Aussehen des zwölfeckigen Gebäudes. Das gesamte Dach ist vollgepackt mit Solarzellen. Das schräge Obergeschoss ist in Schwedenhaus-Optik mit roten Holzlatten verkleidet und das gemauerte Untergeschoss ist grau gestrichen.

Auf einem Rundgang durchs Haus zeigt Roland Klink das Innere: Im Erdgeschoss ist ein Raum als Küche, Ess- und Wohnzimmer in einem konzipiert. „Das bleibt komplett offen“, sagt Klink.

Horb: Ein Haus dreht sich nach der Sonne08.03.2016

01:30 min

Die großen Fensterfronten lassen viel Licht herein. Dazu noch das Badezimmer. Und für Wärme sorgt die Fußbodenheizung, die sich auch aus Energie vom Dach speist. Über eine Wendeltreppe in der Mitte des Hauses geht’s ins Obergeschoss. Dort gibt’s vier weitere Zimmer, teils mit Schrägen. „Hier hat man zwei Kinderzimmer, ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer“, sagt Klink. Im größten Raum ist die Decke fast vier Meter hoch.

Und dann geht’s plötzlich los, das Tänzchen mit dem Haus. Der Boden bewegt sich leicht. Ganz gemächlich, wie von Geisterhand und kaum spürbar, dreht sich das obere Stockwerk im Uhrzeigersinn. Nur, beim Blick nach draußen, sieht man, wie die Nachbarhäuser langsam am Fenster vorbeiziehen. Alle 20 Minuten dreht sich das Obergeschoss computergesteuert um 10 bis 15 Zentimeter – und folgt so dem Lauf der Sonne um 270 Grad jeden Tag. Ein leises Knarzen ist zu hören. „Ein bisschen Geräusch gehört dazu“, sagt Claudia Klink und lacht.

Vier Getriebemotoren treiben die Zahnkränze an, die für die Rotation sorgen. Auf einer Art Kugellager mit 1200 etwa hühnereiergroßen Stahlkugeln gleitet das tonnenschwere obere Stockwerk über das untere. „Wenn ich oben bin und es bewegt sich, weiß ich manchmal selber nicht, wo ich jetzt bin“, sagt Klink. „Und morgens gucken Sie woanders raus als abends.“ Wenn die Sonne untergegangen ist, dreht sich das Haus dann innerhalb von Minuten wieder in die Ausgangs-Position zurück und bleibt so über Nacht.

Der Strom vom Dach gelangt über Kabel in einem dicken Rohr in der Mitte der Wendeltreppe nach unten. Das ist unproblematisch. Nur Wasserleitungen hat Klink keine nach oben legen lassen. Wer also nachts auf die Toilette will, muss die Wendeltreppe hinunter. Über Schläuche wäre fließendes Wasser zwar möglich, aber das ist Roland Klink zu heikel. In einem anderen Solarhaus mit drehendem Obergeschoss gab es da schnell einen Wasserschaden. Damit es im Winter nicht kalt wird, können die Bewohner dafür mit Infrarot-Geräten heizen.

In der Talheimer Nachbarschaft hat Klink für sein Projekt zunächst verdutzte Reaktionen geerntet: „Ich hab‘ denen gesagt, das gibt ein Karussell für Kinder“, sagt Klink in Anspielung auf den zwölfeckigen Grundriss. „Inzwischen finden die Nachbarn es toll“, sagt Klink.

Sein Solarhaus ist eines von nur sechs in ganz Deutschland, das nach diesem Prinzip gebaut ist – und mit 12,5 Metern Durchmesser das größte. In Empfingen steht ein ganz kleines Exemplar und zwei weitere im badischen Bühlertal.

30 Prozent mehr Leistung liefert die Fotovoltaik-Anlage dank des Dreh-Mechanismus, sagt Klink. Weil er auch auf dem Dach seiner Firma für Oberflächenreinigung im Horber Industriegebiet Heiligenfeld ebenfalls Solarzellen gebaut hat, kann Klink die Zahlen gut vergleichen. Eine der beiden fest installierten und nicht-rotierenden Anlagen auf dem Firmengebäude haben wie die Talheimer Anlage eine Leistung von 30 Kilowatt – liefern jedoch 30 Prozent weniger Strom.

Fünf Jahre Bauzeit sind inzwischen vergangen. Klink hat viel selber gemacht. „Jetzt fehlen bloß noch die Sockelleisten und ein paar Fensterrahmen“, sagt er. In spätestens zwei Wochen sei alles fertig. Dann will er das Haus vermieten. Um die 1200 Euro Monatsmiete soll es kosten. „Aber vielleicht zieh‘ ich ja doch noch selber ein“, scherzt Klink – und erntet prompt einen skeptischen Blick von seiner Frau.

Das Solarhaus im Detail

Das Haus

Wohnfläche: 200 Quadratmeter, Erdgeschoss 120 Quadratmeter, Obergeschoss 80 Quadratmeter

Durchmesser Grundriss: 12,5 Meter (zwölfeckig)

Höhe: 12 Meter (höchste Stelle)

Dachfläche: 300 Quadratmeter (15 mal 15 Meter)

Grundstück: 6 Ar (600 Quadratmeter)

Kosten: 600 000 Euro für Hausbau und Grundstückskauf

Bauzeit: 5 Jahre

Baufirma: Solar House Systems Empfingen

Das Solardach

Leistung: 30 Kilowatt (kW): diese Menge reicht für etwa 12 bis 13 Haushalte

Rotationsumfang: 270 Grad

Ertrag: ungefähr 17 000 Euro pro Jahr

Bislang eingespeiste Strommenge: ungefähr 43 000 bis 45 000 Kilowattstunden (kWh)

Einspeisekurs: 39,2 Cent pro Kilowattstunde (kWh)

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12.03.2016, 07:00 Uhr

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