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Schwedische Frauenpower
Der schwedische Ingenieurdienstleister Sweco legt Wert auf Gleichberechtigung - das Interesse an manchen Berufen dennoch bleibt gering. Foto: Svenskt Näringsliv
65 Prozent der Hochschulabgänger sind weiblich - Männer haben jedoch mehr Macht und verdienen mehr

Schwedische Frauenpower

Schweden eine Art romantisches Bullerbü? Wer solche Vorstellung hat, täuscht sich. Zwar ist das Land bei Sozialleistungen und Gleichstellung von Mann und Frau weit vorn - hat aber auch Probleme.

11.02.2016
  • von THOMAS VEITINGER

Stockholm. Wer als Frau in Schweden mit einem sperrigen Koffer in den Zug einsteigt, hat es schwer: niemand hilft. Und das nicht etwa, weil die Schweden unhöfliche Menschen sind - im Gegenteil. Aber einer Frau zu helfen, bedeutet, ihr eine Schwäche zu demonstrieren. Deshalb ist in dem Land das Aufhalten von Türen, die Hilfe in den Mantel oder die Unterstützung bei schweren Lasten verpönt.

Frauen sind stark, aber sie müssen auch stark sein, ist eine Erkenntnis einer Delegation des baden-württembergischen Wirtschaftsministers Nils Schmid (SPD) nach Schweden. 17 Vertreter aus Industrie, Gewerkschaft und Politik interessierten sich für die Wirtschaft, Gleichstellung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf in dem skandinavischen Land. Trotz langer Tradition ist letzteres nicht ganz einfach, wie Joa Bergold vom schwedischen Arbeitnehmerverband LO berichtet: "Viele Frauen wollen nach ihrer Elternzeit wieder die gesamte Woche arbeiten, aber Vollzeitjobs gibt es zu wenige" - ganz anders als in Deutschland, wo es oft an Teilzeitjobs mangelt. Der Grund für den Unterschied: Zeitlich befristete Arbeit ist in Schweden teurer.

Zwar hat in dem Land nach der Geburt eines Kindes jeder Elternteil einen persönlichen, nicht übertragbaren Anspruch von zwei Monaten bezahlten Elternurlaub. Die restlichen 12 Monate lassen sich nach Belieben zwischen den Eltern aufteilen - dabei bleiben aber vor allem Frauen daheim. Gewerkschaften setzen sich deshalb dafür ein, Elternzeit nicht ganz so lang und flexibel zu handhaben: Die Karriere von Frauen soll weniger beeinträchtigt werden. Verkehrte Welt - in Deutschland ist es andersherum.

Dabei lobt die EU die Beschäftigungsquoten von Frauen und Müttern in Schweden, die zu den höchsten in der Europäischen Union zählen. "Ich habe drei Kinder, ich habe immer Vollzeit gearbeitet", erzählt die Juristin Eva Häußling, die das Buch "Arbeitsrecht in Schweden" vor allem für die vielen deutschen Unternehmen in dem nordeuropäischen Staat verfasst hat. Eltern haben das Recht, pro Kind und Jahr bis zu 120 Tage zu Hause zu bleiben. Dafür gibt es 80 Prozent des Gehalts, maximal 105 EUR pro Tag, von der staatlichen Sozialversicherung, der Arbeitgeber wird nicht belastet.

Die Kinderbetreuung ist vorbildlich in Schweden. Entsprechend arbeiten viele Mütter. Kinder hätten auch wenige Spielkameraden, denn mehr als die Hälfte der über Eineinhalbjährigen werden in staatlichen Einrichtungen betreut - deren Gebühren sich für das erste Kind in den vergangenen Jahren halbiert haben. "Eltern müssen dabei das Gefühl haben, dass professionell arbeitende Menschen sich um ihre Kinder kümmern", sagt Jessica Petrini vom Ingenieurdienstleister Sweco und selbst Mutter zweier Kinder im Alter von fünf und neun Jahren. Wer sich um fremde Kinder kümmert und dafür eine bezahlte Arbeit aufgibt, erhält Elterngeld.

Doch Probleme gibt es auch in Schweden: Männer verdienen mehr als Frauen in vergleichbaren Positionen. Dabei sind Frauen besser, wie Edel Karlssohn Håål vom Arbeitgeberdachverband berichtet. "Mädchen haben bessere Noten und sind besser ausgebildet. 65 Prozent der Hochschulabgänger sind weiblich." Unternehmen müssten attraktiv für Frauen sein, um Mitarbeiterinnen zu bekommen. Aber noch immer gibt es mehr Männer als Frauen in Führungspositionen - trotz der nur 35 Prozent männlichen Abgängern an Universitäten. Grund ist laut Håål, dass Frauen mehr Teilzeit arbeiten, weniger für gutbezahlte technische Berufe übrig haben und sich eher für regionale Arbeitgeber interessieren, Männer setzen auf internationale Unternehmen. In Schweden fehlt der Mittelstand fast vollständig, über 90 Prozent aller Unternehmen haben weniger als 10 Mitarbeiter. Zudem ist das Bild durch die vielen Jobs, die ein Studium voraussetzen, verzerrt: Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen müssen an die Uni.

Gleichwohl nähern sich die Kurven von Männern und Frauen im Management an, wohl auch, weil die Politik mit einer 40-Prozent-Quote von Frauen droht.

Die deutschen Delegierten diskutieren darüber, dass es auch im Wohlfahrtstaat Schweden Probleme gibt. Für großes Erstaunen sorgt etwa die hohe Jugendarbeitslosigkeit von 20 Prozent. Als Gründe werden den deutschen Vertretern die zögerliche Einstellung von Studenten genannt. "Das ist ja südeuropäisches Niveau", staunt Schmid.

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11.02.2016, 08:35 Uhr

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