Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Stolpersteine erinnern an das Schicksal einstiger jüdischer Mitbürger
Diese drei Steine erinnern an das Schicksal der Familie Esslinger, die in der heutigen Gutermannstraße lebte.
Gegen das Vergessen

Stolpersteine erinnern an das Schicksal einstiger jüdischer Mitbürger

Unter großem Interesse der Bevölkerung hat Gunter Demnig am Samstag in Horb, Mühringen, Nordstetten und Rexingen Stolpersteine vor den einstigen Besitztümern jüdischer Mitbürger verlegt, die vor 70 Jahren als Erste in die Vernichtungsmaschinerien der Nationalsozialisten deportiert wurden.

28.11.2011

Horb. Mit der Verlegung der Stolpersteine soll die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfer im deutschen Faschismus lebendig gehalten werden, sagte Gunter Demnig. In Gesprächen mit Überlebenden und Nachgeborenen und in enger Zusammenarbeit mit Historikern hat Demnig die ehemaligen Wohnorte der Deportierten rekonstruiert. Vor den jeweiligen Adressen werden die Stolpersteine plan in den Bürgersteig eingesetzt. Sie sind aus Beton gegossen und tragen an der Oberseite eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafel, in die der Kölner Künstler mit Hammer und Schlagbuchstaben die Überschrift „Hier wohnte“ und darunter den Namen, den Jahrgang und das weitere Schicksal jedes Menschen einstanzt. Die Schrift bleibt unauslöschlich in das Metall geprägt.

Seinen Ausgang nahm das Stolpersteine-Projekt 1996 in Berlin, wo der gebürtige Berliner Demnig in der Oranienstraße in Kreuzberg 55 Steine – zunächst illegal – verlegt hatte. Inzwischen sind Stolpersteine zwischen Flensburg und Freiburg und zwischen Aachen und Zwickau zu finden. Doch die Vision des 61-Jährigen geht noch weiter: Er will seine Stolpersteine auch zwischen Oslo und Rom, zwischen Rotterdam und der Ukraine verlegt sehen. Vor dem Hause in der Gutermannstraße 7, der früheren Schulstraße, das bis zu ihrer Deportation der angesehenen Horber Familie Esslinger gehörte, wurden die ersten drei Stolpersteine in Horb verlegt. Sie erinnern an Viktor, Alice und Helmut Esslinger.

Heinz Högerle vom Rexinger Synagogenverein, der seit gestern und noch bis zum 18. Dezember in der ehemaligen Synagoge in Rexingen in einer Ausstellung unter dem Titel „Die Nachbarn werden weggebracht“ an das Schicksal der vor 70 Jahren Deportierten erinnert, freute sich in seiner Begrüßung besonders über das Kommen von Oberbürgermeister Peter Rosenberger, einiger Stadträte und vieler Horber Bürger. Aus Shavei Zion in Israel war der 81-jährige Amos Fröhlich gekommen. Dieser Ort wurde von emigrierten Rexinger Juden gegründet. Gekommen waren auch Schüler des Martin-Gerbert-Gymnasiums, die in einer Arbeitsgemeinschaft das Schicksal deportierter Juden weltweit recherchierten und somit halfen, Licht in einzelne Biografien zu bringen. Franziska Bayreuther und Maximilian Henning umrahmten die Stolperstein-Aktion musikalisch.

OB Rosenberger erinnerte in seinem Grußwort an die große frühere jüdische Geschichte in Horb und Umgebung und zeigte sich berührt, dass nun auch in Horb in dieser Form an das Schicksal der einstigen jüdischen Mitbürger erinnert wird. „Wir brauchen kleine Mahnmale, um aufzuzeigen, hier ist etwas und hier war etwas“, sagte das Stadtoberhaupt. Rosenberger dankte der Jugend für ihren Einsatz bei der biografischen Aufarbeitung der einzelnen Schicksale sowie Barbara Staudacher und Heinz Högerle vom Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen für ihr unermüdliches Engagement. Es sei unbegreiflich und unvorstellbar, dass vor über 70 Jahren von der damals gegenüber dem Haus von Viktor Esslinger gelegenen Horber Oberschule aus Steine auf jüdische Kinder geworfen wurden, sagte Rosenberger. Sein sinnbildlicher Wunsch: „Hoffentlich stolpern viele darüber.“ Im übrigen freute sich der OB darüber, dass mit Ida Klier die Mutter einer der heutigen Hauseigentümerinnen bei der Stolperstein-Verlegung mit dabei war.

Barbara Staudacher ging auf die Geschichte von Viktor, Alice und Helmut Esslinger ein, die in der Gutermannstraße 7 lebten und arbeiteten. Ab dem Sommer 1941 wurden fast alle noch in Horb, Nordstetten und Mühringen lebenden jüdischen Männer, Frauen und Kinder nach Rexingen zwangsumgesiedelt, wo sie bis zur Deportation zusammen mit den zurückgebliebenen jüdischen Rexingern in großer Not und Isolation lebten, darunter auch Viktor, Helmut und Alice Esslinger. Zusammen mit 53 Menschen zwischen fünf und 63 Jahren wurden sie am Morgen des 28. Dezember 1941 auf den Horber Bahnhof gebracht. Vor ihrer Abfahrt mussten sie sich einer Leibesvisitation unterziehen, denn sie durften bis auf ihre Eheringe keine Wertsachen oder Geld bei sich haben. Die Gestapo hatte in einem dreiseitigen Erlass „betr. Abschiebung von Juden“ an die Landräte und Polizeidirektionen genauestens geregelt, wie die Deportation zunächst zum „Sammellager“ auf dem Stuttgarter Killesberg regional zu organisieren war. Über die letzten Monate der kleinen Familie ist nichts bekannt.

„Die Zahlen wirken abstrakt, deshalb sollen sie am Schicksal Einzelner festgemacht werden“, sagte der Künstler Gunter Demnig angesichts sechs Millionen von den Nazis ermordeter Menschen. Sein Kampf gegen das Vergessen seit 1993 blieb nicht ohne Wirkung: „In den letzten elf Jahren habe ich drei Morddrohungen erhalten. Aber damit kann ich leben.“ Nach der Stolperstein-Verlegung in Horb folgten noch weitere in Nordstetten, Mühringen sowie neben der Schule in Rexingen, wo in dem inzwischen abgerissenen Haus einst Verwandte von Amos Fröhlich wohnten. In Rexingen waren auch der Europaabgeordnete und Vorsitzende des Rexinger Synagogenvereins, Michael Theurer, sowie der Landtagsabgeordnete Dr. Timm Kern und der kommissarische Rektor der Rexinger Grundschule, Norbert Schatz, dabei.

Stolpersteine erinnern an das Schicksal einstiger jüdischer Mitbürger
Viele Bürger kamen zur Verlegung der ersten Stolpersteine in Horb. Sie erinnern an die Vertreibung und Vernichtung jüdischer MitbürgerBilder: Kuball

Stolpersteine erinnern an das Schicksal einstiger jüdischer Mitbürger
Für seine Gedenkaktion hat der Kölner Künstler Gunter Demnig bereits Morddrohungen erhalten.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.11.2011, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
Heute meist gelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil


In der aktuellen Ausgabe des Business-Magazins Wirtschaft im Profil : Mode, Marken, Macher: Wo Ästhetik und Hightech sich treffen
Bildergalerien
Videos
Sie haben Fragen zu unserem neuen Bezahlsystem? Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten für Sie zusammengestellt.
Single des Tages
date-click