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Ein anderer Blick auf Israel

Studienreisen der Bundeszentrale für politische Bildung klären seit 50 Jahren auf

Vor dem Botschafter kamen die Multiplikatoren. Die Bundeszentrale für politische Bildung organisiert seit 1963 Studienreisen nach Israel. In 50 Jahren ließen sich 7300 Teilnehmer informieren und irritieren.

02.05.2013
  • von HANS GEORG FRANK

"Ein Jahr ohne Israel ist ein verlorenes Jahr", formuliert Ulrich Dovermann einen Satz wie in Stein gemeißelt. Der Fachbereichsleiter bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) steht vor seinem elften Flug ins "Heilige Land". In einem Berliner Hotel stimmt er zwei Dutzend so genannter Multiplikatoren auf eine Exkursion der Extraklasse ein. Die Pädagogen, Institutsleiter, Theologen und Medienleute mussten sich vor dem Abflug nach Tel Aviv zu einem vorbereitenden Seminar einfinden. Jetzt werden sie mit der Absicht des Reiseleiters konfrontiert. "Unser erklärtes Ziel ist, dass Sie verwirrter zurückkommen, als Sie hingefahren sind", sagt Dovermann, "wir wollen keine weichgespülte Reise, alle sollen erleben, wie Israel wirklich ist."

Seit 50 Jahren organisiert die bpb diese Expeditionen in den Nahen Osten. 1963, zwei Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, wagte die Bonner Institution das Experiment. 30 Teilnehmer waren ausgesucht worden, um gerademal 18 Jahre nach Ende des Holocausts gleichsam in halboffizieller Mission im "Judenstaat" vorstellig zu werden. Die Bundeszentrale gilt seither als "Vorreiter der Verständigung" zwischen beiden Ländern. Seither hat sich die Absicht nicht geändert: Multiplikatoren sollen ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke bei der Arbeit weitergeben, um Vorurteile auszuräumen.

"Intensive Einblicke in Israels politische und kulturelle Vielfalt vor dem Hintergrund seiner historischen Prägung und seiner mulitethnischen Gesellschaft" sollen diese Begegnungen ermöglichen, heißt es in der Vorgabe. Eine zentrale Rolle spielt dabei noch immer die "historische Verantwortung für die während des Nationalsozialismus verübten Verbrechen". Aber inzwischen hat auch die Information über die Lage der Palästinenser ihren festen, wenngleich bescheidenen Platz im dichten Tagesprogramm aus Diskussionen, Exkursionen, Vorträgen, Filmvorführungen, Besichtigungen. Bisweilen bricht der allwissend-fürsorgliche Guide schon morgens um sieben auf, die letzte Diskussion mit einer spröden Regisseurin endet abends nach zehn. Von einer staatlich geförderten Lustreise kann keine Rede sein.

Die Teilnehmer sollen an Ort und Stelle ihr Israelbild überprüfen. Das lässt die Gäste immer wieder staunen - ein Staunen, das mit jedem Gespräch stärker wird und oftmals in Verstörung endet. Leicht verliert man sich in einem Dschungel aus Informationen mit geschickt weggelassenen Details, sehr persönlichen Sichtweisen, einem Angebot an klug dosierten Wahrheiten, einer enormen Vielfalt an gravierenden Widersprüchen und verwirrenden Gegensätzen.

Erscheint daheim der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern in einer Zwei-Staaten-Regelung ziemlich einfach, so stellt sich in Jerusalem heraus, dass schon der Kampf gegen streunende Katzen ein unlösbares Problem darstellt, weil eine Kastration nach Ansicht frommer Juden einem unerlaubten "Eingriff in die Schöpfung" gleichkommt.

Die Bundeszentrale kann zurückgreifen auf kompetente, authentische Partner, die "manchmal schwer zu ertragen" sind, wie Dovermann einräumt. Doch zu seiner Strategie der "Verwirrung auf höherem Niveau" passen sie bestens. Das gilt auch und ganz besonders für die Tour, die erstmals - anstatt der üblichen Rundreise - nur einer Stadt und einem Thema gewidmet ist: "Jerusalem - Schlüssel oder Hindernis zum Frieden?"

Zwischen Jordan und Mittelmeer - nach Überzeugung des in Haifa geborenen und in Düsseldorf aufgewachsenen Journalisten Gil Yaron "das schönste Krisengebiet der Welt" - ist der Dauerpragmatismus zuhause. "Fakten spielen keine Rolle, wichtig ist allein, was die Menschen betrifft", weiß Yaron aus Erfahrung. Überfällige Entscheidungen werden vertagt, weil der Status quo als erträglich gilt. "Die Israelis glauben nicht, dass sie ein Problem mit den Palästinensern haben, für sie existieren wir gar nicht", glaubt der Soziologe und Hamas-Abgeordnete Epiphan Bernard Sabella aus Ost-Jerusalem. David Witzthum, TV-Journalist aus Petach Tikva, hat festgestellt, "das Wort Frieden" wird fremder und fremder im israelischen Politiklexikon". Große Aufregung herrsche deshalb aber nicht: "Die Wirtschaft ist ja stabil und das Wetter ist nicht schlecht."

Der Jude Ron ist seit 13 Jahren befreundet mit dem Moslem Fuad. In ihrer Wahrnehmung und Wortwahl gibt es dennoch Unterschiede, wenn man sie vor dem 748 Kilometer langen und bis zu zwölf Meter hohen "Security Barrier" trifft. Für den Israeli ist es ein "Zaun", der Palästinenser sieht eine "Mauer". Für Ron hat sich dank dieses "Akts der Verteidigung" die Sicherheit verbessert, Fuads Schwiegermutter (75) in Jericho kann deswegen nicht mehr zu Besuch in den Jerusalemer Vorort Tsur Baher kommen. "Ewige Sicherheit bringt nur der Frieden, keine Mauer", sagt Fuad. "Aber was ist mit Al-Kaida", fragt Ron, Oberst der Reserve.

Daniel Marks ist in London geboren, seit 1984 lebt er in Maale Adumim mit 40 000 Siedlern im besetzten Gebiet östlich von Jerusalem. Hier fühlt er sich "sicherer als in London" und träumt von einer Grenze "weit weg in Jordanien". Mohamed Nabulsi vom "Komitee gegen Häuserzerstörung" zeigt, dass Palästinenser jüdische Expansion mitten in Jerusalem fürchten müssen, wenn sie mitten in der Nacht rausgeworfen werden.

Die bpb verfügt über ein engmaschiges Netz an Kontaktpersonen zwischen See Genezareth und Rotem Meer. Bei der Auswahl lässt sie sich keine Vorschriften machen. "Wir legen großen Wert darauf, dass wir die Verantwortung und Entscheidungshoheit bei der Programmgestaltung haben", betont Waltraut Arenz, die seit 20 Jahren diese Reisen organisiert. Die Israelis haben sich offenbar mit dieser Selbstständigkeit abgefunden. Es sei "längst Geschichte", sagt Arenz, dass es "eine kurze Debatte" gegeben habe über die Treffen mit Palästinensern. Henry Kissinger, US-Außenminister von 1973 bis 1977, hat schon vor vielen Jahren erkannt, was unverändert zu gelten scheint: "Der Nahost-Konflikt lässt sich nicht lösen, er lässt sich nur verwalten." Doch der Politiker Sabella, der so gerne zwischen Verhandlungen in Straßburg zum Baden nach Baden-Baden kommt, bezeichnet die Gegenwart als "Tragödie". Und wie sieht die Zukunft aus? "Wir werden weiter in diesem Land leben, weder werden wir die Israelis davonjagen noch sie uns", betont der Palästinenser, "denn wir sind nicht nur Feinde, wir sind auch Nachbarn."

Studienreisen der Bundeszentrale für politische Bildung klären seit 50 Jahren auf
Eine Frage der Perspektive: Schützt die Mauer an der Grenze zum Westjordanland Israel vor Terroristen oder hindert sie Palästinenser, Waren zu exportieren? Foto: dpa

Die Bundeszentrale für politische Bildung wurde 1952 gegründet, damals hieß sie noch „für Heimatdienst“ und sollte zur Demokratie erziehen. Den heutigen Namen trägt sie seit 1963, sie gehört zum Innenministerium. Laut Erlass von 2001 hat die bpb mit ihren rund 220 Mitarbeitern „Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zu politischer Mitarbeit zu stärken“. Dazu tragen auch Publikationen und Veranstaltungen bei.

Die Studienreisen dienen der Weiterbildung, die Kosten werden zur Hälfte von der bpb übernommen. Weil das Interesse meist größer ist als die Gruppenstärke, werden die Teilnehmer ausgewählt. Ziele sind außer Israel auch Mittel- und Osteuropa. hgf

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02.05.2013, 12:00 Uhr

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