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Sex zu Dumpingpreisen

Stuttgart: Bordellbetreiber wirft Stadt Tatenlosigkeit im Kampf gegen Armutsprostitution vor

Ein Bordellbetreiber hat in einer Stellungnahme seinem Unmut Luft gemacht. Die Stadt nütze nicht die Werkzeuge gegen Armutsprostitution. Ein ämterübergreifendes Konzept sei nicht notwendig.

28.01.2013
  • SEBASTIAN STEEGMÜLLER

Stuttgart Die Zustände auf dem Straßenstrich sind verheerend. Die Frauen erhalten kaum Geld, nutzen selten Kondome. Zudem werden sie von einer aggressiven Zuhälterszene unter Druck gesetzt. Die Folge: Sie verarmen und geraten in einen "Teufelskreis, aus dem sie nur schwer herauskommen", sagt SPD-Fraktionsvorsitzende Roswitha Blind. Auch in vielen illegalen Etablissements sieht es nicht viel besser aus: Sex für unter 20 Euro ist dort schon an der Tagesordnung. "Und die Problematik nimmt täglich zu. So kann es nicht weitergehen."

Unterstützung erhält Blind dabei von ganz anderer Seite - von einem Betreiber dreier legaler Bordelle. Nicht ohne Eigennutz, denn die Armutsprostitution schadet den sauberen Häusern. "Es ist wirklich unglaublich, wie rotzfrech Freier mittlerweile am Eingang verhandeln. Sie fordern Geschlechtsverkehr zu Dumpingpreisen, am liebsten ohne Verhütung", so der Inhaber. Er fragt sich, warum seit Jahrzehnten nichts passiert. In seinem siebenseitigen Schreiben an die Stadtverwaltung nennt er konkrete Zahlen: Nur fünf Bordelle und drei Animierbars im Stadtzentrum seien genehmigt.

Aber alleine im Leonhardsviertel gebe es mehr als 25 illegale Häuser und 64 Terminwohnungen. "Die Dunkelziffer ist sicherlich noch um einiges größer. Für mich unverständlich, seit 1984 hat das Baurechtsamt mit dem derzeit geltenden Baurechtsplan die hervorragende Grundlage, um illegale Betriebe zu schließen."

Ganz so einfach sei dies jedoch nicht, erklärt Baubürgermeister Matthias Hahn. "Wir üben einen großen Druck in diesem Bereich aus, gehen auch zivilrechtlich gegen die entsprechenden Betriebe vor." Doch diese Prozesse würden eben Zeit in Anspruch nehmen, da sich die Betroffenen mit Händen und Füßen wehren. Es gebe aber eine breite Front gegen die illegalen Bordelle, die man neben dem Rechtsweg unter anderem mit dem Rückkauf von Häusern um mehr als die Hälfte reduzieren möchte.

Des Weiteren wolle man mit einem neuen Beleuchtungskonzept und einer Schrankenregelung im Leonhardsviertel den Straßenstrich in den Griff bekommen. "Das Thema ist schwierig, aber wir sind dran", verspricht Baubürgermeister Hahn.

Roswitha Blind sieht das ähnlich, räumt aber auch Versäumnisse von Seiten der Stadt ein. Sie geht mit den Verantwortlichen jedoch nicht so hart ins Gericht wie der Bordellbetreiber. "Ich habe Verständnis, den Ämtern fehlt es an Personal, die Möglichkeiten sind damit eingeschränkt."

Der Bericht der Verwaltung zur aktuellen Situation der Prostituierten sei dennoch "alarmierend", so die einhellige Meinung der Sozialdemokraten im Rathaus. Angesichts gewalttätiger Übergriffe auf die Frauen durch Freier und Zuhälter, der Zunahme des Straßenstrichs und der gesundheitlichen Gefahren, kommen die Lokalpolitiker zu dem Schluss, dass seitens der Stadt eine gewisse Hilflosigkeit in Anbetracht der Situation bestehe. Zwar lägen gesetzliche Regelungen zur Prostitution überwiegend in der Verantwortung des Bundes, "jedoch darf und kann die Politik in Stuttgart und im Land nicht länger zuschauen".

Blind räumt ein, dass sich die Liberalisierung doch nicht als so sinnvoll erwiesen hat. "Vielleicht ist ein stringenterer Kurs sinnvoll, um das Ganze in geordnete Bahnen zu bekommen." In einem Antrag hat die SPD die Verwaltung deshalb aufgefordert, zu handeln. So sollen bereits in der Sitzung des Sozialausschusses am 28. Januar Vertreter von Ordnungsamt und Polizei zur aktuellen Situation der Prostituierten aus ordnungspolitischer Sicht Auskunft erteilen.

Mit in die Diskussion einbezogen werden, sollen auch die Erkenntnisse aus dem Runden Tisch und dem Unterausschuss zur Situation im Leonhardsviertel. "Wir wollen aber nicht, dass nur eine Bestandsaufnahme stattfindet, sondern man an konkreten Lösungen arbeitet", so Blind.

Darüber hinaus fordert die SPD, dass unter der Federführung des Gesundheitsamtes ein Konzept erarbeitet und auf dessen Grundlage eine "ämterübergreifende Einsatzgruppe" gebildet wird, die in Zukunft "schlagkräftig gegen Kriminalität und menschenunwürdige Bedingungen" im Rotlicht-Milieu vorgeht.

Stuttgart: Bordellbetreiber wirft Stadt Tatenlosigkeit im Kampf gegen Armutsprostitution vor
Die Straßen- und Armutsprostitution in Stuttgart nimmt zu. Am kommenden Montag nimmt sich der Sozialausschuss dem Thema an. Foto: dpa

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28.01.2013, 12:00 Uhr

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