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Politisches Buch

Terrorzentrale im "Hotel Silber"

Es ist kaum zu glauben: Erst jetzt, 80 Jahre nach der Entstehung des Nazi-Regimes, liegt ein Buch vor, das sehr umfassend über das zentrale Herrschaftsinstrument des Nazi-Staates, die Geheime Staatspolizei ("Gestapo"), und ihre Akteure informiert. Und zwar nicht über die Gestapo irgendwo im Deutschen Reich, sondern in unserer Region, in Württemberg (1939 etwa 2,9 Millionen Einwohner).

31.01.2013
  • SILVESTER LECHNER

Warum erscheint solch ein Buch erst jetzt? Der wichtigste Grund ist sicher, dass in den letzten Tagen des Regimes die belastenden Unterlagen der württembergischen "Stapo-Leitstelle" in Stuttgart (im Deutschen Reich gab es etwa 50 davon), aber auch die der anderen "Stapo- Außenstellen" in Aalen, Friedrichshafen, Ellwangen, Schwäbisch Hall, Heilbronn, Oberndorf, Tübingen und Ulm systematisch vernichtet wurden.

Aber: Da der NS-Terror in "guter" deutscher Tradition auch eine gute Verwaltung hatte, entstanden viele Unterlagen in mehrfacher Ausfertigung und sind - verstreut über zahlreiche Archive - erhalten geblieben. Das bedeutet, dass das sechsköpfige Autorenteam eine gewaltige Puzzle-Arbeit zu leisten hatte, die es auf historisch seriöse und gut lesbare Weise gelöst hat.

Die Gestapo war zwar personell eine kleine Behörde (in ganz Württemberg etwa 300 Beamte und Mitarbeiter), aber prinzipiell verwoben mit sämtlichen Behörden und anderen gesellschaftlichen Institutionen(allen voran der SS). Selbst die Mitglieder der "Hitlerjugend" waren bis in die eigene Familie hinein verpflichtet, Auffälligkeiten zu melden, die in Ideologie und Alltagspraxis dem Regime nicht entsprachen.

Die Gestapo lebte also vom Prinzip der massenhaften Denunziation, was ein Grund dafür sein könnte, dass das Schweigen über Jahrzehnte anhielt. Dazu gehört auch das Faktum, dass die Strafverfolgung der Gestapo-Angehörigen nach 1945 minimal war, ja 152 von ihnen 1959 wieder im Dienst des Landes tätig waren.

Als Haftstätten hatte die Gestapo, jenseits der Justiz, Konzentrationslager und "Arbeitserziehungslager" zur Verfügung. Die Stuttgarter Zentrale der "Politischen Polizei" Württembergs war seit 1928 das "Hotel Silber" in der Dorotheen-Straße. Es behielt den Namen zynischerweise auch als Nazi-Terrorzentrale. Heute steht das Gebäude noch, vor dem Abriss gerettet von einer Bürgerinitiative, die den "Tatort" zu einem Gedenkort machen will. Auch dafür ist das Buch eine hervorragende Grundlage.

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hrsg.): Die Gestapo in Württemberg und Hohenzollern. Schmetterling-Verl. 475 S, 29,80 Euro.

Terrorzentrale im "Hotel Silber"

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31.01.2013, 12:00 Uhr

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