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Leistungsdefizite bei Männern

Ursachenaufdeckung bei 13. „Tonbacher Gesprächen“ durch Kriminologen

Auf Einladung des Hotel Traube Tonbach referierte Prof. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, über die Ursachen und Auswirkungen der Leistungskrise bei jungen Männern. „Wie retten wir unsere Söhne?“ lautete die spannend formulierte Fragestellung der 13. „Tonbacher Gespräche“.

15.05.2012
  • MONIKA SCHWARZ

Tonbach. „Es ist ein Thema, das nicht nur Eltern, sondern die ganze Gesellschaft beschäftigt“, sagte Patron Heiner Finkbeiner, als er am Sonntag seine Gäste, darunter namhafte Vertreter aus Wirtschaft und Politik, in illustrer Runde begrüßte. Der ehemalige Wirtschaftsminister Walter Döring moderierte in bewährter Manier die Veranstaltung – zwischen Sektempfang im Freien und einem lukullischen Sechs-Gänge-Menü.

Pfeiffer hat festgestellt, dass ausgerechnet die Bezieher von Hartz IV die meisten Fernsehgeräte in der Wohnung haben. Der Kriminologe hat den Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Missbrauch durch Priester klar verneint und sich dagegen ausgesprochen, dem norwegischen Massenmörder Breivik eine Plattform durch die TV-Übertragung der Verhandlung zu schaffen. Heiner Finkbeiner notierte einige der Themen, zu denen sich der Gastredner in jüngster Zeit öffentlich äußerte.

Den nachlassenden Leistungen junger Männer haben sich Pfeiffer und die Mitarbeiter seines Instituts in umfassenden Untersuchungen gewidmet und dabei Ursachenforschung betrieben. Erkenntnis: Schuld daran ist nicht etwa eine Feminisierung, wie von der Politik bisweilen propagiert, sondern die lange Dauer, die vor dem Fernseher und mit Computerspielen verbracht wird. Je brutaler dabei die Inhalte, umso schlechter die Schulnoten, lautet das fast schon erschreckend einfache Fazit. Warum dieser Effekt nicht gleichermaßen beim Lesen einer brutalen Geschichte passiert, erklärt Pfeiffer so. „Wenn wir lesen, dann entwickeln wir Bilder, die von innen nach außen dringen, so, dass die Seele im Gleichgewicht bleibt. Vorstellungen gehen dann nur so weit, wie man sie auch verkraften kann.“ Neben Zeitfaktor und dem Inhalt der Computerspiele spielten persönliche Krisen oder ein generelles „zu kurz kommen“ im Leben auch eine Rolle. Wolle man den Betroffenen jenseits einer Therapie helfen, dann müsse man alternativ etwas bieten, das mindestens genauso spannend ist wie das Computerspiel.

In diesem Kontext plädierte Pfeiffer für die flächendeckende Ausbreitung der Ganztagesschulen nach dem Motto „Lust auf Leben wecken“. Sport, Musik, Theater – all diese Angebote, attraktiv und von engagierten Lehrern dargeboten, könnten helfen, die Suchtgefahren beim Computerspiel zu verringern. Entsprechende Erfahrungen habe sein eigener Sohn in Neuseeland mit dem dortigen Schulsystem gemacht. Genauso wichtig sei Bewegung, weil sie dafür sorgt, dass sich die Denkfähigkeit durch Vernetzung der Synapsen im Kopf verbessert. Aus diesem Grunde sollten die Sportstunden auch morgens und nicht erst am Nachmittag stattfinden. „Weniger pauken, mehr bewegen“, lautet Pfeiffers didaktische Empfehlung. Bei der Bereitstellung eines solchen Angebots sieht er die Schulen in der Pflicht.

Kritik erntet hier die Länderzuständigkeit für die Bildungspolitik und die Verwendung des Kinder-oder Betreuungsgelds, das sinnvoller für den qualitativen Ausbau der Bildungseinrichtungen verwendet werden sollte. Auch Erzieher/innen und Lehrer/innen an Grundschulen müsse man besser ausbilden und bezahlen („Die sind so wegweisend für die Biographie von Kindern!“). Gefordert seien letztlich aber auch die Väter, die den eigenen Sohn im Vergleich zur Tochter noch viel zu selten in den Arm nehmen. Dabei sei gerade der körperliche Kontakt zum Vater so wichtig – auch für den späteren Erfolg.

Ursachenaufdeckung bei 13. „Tonbacher Gesprächen“ durch Kriminologen
13. Tonbacher Gespräche im Hotel Traube Tonbach: Renate und Heiner Finkbeiner mit ihrem Gastreferenten in der Mitte, Prof. Christian Pfeiffer. Bilder: mos

Ursachenaufdeckung bei 13. „Tonbacher Gesprächen“ durch Kriminologen
Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus und Ex-Wirtschaftsminister Walter Döring im Plauder-Gespräch.

Prof. Christian Pfeiffer kam 1952 nach Westdeutschland und studierte nach dem Abitur von 1965 bis 1971 Rechtswissenschaften und Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und an der London School of Economics and Political Science. 1984 promovierte er mit dem Thema „Kriminalprävention im Jugendgerichtsverfahren“. Seit 1988 ist Pfeiffer Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.
Von 1985 bis 1997 war er zudem Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen. 1985 wurde er auf eine Professur für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzugsrecht an die Universität Hannover berufen. Von Dezember 2000 bis Februar 2003 war das SPD-Mitglied Pfeiffer Justizminister des Landes Niedersachsen.
Schon frühzeitig engagierte er sich für den Täter-Opfer-Ausgleich und forschte in den Bereichen Viktimisierungsverfahren, soziale Kontrolltheorien und Medienverwahrlosung.

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15.05.2012, 12:00 Uhr

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