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Weite, Glück & Wind

Was die Natur zur Gesundung Kranker beitragen kann

Wellness-Wald, Entspannungsgarten, literarischer Waldspaziergang und nun noch – Landschafts-Therapie. Acht junge Frauen sind seit Freitag zertifizierte Landschafts-Therapeutinnen. Die ersten ihrer Art. Konzipiert hat die Ausbildung der Naturpädagoge Olfert Dorka.

31.10.2011
  • von DORIS WEGERHOFF

Freudenstadt. Sechs mal Landschafts-Therapie, bitte. Diesen Rezept-Wunsch wird der Hausarzt kaum so bald erfüllen können. Doch ist es für Erhard Balle von der hiesigen AOK durchaus denkbar, dass Landschafts-Therapie in den Vorsorgekatalog der Kasse aufgenommen und angeboten wird.

„Die bewusste Wahrnehmung von Landschaft ist gewiss segensreich für den Menschen. Da stecken Chancen drin“, sagte er am Freitag im Kurhaus bei der Festveranstaltung zum Thema Landschafts-Therapie. In deren Mittelpunkt stand die Verleihung der Zertifikate an die ersten Absolventinnen einer von Olfert Dorka konzipierten, zwölfmoduligen Ausbildung, die über drei Jahre berufsbegleitend läuft (siehe weiteren Artikel).

Denn inzwischen sei wissenschaftlich belegt: „Wenn die Beziehung zur Natur verloren geht, leiden unsere Seele und unser Körper. Wir werden krank.“ Somit sieht Dorka in der Zusatzqualifikation „Landschafts-Therapeut/in“ auch einen notwendigen, aktuellen Beitrag zur Senkung von Kosten im Gesundheitswesen.

Was AOK-Mann Balle noch in weiter Ferne sah, nämlich Landschafts-Therapie auf Rezept, wird in der Schweiz bereits praktiziert. Victor Condrau, Landschaftsarchitekt und Dozent an der Hochschule für Technik Rapperswil, berichtete der Festversammlung von dem Forschungsfeld „Gesundheit und Landschaft“ und dessen praktischer Umsetzung. In den verschiedensten Projekten mit jungen wie mit alten Menschen habe sich gezeigt, dass der Aufenthalt in der Natur, landschaftspflegerische Tätigkeiten und Gestalten mit Naturmaterialien die gesundheitlichen Ressourcen stärkt, weil alle Sinne angesprochen werden. Sein Fazit: „Natur und Landschaft sind die beste Therapie.“

Zu gleichgelagerten Erkenntnissen gelangte auch der Psychologe Reinhard Schober aus Bad Bertrich in der Südeifel. Ausgehend davon, dass viele Erkrankungen aus seelischen Defiziten resultieren, konzipierte er für das Land Rheinland-Pfalz den 1. Landschaftstherapeutischen Park Europas. Derzeit im Bau und mit EU-Mitteln gefördert, wird er im Frühjahr 2012 eröffnet. Er erläuterte sein Konzept der sieben, thematisch unterschiedlichen Gesundheitsgärten, die den Park ausmachen.

Seines Erachtens braucht der Mensch „mehrere Impulse, um auf Betriebstemperatur zu kommen“. Alle jedoch verfolgten das Ziel, den „Freudepegel zu heben“. Ein für ihn ganz wichtiger Aspekt. „Das Leben erwartet Dich“, steht somit auch als Einladung auf dem Eingangstor des Parks.

Dass Landschaft „ein Erlebnisraum für die Seele“ ist und daher therapeutisch wirkt, steht für Prof. Gerhard Trommer, ehemals an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main lehrend, außer Frage. Landschaft zwinge zum Schweigen, zur Aufmerksamkeit, sie biete Interpretations-„Spiel“-Räume und sei seelischer Resonanzraum für Eindrücke. Auf unzähligen Wanderungen mit Studenten habe er das erleben und beobachten können.

Dem heutigen „domestizierten“ Menschen könne er nur empfehlen, „‚rauszugehen aus der Designwelt und sich des Lebens draußen zu versichern“. Denn in Kontakt zu kommen mit der Natur und sie in sich einziehen zu lassen, „ist Medizin für unsere Gesellschaft“, so sein Credo.

Albert Schwarz, Freiburg, referierte über die „heilsame Begegnung mit Pflanzen“, und Olfert Dorka verlas den Vortrag des Theologen Dr. Reinhard Deichgräber, der abwesend war. Ohne elementare Naturerfahrungen aufzuwachsen – wie heute schon häufig der Fall – führt nach Meinung Deichgräbers zwangsläufig zu einer Verkümmerung der Sinne, zu einem Verlust von Ehrfurcht und generell zur Verarmung. Hier sah er das Betätigungsfeld der Landschafts-Therapeuten liegen. Denn „ein Tag voll Weite, Glück und Wind, das kann Landschaftstherapie sein“.

Balancetrainer Eckhard Sültemeyer, Karlsruhe, setzte musikalisch Akzente und Sozialpädagogin Sybille von Eisenhart Rothe, Sozia von Olfert Dorka bei der Ausbildung, führte durch die Veranstaltung.

Was die Natur zur Gesundung Kranker beitragen kann
„Schaut Sie Euch an: So sehen Landschaftstherapeutinnen aus!“, sagte ein strahlender Olfert Dorka am Freitag im Kurhaus Freudenstadt. Gemeinsam mit Sybille von Eisenhart Rothe (links) hat er sie ausgebildet. Das sind (von links) Lissy Mutschler (Betzweiler), Annette Söllner (Dornstetten), Nicole Gaiser (Kniebis), Gisela Möhrle (Freudenstadt), Sabine Huck (Steinach), Anne Sternagel (Dornstetten) und Simone Heizmann (Hausach). Auf dem Foto fehlt Simone Falkenberg (Stuttgart). Bild: dow

Die berufsbegleitende, drei-jährige Ausbildung „Landschafts-Therapeut/in“ wird von Olfert Dorka gemeinsam mit Sybille von Eisenhart Rothe seit 2008 geleitet. Ihnen zur Seite steht ein großes Team von Ausbildern und Referenten aus unterschiedlichen therapeutischen Berufen.
Erst das Absolvieren aller zwölf Module mit 300 Unterrichtseinheiten führt zum zertifizierten Abschluss „Landschafts-Therapeut/in“.
Vermittelt werden fachliche Grundlagen aus dem therapeutischen, sozial-pädagogischen, natur-pädagogischen und wissenschaftlichen Bereich.
Ganz wichtig ist den Lehrenden aber auch das Erleben und Erfahren von Landschaft während der Ausbildung. Von daher findet sie überwiegend draußen statt in den unterschiedlichen Landschaften Baden-Württembergs – also Schwarzwald, Schwäbische Alb, Bodensee, Allgäu und im Elsass.
Im ersten Drittel der Ausbildungszeit wird die Beziehung der Teilnehmenden zur Landschaft gepflegt. Das zweite Drittel fokussiert das Zusammenspiel von Landschaft mit Gehirn, Nerven, Muskeln und Immunsystem. Der letzte Block vermittelt die Weitergabe des Erlernten und Erfahrenen, also ganz konkret die praktische Arbeit als Therapeutin. Für Interessierte bietet der UmweltDienst Dorka auch Orientierungs-Schnupperkurse an. Weitere Details unter www.landschafts-therapeut.de oder unter www.dorka-umweltdienst.de oder www.naturkolleg.de

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31.10.2011, 12:00 Uhr

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