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Ermordet in Grafeneck

Wendelsheim gedenkt des Todes von Karl Eugen Albus

Ein Familienforscher brachte es ans Licht: Fast auf den Tag genau heute vor 70 Jahren wurde der Wendelsheimer Karl Eugen Albus in der Heilanstalt Grafeneck umgebracht – auch er ein Opfer des nationalsozialistischen Krankenmord-Programms.

05.10.2010
  • von willibald ruscheinski

Wendelsheim. Es war der Wendelsheimer Landwirt Alfons Bunk, der durch einen Zufall Karl Eugen Albus‘ Schicksal auf die Spur kam. Nach dem Tod seiner Mutter vor einigen Jahren sichtete Bunk deren Nachlass und entdeckte unter diesem den Wehrpass seines Verwandten, aber auch andere Unterlagen, die Albus‘ Lebens- und Leidensweg nachzeichnen halfen.

Demnach zog der am 25. September 1894 geborene Karl Eugen Albus 1914 in den Ersten Weltkrieg, wurde für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz dekoriert, geriet in englische Gefangenschaft und kehrte erst nach Kriegsende im November 1918 wieder in dieHeimat zurück. Wie Zigtausende anderer Soldaten allerdings war er von seinen Erlebnissen offenbar dermaßen gezeichnet, dass an die Wiederaufnahme einer bürgerlichen Existenz im heimischen Wendelsheim dauerhaft nicht zu denken war. Albus musste in der Heil- und Pflegeanstalt Rottenmünster untergebracht werden, damals die zuständige Institution für psychisch Kranke aus dem württembergischen Schwarzwaldkreis.

Todesursache verschleiert

Im Herbst 1940 erreichte die Familie ein Schreiben aus Rottweil, das dort mit Datum vom 16. September aufgegeben worden war. Darin stand zu lesen, der Patient Albus sei „auf höhere Weisung“ in eine andere Anstalt verlegt worden, nämlich nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Am 4. Oktober 1940 schließlich wurde den Angehörigen mitgeteilt, der damals gerade 46-Jährige sei „plötzlich und unerwartet an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben“. Eine Standardformulierung, die in solchen Bescheiden aus Grafeneck immer wieder verwendet wurde, um den organisierten Massenmord an Menschen zu verschleiern, die nicht den Nützlichkeitskriterien der NS-Rasseideologie genügten.

Mit den Gefallenen auf einem Denkmal

70 Jahre danach hat Alfons Bunk, nach einigen Recherchen, dessen Geschichte an die dörfliche Öffentlichkeit gebracht. Ende September gedachte die katholische Kirchengemeinde bereits in einem Trauergottesdienst des Ermordeten. Vergangene Woche nun setzte sich der Ortschaftsrat mit dem Thema auseinander, Und entsprach einstimmig Bunks Wunsch, das Schicksal von Karl Eugen Albus für alle sichtbar im Gedächtnis zu bewahren. Für die Tagesordnung behalf die Verwaltungsstelle sich noch mit der Formulierung, es gehe um einen „an den Kriegsfolgen Verstorbenen“. Dann entschied das Gremium, dass auch Albus’ Name unter jenen der Wendelsheimer Gefallen und Vermissten erscheinen wird, an die das Kriegerdenkmal auf dem Friedhof und die Ehrentafeln auf dem Rathaus erinnern.

Deckname Aktion T 4

Wie viele Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Rottenmünster Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde wurden – darüber machen unterschiedliche Quellen noch immer unterschiedliche Angaben: Das heutige Hospital Vinzenz von Paul selbst nennt die Zahl von 300 Patienten, während das Dokumentationszentrum in Grafeneck vorläufig von 178 Opfern ausgeht.

Insgesamt brachte das ärztliche Anstaltspersonal bei der Tötungs-Aktion in Grafeneck, die unter dem Decknamen T 4 ablief, zwischen Januar und Dezember 1940 systematisch an die 10 000 kranke Menschen vor allem aus den süddeutschen Ländern um.

Getötet wurden sie mit Kohlenmonoxid, in einer eigens dafür eingerichteten Gaskammer, die als Duschraum getarnt war. Um unauffälliger morden zu können, hatte die Anstalt ein Krematorium und ein eigenes Standesamt zur Beurkundung der Todesfälle eingerichtet.

Wendelsheim gedenkt des Todes von Karl Eugen Albus
An die Gefallenen, aber auch die Vermissten beider Weltkriege aus Wendelsheim erinnert dieses Denkmal auf dem örtlichen Friedhof. Bis spätestens zum Volkstrauertag, so hat es der Ortschaftsrat beschlossen, soll an dieser Stelle nun auch Karl Eugen Albus‘ mit einer neuen bronzenen Namensplatte gedacht werden.Bild: Mozer

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05.10.2010, 12:00 Uhr

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