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„Einige Brutreviere nicht entdeckt“

Windpark: Nabu kritisiert Vogelgutachter der Stadt / Nabu-Chef lehnte Gespräch zwischen Gutachtern ab

Der Horber Naturschutzbund sieht Mängel im Vogelgutachten, das im Auftrag der Stadt Horb für das Windpark-Untersuchungsgebiet im „Großen Hau“ erstellt worden ist. Ein Meinungs- und Erfahrungsaustausch zwischen den Gutachtern von Stadt und Nabu, den Verwaltungs- Fachbereichsleiter Peter Klein in einem Schreiben vom 18. September angeregt hat, wurde von Nabu-Chef Eckhard Kiefer abgelehnt.

05.10.2012
  • Andreas Ellinger

Horb. „Der Nabu Horb hat aus Sorge um die windkraftsensiblen Greifvögel im Waldgebiet Großer Hau / Seewald den Spezialisten Jochen Walz (Diplom-Bio-Geograph und Freier Ökologe) mit einer umfangreichen Untersuchung im Zeitraum von Juni bis August 2012 beauftragt“, schreibt Nabu-Vorsitzender Eckhard Kiefer in einer Pressemitteilung seiner Ortsgruppe. „Herr Walz sollte alle windkraftsensiblen und gefährdeten Greifvögel untersuchen, ihre Brutreviere lokalisieren und ihre Flugbewegungen über dem Waldgebiet beobachten und erfassen. Herr Walz ist in Baden-Württemberg einer der führenden Milan-Spezialisten, der schon viele Untersuchungen zum Thema Rot- und Schwarzmilan durchgeführt hat (unter anderem auch für die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg), und durch zahlreiche Fachveröffentlichungen bekannt ist.“

In bis zu einem Kilometer Entfernung zum Windpark-Untersuchungsgebiet konnte Jochen Walz „kollisionsgefährdete Vogelarten feststellen und lokalisieren“: zwei Rotmilan-Reviere mit Nachwuchs, ein Rotmilan-Revier (Brut nicht erfolgreich), ein Schwarzmilan-Revier, ein Wespenbussard-Revier mit Nachwuchs (drei Jungvögel), ein Wespenbussard-Revier-Verdacht (zwei Jungvögel), ein Baumfalken-Revier und zwei Rotmilan-Jungesellen. In einem Abstand von 1,2 bis 2,3 Kilometern zur Planungsfläche hat der Gutachter laut Horber Nabu sieben Rotmilan-Reviere mit fünf erfolgreichen Bruten vorgefunden. „Zwei bis drei zusätzliche Rotmilan-Reviere werden östlich und südöstlich des Großen Hau vermutet (dort wurde bisher nicht explizit untersucht).“ Laut Jochen Walz sei die Milan-Dichte in dem Gebiet „ausgesprochen hoch“. Weiter schreibt die Nabu-Ortsgruppe: „Die Untersuchung der Flugbewegungen von Rot- und Schwarzmilanen sowie Wespenbussarden ergab, dass alle Waldbereiche regelmäßig von den Vögeln überflogen werden und daher zu den regelmäßigen Aktionsräumen der Vögel gehören.“ Das Fazit von Walz (wir berichteten): „Von der Errichtung eines Windparks im Bereich Großer Hau/Seewald ist dringend abzuraten.”

Am Gutachten des „Büros für Faunistik und Landschaftsökologie“ (BFL), das im Auftrag der Stadt Horb erstellt wurde (wir berichteten), übt der Nabu Kritik: „Leider müssen wir feststellen, dass die BFL einige der relevanten Brutreviere (zwei Wespenbussarde, Schwarzmilan, Baumfalke) und die sieben Rotmilan-Reviere im näheren Umfeld nicht erfasst hat. Hierzu müssen wir anfügen, dass die BFL nicht, wie nach den Kartierungsrichtlinien der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) vorgeschrieben, die Flugkorridore der Greifvögel von der Balzperiode (Mitte März) bis zur Bettelflugperiode (Ende August) untersucht hat, sondern nur vom 3. April bis 19. Juli. Die Untersuchungstermine der Fortpflanzungsstätten wurden nur vom 29. Februar bis 25. Juni untersucht und nicht, wie von der LUBW vorgeschrieben, von Ende Februar bis Mitte August. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die BFL die Wespenbussarde nicht entdeckt hat, da die Jungvögel erst Ende Juli/Anfang August flügge werden (wo die BFL nicht mehr beobachtet hat). Leider wurden auch Schwarzmilan und Baumfalke nicht erkannt. Unverständlich ist, dass die BFL die sieben Rotmilan-Reviere im Umfeld zwischen 1,2 bis 2,3 Kilometern nicht entdeckt beziehungsweise nicht in ihrem Untersuchungsbericht erwähnt hat. Es verwundert uns zudem sehr, dass die Ein-Kilometer-Tabuzonen um die Horste auf 500 Meter reduziert wurden, obwohl in der Visualisierung der Überflüge des BFL das gesamte Waldgebiet in allen Richtungen überflogen wird. Die Visualisierung der Flugbewegungen nach der Untersuchung von Herrn Walz zeigt deutlich, dass das Waldgebiet von den Rotmilanen und Wespenbussarden in allen Richtungen überflogen wird. Eine Ausnahmeregelung kommt daher nach den Vorschriften der LUBW nicht in Betracht. Die Zugvogelerhebung ist außerdem aus Sicht des Artenschutzes nicht vollständig, da in der Hauptzugzeit der Rot- und Schwarzmilane (vom 10. bis 20. Oktober) nicht beobachtet wurde. Es besteht sogar der Verdacht, dass sich in der Nähe sogar ein gemeinschaftlicher Schlaf- oder Sammelplatz von Rotmilanen befinden könnte. Allein bei der großen Anzahl ziehender Rotmilane durch den Raum (alleine am 9. Oktober 2011 innerhalb von drei bis vier Vormittagsstunden 90 Rotmilane) sind Kollisionen vorprogrammiert. Die Schlussfolgerung der BFL, dass der Windpark in diesem Wald möglich sei, ist daher aus artenschutzrechtlicher Sicht nicht nachvollziehbar.“ Soweit die Nabu-Ortsgruppe, die davon ausgeht, „dass der Untersuchungsbericht von Herrn Walz auch bei der Entscheidung der Stadt, im Sinne der von der Stadt Horb angestrebten Transparenz und Bürgerbeteiligung, voll berücksichtigt wird“.

Wäre es nach Oberbürgermeister Peter Rosenberger gegangen, wären die Erkenntnisse des Nabu-Gutachtens bereits in die Gutachter-Arbeit des Büros für Faunistik und Landschaftsökologie eingeflossen, wie er im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE mitgeteilt hat. Chef-Stadtplaner Peter Klein habe den Nabu-Vorsitzenden kontaktiert, um einen „Meinungs- und Erfahrungsaustausch“ zwischen den Gutachtern herbeizuführen – „auch im fachlichen Detail“. Der Vorschlag sei jedoch von Eckhard Kiefer abgelehnt worden, weil er „zum gegenwärtigen Zeitpunkt Gespräche für überflüssig gehalten“ habe – am 20. September. Außerdem habe Jochen Walz „momentan für ein Gespräch keine Zeit“, wie Kiefer laut Rosenberger ausgeführt hat. Klein hatte am 18. September beim Nabu-Chef angefragt – als ersten Terminvorschlag hatte er den 26. September genannt.

Kiefer schildert den Vorgang so: „Eine kurzfristige Anfrage von Herrn Klein von der Stadt Horb zum ,Datenabgleich‘ mit dem Gutachterbüro BFL hielten wir nicht für sinnvoll, da Herr Walz zeitlich nicht zur Verfügung stand. Die Stadt hatte ja ohnehin schon unsere Daten, der Untersuchungsbericht der Stadt Horb lag uns aber nicht vor.“ Die SÜDWEST PRESSE fragte nach, wieso er nicht einen späteren Termin vorgeschlagen und um das Gutachten der Stadt gebeten habe. Kiefer: „Das war ein bisschen ungeschickt von mir.“

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05.10.2012, 12:00 Uhr

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