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Geschichte

Zwei Männer und die Ostgermanen

Für Bernhard Würger ist es Lebensinhalt. Andreas Bronner ist ein Spätbekehrter. Die SÜDWEST PRESSE besuchte mit den beiden Männer die Alamannen-Ausstellung im Horber Stadtmuseum.

13.09.2017
  • Dunja Bernhard

Andreas Bronner strebt im Horber Stadtmuseum gleich auf die große Vitrine zu. „Wo es goldig glänzt, da zieht es die Leute hin“, sagt der Ortvorsteher des Fundorts Altheim. Er führte schon einige Gruppen durch das Horber Stadtmuseum.

Als die Berichterstatterin wegen der Terminabsprache bei ihm anrief, sagte er, er habe eigentlich immer Zeit für einen Besuch in der Ausstellung. Bernhard Würger meinte, es ginge gleich am Montag, wenn das Museum da schon wieder offen habe. Hatte es.

Würger möchte lieber mit einer anderen Vitrine anfangen. „Wenn man sich zunächst die Völkerwanderung anschaut, versteht man die Zusammenhänge“, erklärt der ausgewiesene Hobby-Archäologe. Aus der Balkanregion und von der Donau seien die Bewohner des Talbergs vor über 1500 Jahren eingewandert, beginnt er zu erzählen. Drei Sippen hätten sich beim heutigen Altheim niedergelassen, die alle miteinander verwandt waren. Das ergaben die Knochenuntersuchungen. Auch dazu gibt es eine Vitrine in der Ausstellung. Aber die ist dem Praktiker Würger nicht so dringlich. Wie das funktioniere, verstehe er nicht so ganz, gibt er zu.

Dafür kann er sich bei jedem Schmuckstück, bei jeder Waffe daran erinnern, in welchem Grab sie lagen. Für ihn sind die Fundstücke ganz eng mit den Menschen verbunden, denen sie gehörten. „Hier liegt die Frau vom Spathakrieger“, sagt er und zeigt auf zwei Fibeln und eine Holzperle. Spatha ist ein zweischneidiges Schwert mit gerader Klinge.

Als in einzelnen Gräbern neben Waffen und Fibeln auch Ohrringe gefunden wurden, sei zunächst der Gedanke aufgekommen, ob es bei den Ostgermanen auch Amazonen, Kriegerinnen, gegeben habe. Die Diskussion sei gleich vor Ort, in den Gräbern stehend und über die Gräber hinweg diskutiert worden, erzählt Bronner. Er nahm auch einige Male an den Ausgrabungen teil. Im alamannischen Raum seien keine Ohrringe bei Männern bekannt gewesen, nimmt Würger seine Ausführungen wieder auf. Doch bei den Ostgermanen trugen wohl auch die Männer welche.

Die Erkenntnis, dass eine Verbindung der frühen Bewohner des Talbergs in den Donauraum bestand, sei der Doktorarbeit von Denise Beilharz zu verdanken, schiebt Bronner ein. Würger zeigt auf einen Röhrenhenkelkelch in der Vitrine. Altheim ist der bisher westlichste Fundort dieses charakteristischen Gefäßes.

„Die Gefäße, auch Gläser und Krüge, standen in Nischen, die seitlich auf Armhöhe in den Gräbern waren“, berichtet Würger. Vor seinem geistigen Auge scheint sofort wieder die Ausgrabungszeit zu stehen. Dabei ist sie schon 16 Jahre her. Dr. Wieland sei der Ausgrabungsleiter gewesen. „Der Vorname?“ Den wisse er nicht mehr. „Ich habe ihn immer mit Doktor angesprochen.“ Das Buch über die Ausgrabung gibt Auskunft: Günther Wieland.

Zunächst waren jedoch nur Überreste von den Römern erwartet worden. „Am letzten Tag haben wir dann das erste Grab gefunden“, erzählt Würger. Das sei nur ein Skelett gewesen, ohne Beigaben. Doch da sei klar gewesen, dass dort noch mehr zu finden ist. „Da ist auch bei mir der Bann gebrochen“, erzählt Bronner. Die Neugierde erwachte. Das sei dann wie eine Sucht. „Bei mir ist es schon eine Krankheit“, sagt Würger. Er holt einen Plan, auf dem die Mauerreste der Römer und alle Gräber eingezeichnet sind. „Dort“, sagt er und zeigt auf eine Stelle, wo das braune Papier unbemalt ist, habe ein Bauherr ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht und einfach die Baugrube ausgehoben. Würger scheint es noch jetzt zu schmerzen, dass Gräber dadurch unwiederbringlich zerstört wurden.

Nachdem geklärt ist, woher die Menschen kamen, deren Gräber in Altheim gefunden wurden, rückt Würger zur großen Vitrine im hinteren Teil des Museums vor. Dort liegen die Grabbeigaben des „Spathakriegers“. Ein Schwert mit Goldgriff, ein Sax (einschneidige Hiebwaffe), eine Lanze und die Grabbeigaben des Pferds. Den Pferdeschädel haben wir komplett eingegipst, bevor wir ihn geborgen haben“, erinnert sich Würger.

Getrennt nach einzelnen Gräbern präsentieren sich die Fundstücke in der Vitrine. „Da warst du auch dabei“, sagt Würger zu Bronner und zeigt auf den Schmuck aus Grab 14. Bronner zuckt mit den Schultern. Er sei das erste Mal bei einer Grabung dabei gewesen, sagt er entschuldigend. Dann zeigt er auf einen Armreif mit Scharnier. „Schauen Sie mal hin, wie schön er gearbeitet ist.“ Es sei unglaublich, wie weit die Menschen technisch damals schon waren.

In Altheim habe es eine ganze Zeit gedauert, bis die Bevölkerung die Bedeutung der Ausgrabungen erkannt habe, sagt der Ortsvorsteher. Zunächst habe es geheißen „für Feldwege ist kein Geld da, aber für so etwas“. Heute seien die Altheimer stolz darauf, ein Stück ihrer Geschichte bekommen zu haben. „Das betrifft ja ihre ureigenste Kultur.“

Würger hat neben Erwachsenen schon etliche Schulklassen durch die Ausstellung geführt. Neulich waren sogar Studenten aus Freiburg da, denen er, der gelernte Maler und frühere Daimlermitarbeiter, die Fundstücke und ihre Bedeutung erklärte.

Würger war es, der bei der Ausweisung des Altheimer Baugebiets darauf hinwies, dass Überreste von früheren Bewohnern zu finden sein könnten. „Zu meinem Leidwesen“, sagt Bronner mit dem sprichwörtlich lachenden und weinenden Auge. „Wie kamen Sie darauf, Herr Würger?“ Das sei seine Nase, sagt er und lacht verschmitzt. Den nächsten Ausgrabungsort hat er auch schon im Blick. „Da könnten Überreste von den Kelten zu finden sein.“ Wo das sein wird, will er jedoch nicht verraten.

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13.09.2017, 01:00 Uhr

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