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Künstlerkolonie fürs Kloster

Zwei Wochen Arbeit im Schwarzwald für die Ausstellung „Spiegel im Spiegel“

Eine ungewöhnliche Ausstellung erwartet die Horber ab Sonntag in der Klostergalerie: Einen Teil der Exponate haben Jakob Schaible, Ali Kaaf, Markus Wüste und Antonio Paucar erst in den vergangenen zwei Wochen geschaffen. Die SÜDWEST PRESSE hat die vier Künstler bei ihrer Arbeit in Klosterreichenbach besucht.

26.06.2010
  • Claudia Salden

Horb/Klosterreichenbach. Ein Notizbuch und eine Packung Tabak liegen neben einem Stuhl im Gras. Wenige Meter entfernt, in der hintersten Ecke eines Gartens in Klosterreichenbach, setzt Markus Wüste die Schleifmaschine an: Schicht um Schicht trägt er von einem halb vermoosten Granitstein ab, bis eine glatte Schnittfläche entsteht. „Das meiste schleife ich mit der Hand. Das Ergebnis ist dann viel organischer“, erklärt er.

Der Künstler hat in den vergangenen Tagen an einer ganzen Serie geschliffener Granitsteine gearbeitet. Sie alle stammen aus der Murg, die durch Klosterreichenbach fließt. Wüste schleift den Teil der Steine ab, die normalerweise im Fluss oberhalb der Wasseroberfläche zu sehen sind, und dreht damit die Blickrichtung des Betrachters um. Seine „Gewässer des Irrtums“ sind Teil der Ausstellung „Spiegel im Spiegel“, die am Sonntag in der Horber Klostergalerie eröffnet wird.

Es ist eine ungewöhnliche Ausstellung des Kunstvereins Oberer Neckar, denn ein Teil der Exponate ist erst kurz vor Ausstellungsbeginn entstanden: in der Klostergalerie und in Klosterreichenbach. Dort ist Jakob Schaible aufgewachsen, der mit seinen Freunden Markus Wüste, Antonio Paucar und Ali Kaaf, die er vom Studium an der Universität der Künste in Berlin kennt, bereits früher gemeinsam ausgestellt hat. „Jeder von uns hat seinen eigenen Zugang zu seinem Medium, aber wir haben eine gemeinsame Herangehensweise entwickelt“, sagt Schaible. Zur Vorbereitung der neuen Ausstellung hat er seine Künstlerkollegen zwei Wochen aufs Grundstück seiner Familie zum gemeinsamen Leben und Arbeiten eingeladen.

„Ich bin begeistert von der wunderschönen Umgebung“, sagt Ali Kaaf, der zum ersten Mal im Schwarzwald ist. „Die Eindrücke und Ideen, die ich hier sammele, fließen in meine Kunst ein.“ Die Künstler haben die Gegend erkundet, zusammen gekocht, ihre Ideen besprochen und gemeinsam gearbeitet. „Aus dem Leben hier trägt jeder von uns etwas in seine Werke hinein“, sagt Jakob Schaible im Atelier seines Großvaters. Der enge zeitliche Rahmen war allerdings eine Herausforderung, denn bis zur Ausstellung muss alles fertig sein: „Wir mussten uns überlegen, wie man in diesem Zeitraum etwas erschaffen kann und kontinuierlich am Arbeitsprozess dranbleiben“, erklärt Schaible. Dieses situative Arbeiten mache den besonderen Reiz der Kunstwerke aus. „Die schnellen Entscheidungen, die nötig sind, verleihen dem Schaffensprozess eine ganz andere Dynamik“, meint Markus Wüste. Die Zeit in Klosterreichenbach war deshalb laut Schaible kein Urlaub, sondern „zehn Stunden Arbeit am Tag in angenehmer Atmosphäre“.

Neben den Steinarbeiten von Markus Wüste zeigt die Ausstellung in Horb Gemälde, Fotografien, Installationen und eine Performance. Von Jakob Schaible wird eine Rauminstallation zu sehen sein, die Schwingungen von Musik auf die Bewegung eines Grashalms überträgt. Ein Gebirge aus Papier macht den Übergang von der Zwei- in die Dreidimensionalität deutlich, Seen aus schwarzer Farbe und Salzwasser verdeutlichen die Fließeigenschaften von Flüssigkeiten. Eine wie gemalt aussehende Fotografie zeigt eine Schwarzwaldsilhouette – allerdings ganz dem Ausstellungstitel getreu gespiegelt: oben und unten, hell und dunkel ins Gegenteil verkehrt.

Ali Kaaf zeigt im Horber Kloster eine Foto-Reihe mit neun Arbeiten, die er vor kurzem auch bei einer Kunstmesse in Rom ausgestellt hat. Die Serie wird dort demnächst in einem neuen zeitgenössischen Museum gezeigt. In Horb sind außerdem mehrdimensionale Tusche-Arbeiten mit ausgebrannten Rändern zu sehen, die die Frage nach dem Übergang stellen. „Ich beschäftige mich viel mit dem Bewussten und dem Unbewussten“, sagt Ali Kaaf. Seine Werke sind von visueller Spannung und Dualitäten der Ebenen und Kontraste geprägt.

Der Peruaner Antonio Paucar bringt Materialien seiner Heimat ins Horber Kloster: Er arbeitet mit der Kohle des amerikanischen Holzes Palo Santo – und zwar mit den Füßen. Zu sehen sind auch zwei Bilder, auf denen er in Tusche getauchte Kreisel sich hat drehen lassen. Das Ergebnis sind Spiralen in unterschiedlichster Form. Außerdem nutzt Paucar die magnetischen Eigenschaften von Graphitstaub für seine Zeichnungsperformances. Wie das funktioniert, zeigt der Künstler bei der Eröffnung.

Die Ausstellung im Kloster ist sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Im Herbst oder spätestens im Frühjahr soll sich eine zweite Arbeitsphase in der syrischen Hauptstadt Damaskus anschließen, woher die Familie von Ali Kaaf stammt. Eine Abschlussausstellung in Berlin wird Werke aus beiden Schaffensphasen versammeln.

Info Siehe auch die Bilderseite

Vernissage und Finissage zu „Spiegel im Spiegel“

Wegen der Fußball-Weltmeisterschaft wird die Ausstellung am Sonntag, 27. Juni, eine Stunde später eröffnet: um 18 und nicht wie angekündigt um 17 Uhr. Auch danach sind Gäste willkommen.

Zur Eröffnung gibt es eine Performance von Antonio Paucar und eine Lesung von Walle Sayer. Grußworte sprechen Landrat Peter Dombrowsky und Ursula Bähr, die Vorsitzende des Kunstvereins Oberer Neckar.

Zur Finissage am Sonntag, 25. Juli, um 17 Uhr wird die Dokumentation der Ausstellung vorgestellt, die von der Kreissparkasse Freudenstadt und vom Landkreis finanziell unterstützt wird. Sie wird einen Text von Walle Sayer enthalten, zu dem sich der Schriftsteller von den Exponaten inspirieren lassen will. Und es tritt die Musikerin Russudan Meipariani aus Georgien auf. Sie singt in einer selbst kreierten Sprache und spielt Klavier.

Zwei Wochen Arbeit im Schwarzwald für die Ausstellung „Spiegel im Spiegel“
In Klosterreichenbach haben die Künstler auch an Werken gearbeitet, die nicht in Horb gezeigt werden. Hier brennen Markus Wüste und Antonio Paucar überschüssiges Material einer Skulptur aus Stroh, Erde und Kuhmist ab. Privatbild

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26.06.2010, 12:00 Uhr

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